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Edition paradogs #3 - wo Hakenkäuzchen plärren
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Edition paradogs #3 - wo Hakenkäuzchen plärren
Kritik

Dichtung in Zeiten des Anthropozäns.

Daniel Falbs Angriff auf die Lyrik - CEK
Hamburg

Als Großformat, beinahe A4, und in grauem Karton kommt Daniel Falbs neuer Gedichtband bei kookbooks daher. Darauf stehen rot die Großbuchstaben C, E, K in drei der Ecken, während in der Mitte ein faustkeilförmiger, von unregelmäßigen Linien gegliederter roter Fleck wie ein Kontinent thront. So ungewöhnlich und spröde die äußere Aufmachung, so verspielt abstrakt auch die Gruppierung der Gedichte in Blöcke, deren Verzeichnis praktischerweise auf der Rückseite des Bandes abgedruckt ist. Dort heißt es dann FÜNF TEXTE EINS, VIER TEXTE ZWEI usw. Insgesamt werden mit dieser auf die Quantität runtergebrochenen Benennung 41 Gedichte gebündelt. Und weil es zum wissenschaftlich-asketischen Gestus passt, werden die Anmerkungen von Seite 69-70 dann auf Englisch als NOTES angeführt.

Weder CEK (wie spricht man das überhaupt aus?) noch das Inhaltsverzeichnis geben irgendwelche thematischen Anhaltspunkte, außer man liest die Art der Präsentation selbst als einen ersten Hinweis darauf, das hier einer mit dem lyrischen Herkommen brechen will und neu anzusetzen versucht. Wenn also zwischen den grauen Buchdeckeln ein poetischer Kontinent liegt, den es zu erforschen gilt, dann zuerst einmal Hut ab vor dem Mut, einen solchen vorzulegen, und gleich mit angelegten Ohren hinein.

COÖPERATION est KOÖRDINATION. Terrapoetik heißt es da nach dem Titelblatt und so klärt sich zumindest die Herkunft des rätselhaften Titels, nicht ohne sofort wieder selbst Rätsel aufzugeben. Warum die wechselnde Schreibung mit C und mit K, warum die Umlaute, warum die lateinisch wirkende Kopula est? Und dann Terrapoetik. Der Mann geht also aufs Ganze. Was ist das Ganze? Nichts, was sich so einfach verstehen ließe. Poesie geht anders, denkt sich der Leser, denkt sich Falb. Doch meinen beide dasselbe? Denn schlägt man schließlich die das Buch eröffnenden FÜNF TEXTE EINS auf, stellt sich die heterogene Form (arabische Schriftzeichen, Großschreibung, Kursiva, Sprachsplitter aus dem Arabischen, Englischen, Lateinischen, Abkürzungen, Zahlen, mathematische Symbole etc.) nicht nur dem einfachen Lesevorgang entgegen, die Heterogenität des Materials überfordert die LeserInnen systematisch, gewohnte Sinnfindungsstrategien werden vom Autor absichtlich unterlaufen: Nec, aion urbana an ayAi ‒ In der Verzweiflung geht man ins Internet und mit geduldiger Recherchearbeit lässt sich das eine oder andere Bruchstück kontextualisieren, ohne dass einem deswegen viel über die meist A4-langen Gedichte selbst aufginge.

Dennoch klärt sich im Laufe der beschwerlichen Lektüre die eine oder andere Abkürzung (etwa Lsx für Leser), schält sich ein Panorama heraus, in dem sich das Szenario, aus dem heraus hier geschrieben wird, verorten lässt: Was in diesen Gedichten besichtigt werden soll, ist das Anthropozän, also jenes geologische Zeitalter, das mit unserer massiven globalen Aktivität und Vernetzung angebrochen ist und in dem wir durch die rücksichtslose Übersteuerung aller selbstregulierenden Systeme des Raumschiffs Erde (Buckminster Fuller) im beschleunigten Modus auf unsere eigene Auslöschung als Spezies zusteuern. Die Gedichte sind also aus einer Zukunft geschrieben, in der wir und die menschlichen Artefakte nur mehr Teil eines Stratums sind, das von kommenden Alien-Geologen besichtigt werden kann. Daher die Konglomeratstruktur der Gedichte, das wilde Nebeneinander von Fundstücken, die umfängliche Kontextarbeit benötigen, um als Gedichte gelesen werden zu können.

