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Kritik

In den Abgründen des Ruhms

Daniel Mezger führt Dave Gahan vor
Hamburg

In einer anderen Epoche hätte es einen Aufschrei gegeben, in den seligen Zeiten, da ihre LPs und CDs in wöchentlichen Zehntausenderschritten über die Händlertische gegangen sind. Nun, noch immer gehören Depeche Mode zu den bestverkauften Bands dieses Planeten, ihr Image scheint sich endgültig gewandelt zu haben von der Fusselbartband 1981 zu einer der reichen Schmerzensmänner-Combos, die die Achtziger und gar die Neunziger überstanden haben. Vieles bei Depeche Mode ist mittlerweile Ritual, das größte Wunder aber ist, dass es sie noch gibt, dass sie Platten machen und Millionen in Konzerte locken.

Im doppelten Krisenjahr 1995/1996 war’s, da das Pop-Schiff, dem mit „Violator“ und „Songs Of Faith And Devotion“ mindestens zwei so diametrale wie ernstzunehmende Groß-Alben gelangen, zu kentern drohte. Von gigantomanischer Tour zurück, sank jedes der seinerzeit noch vier Bandmitglieder seinem ganz persönlichen Abyss entgegen, Martin dem Alkohol, Fletch der Erschöpfung mehrerer Zusammenbrüche, Dave dem Heroin. Alan, schließlich, der Tüftler im Hintergrund, sah das Ende der Band gekommen und verkündete seinen Ausstieg, eine Entscheidung, die er heute, 20 Jahre später, bereuen mag.

Einzig die Fans hielten die Treue, bis heute. 1996 setzte sich Dave einen Cocktail aus Speed und Heroin, kollabierte und konnte nach zwei Minuten klinischen Totseins wiederbelebt werden. Seither zieht Gahan als geläuterter Sünder durch die Popwelt, das Erscheinen des „Ultra“-Albums 1997 ist als ein Mirakel zu betrachten. An diesem Punkt setzt Mezgers Text ein, ein Monolog mit einer erheblichen Prise Bosart und einem mehr als scharfkantigen Blick auf das Popgeschäft. Eine andere, viel mehr Gestürzte leistet ihm dabei, kiffend und blasend, Gesellschaft: Britney Spears. Ob die beiden sich je getroffen haben, man weiß es nicht und will es vielleicht nicht wissen. Dave, jedenfalls, in der Badewanne seiner Verzweiflung, findet in ihr eine mehr oder minder willfährige Zuhörerin, um von seiner Nahtoderfahrung im Ansatz zu berichten, von seinen Sorgen mit dem „Knabenchor“, der erst durch ihn zu einer richtigen Band wird, von seinen Problemen mit Martin vor allem.

Mezger spießt an dieser Stelle die Bandquerelen auf, als es 2003 darum ging, den stillen Martin vom Thron des Masterminds und einzigen Songschreibers zu stürzen – was letztlich gelang: seit 2005 steuert Gahan zu jedem Album drei Songs bei, nicht die schlechtesten des Spätwerks, wie man sagen muss. Mezger übertreibt also genüsslich, wenn er propagiert, dass sein Held nichts weiter zu berichten hätte als die Story seines Tods und später seiner Krebserkrankung; möglicherweise, nein, ganz sicher, so werden vor allem Depeche-Mode-Fans einwenden, hat er sich den falschen Protagonisten gewählt – die Kette tragischerer Gestalten im Musikgeschäft ist Legion. Indes, er hätte wohl weit und breit keine so extremen Antagonisten wie Martin Gore und Dave Gahan gefunden.

Voller Zitate ist der Monolog und Anspielungen, das eine oder andere Mal vergaloppiert sich Mezger in seiner abgründigen Popstar-Fiktion. So sind einige Ungenauigkeiten im Nachweis zu bemerken, die die spöttisch-sarkastische Überlegenheit des Tons konterkarieren. Einen Song namens „Zombie Room“ etwa gibt es nicht bei Depeche Mode, gleichwohl die Passage – die zitierte Stelle bezieht sich auf „The Dead Of Night“ vom „Exciter“-Album. Herrlich indes die Verschränkung der Basildon-Schilderungen, der Trübnis in der Kindheitsstadt des Helden, die zu einer Art verlustreicher „Godot“-Stelle wird.

Und Britney, mit dem Besorgen von Stoff oder eben dem Begreifen, dass es sich bei Dave nicht um einen bekannten Schauspieler handelt, befasst, hört sich die Suada des um sich (so Mezger) permanent Kreisenden an, über die neidvolle Hassliebe zu Martin, die Leere des Ruhms, das Privileg des Totgewesenseins, einen Zustand, den der Held im Stück mehrfach vergeblich wiederherzustellen sucht: „Das ist die beste Geschichte, die ich habe. Und das ist nicht bloß eine Geschichte. Das ist meine Geschichte.“

Kann man gut finden, muss man nicht. Der Erfolg der zahlreichen Aufführungen mag Mezger Recht geben. Und die dröhnenden Hangare des Abgrunds im Ruhm, es mag sie alle geben. Furios mischt der Autor die Ebenen der Wahrnehmungen, setzt Brüche in die monologische Struktur, indem eine imaginäre (?) Britney, ein Männergesangsverein (sei er vorhanden oder nicht, der Verfasser stellt es frei) zwischen einen an seine Geschichte geklammerten Helden und seine schlussendliche Rückkehr in die Wanne, das wohl wichtigste Requisit der ganzen Groteske, drängen. Und darüber hallt es vor Einsamkeit.

Nun denn. An und für sich ein schönes Stück dramatische Literatur. Wenn nur nicht Daves Gegroll so läppisch erschiene, das Synth-Genie Martin und der beste „Ein-Finger-Keyboarder der Welt“ nicht so schlecht wegkommen würden dabei. Da tut einem schon das geprüfte Waver-Herz weh. Wohlan: Wanne einlassen, Fön fortschließen. Oder: Vom Ruhm träumen, hoffend, dass er nicht kommt und einen zerreißt. Und möge Daniel Mezger vor dem Zorn der DM-Fans (zu denen sich der Rezensent selbst zählt und sich somit für zart befangen erklärt) behütet sein. Es sind, weiß man, die härtesten Fans der Welt …

 

 

Daniel Mezger
Als ich einmal tot war und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam
Salis
2015 · 120 Seiten · 9,95 Euro
ISBN:
978-3-906195-32-2

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