Dass wir bei der Lektüre von Falbs Texten zum Internet greifen, ist kein Zufall: „Anthropozändichtung ist Internetdichtung insoweit, als das Internet das Anthropozän produziert“, heißt es in der sechsten Box von ANTHROPOZÄN, dem Traktat, das Falb ebenfalls 2015 im Verlagshaus Berlin in der Edition Poeticon veröffentlicht hat und den poetologischen Überbau zu CEK liefert. Auf wenige Sätze runtergebrochen lässt sich Falbs auffallend normativer Ansatz so zusammenfassen:

„Die heiße Gegenwart des Anthropozäns“ lasse sich nicht mit unserer tierischen Sinnenausstattung erkennen, sondern ist ein Prozess, der nur in den Modellen und Zahlenbergen der Klimaforschung, Demographie, Ökologie etc. kenntlich wird. Da dieses „technowissenschaftlich erzeugte Objekt“ aber nicht sichtbar ist, muss der/die Anthropozän-Dichter/in erst lernen diese Datentopologien und -räume zu bewohnen. Falb injiziert der Dichtung eine volle Ladung Avantgarde, wenn er behauptet, dass Dichtung „auf dem Weg der parasitären Einverleibung von allem und jedem Neuen, was sie nicht ist“ geschaffen wird. Das Resultat ist die Infragestellung von fast allem, was bisher als Kriterium für Dichtung in die Waagschale geworfen wurde: die Arbeit an der Sprache, die Verwendung von Metaphern, Fiktionalität. Was unsichtbar ist, so Falb, kann auch keine Ästhetik haben, „und wenn das Anthropozän unsichtbar ist, dann hat das Anthropozän keine Ästhetik“.

Der avantgardistische Furor und die Belesenheit in weit abgelegenen Wissensfeldern, mit denen Falb seine Gedichte ausstaffiert, aber auch der diskursive Aufwand und Scharfsinn, der sich in seiner Anthropozän-Schrift artikuliert, ist beeindruckend und gibt Anlass, das eigene Schreiben und die zeitgenössische Produktion auch unter dem Blickwinkel des Anthropozäns zu betrachten und grundlegende poetologische Fragen nach dem Was, dem Wie und Warum der Poesie zu stellen. Die Lektüre kann also im besten Fall zu produktiver Verunsicherung führen, zu einer Hinterfragung gängiger Lyrikklischees. Außerdem bringt der Band mit der Thematisierung der NSA-Überwachung und ihrer Aufdeckung durch Snowden oder der Ermordung von Umweltaktivisten in Lateinamerika eine Aktualität in die Dichtung, die man sich öfter wünschte, obwohl es ungemein schwer ist, ihr eine befriedigende Form zu geben.

Doch was soll mich als Leser bei den Gedichten halten, die absichtlich disparat sind und der sprachlichen Form keine Aufmerksamkeit angedeihen lassen, die Alltagsprosa einfach in Zeilen brechen: „Vielen Dank /für diese wundervolle Einladung“, „In unserem Gespräch über die Stiftung wurde deutlich/ dass sie meint,  dass auch Sie da am Lesepult/stehen“ (VIER TEXTE ZWEI) oder Sachbuchprosa versifizieren: „die seltenheit von helium 3 im östlichen lager maskiert/ den reichen vorrat derselben substanz im lager des nordens“ oder simple Beschreibungen liefern „die us‒amerikanische fahne bleibt durchscheinend selbst dort, wo streifen und sterne/sich ihr zugesellen. die fahne maskiert/ eine mannigfaltigkeit alternativer kombinationen von 7 streifen mit einer blauen fläche“. (VIER TEXTE ACHT) Bei dieser Missachtung jeglicher sprachlicher Form geht es auch mit der Groß- und Kleinschreibung bunt durcheinander, immer wieder gibt es auch absichtlich gesetzte Grammatikfehler, die aber auf keine höhere Logik verweisen. Sie stellen einfach Heterogenität aus. Deshalb wundert auch die klare Ansage nicht, mit der der Autor auf seine Lsx losgeht:

Und insgeheim damit werde ich Dir, Lsx, mit der zusammenlaufenden Tinte,
den Pixel und dem Klang
dieses Wortes Dein Gehirn versauen, direkt da drin, du Lyrik-
Spast
bei deiner allereigensten Datenportion, Obstgarten, die MOTHERFUCKER
DIE

Das hier ist eine der griffigsten Stellen des Bandes, an der man sich als Leser/in angesprochen fühlen muss. Warum Falb dem Ästhetischen einen „Stupidity-Vektor“ unterstellt, aber nicht dem Gestus des pubertären Anrotzens kann hier nicht beantwortet werden. Aber die grundsätzliche Absage an die „Trivialitäten und Redundanzen der Erfahrbarkeit“ (man lese die Denunziation des Menschlichen mit) und „jeder durch Einzelkörper aktuell gegebene Phänomenologie von Welterfahrung“, läuft auf die Durchtrennung des vitalsten Bandes der Dichtung hinaus, von der sich Falb in seinen Gedichten nicht erholt, und die deshalb, wie wir oben sahen, auch voller Trivialitäten sind. Was sich für mich nicht beantwortet, ist nämlich der Umstand, wie sich Dichtung (und nicht nur als „textbasierte Praktik der Wahrheitsproduktion“) überhaupt konstituieren kann, wenn ihr Was jenseits jeglicher Erfahrbarkeit liegen soll. Ist es dann nicht besser, die Arbeit der Wahrheitsproduktion den wissenschaftlichen Modellen zu überlassen? Warum sollen, wie Mario Osterland in seiner Besprechung von Falbs „Anthropozän“ in den Signaturen schon bemerkt hat, die verheerenden Bilder von versmogten Städte, überfluteten Inseln, endlosen Plastikteppichen in den Meeren etc. nicht das Anthropozän bebildern können, warum soll das nur Graphen und Modellen vorbehalten sein?

Und ist die Erklärung Falbs, die Anthropozän-Dichtung müsse sich vom Literarischen verabschieden, weil die „impliziten Argumente betreffend der Welt“ falsch seien, wirklich zutreffend? Für ihn operiert die Sprache in einem „abgeschlossenen Datenraum“, sie kann also gar nicht für das Neue offen sein. Abgesehen davon, dass dieses Argument selbst hinterfragbar ist1 wie verhält sich Falbs Dichtung dann selbst zu dieser Aporie? Warum soll, indem auf die Aufmerksamkeit auf die Sprache verzichtet und möglichst heterogene Fundstücke präsentiert werden, die a priori festgestellte Neuigkeitsresistenz gerade dadurch überwunden werden? Etwa „durch die genaue Analyse von anthropozänen Realmixturen und Assemblages von Dingen“, die Falb für seine Anthropozän-Dichtung in Anspruch nimmt. Was aber, wenn der Leser/die Leserin trotz eingehenden Studiums diese Analyse nicht nachvollziehen kann und ihm das sprachliche Gebilde in membra disjecta zerfällt?

Dann kann wohl nur eins sein: Es ist der Leser, you stupid.

  • 1. Sprache als historisch gesättigte Struktur zur mentalen Repräsentation und Interaktion ist selbstverständlich dynamisch und steht zukunftsoffen im ständigen Austausch mit dem gesellschaftlichen Ganzen und der von ihr mitgeschaffenen Wirklichkeit, sonst gäbe es ja auch keinen Sprachwandel.
Daniel Falb · Daniela Seel (Hg.)
CEK
COÖPERATION est KOÖRDINATION.
gestaltet von Andreas Töpfer
kookbooks
2015 · 72 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
9783937445717

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