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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
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Kritik

Zwischen Scham und Schande

Hamburg

Natürlich ist es seltsam und schwierig etwas über einen Katalog zu einer Ausstellung zu schreiben, obwohl man die Ausstellung selbst gar nicht gesehen hat. Und genau so verhält es sich mit der Ausstellung „Scham. 100 Gründe, rot zu werden“, die noch bis zum 05. Juni im Deutschen Hygienemuseum in Dresden zu sehen ist, und mir. Andererseits ist das Begleitbuch, denn das ist das von Daniel Tyradellis herausgegebene purpurrote Buch ebenso wie eigentlich jeder gute Ausstellungskatalog, eine Sammlung von poetischen, wissenschaftlichen, künstlerischen und alltäglichen Überlegungen zum universellen und zeitlosen Phänomen der Scham, eine wunderbare Sammlung von Gedanken, die von allen möglichen und teilweise unerwarteten Ecken und Enden auf diese körperliche, unkontrollierbare und oft genug unverständliche Reaktion, zugreift, die sicher Lust auf mehr (in diesem Fall die Ausstellung in Dresden) macht, aber auch isoliert für sich stehen kann.

100 Gründe entsprechen in der Ausstellung 100 Objekten, die im Buch durch 100 alphabetisch geordnete Anlässe ersetzt worden sind. Anlässe, die man in den Abbildungen und den Texten wiederfindet. Dabei korrespondieren wissenschaftliche mit fiktionalen Texten, Abbildungen aus der Vergangenheit mit aktuellen Phänomenen.

Und mitten drin findet der Leser den rätselhaften Satz aus Nietzsches Zarathustra:

„Mitleiden geht gegen die Scham“.

Vorab muss man sich darüber verständigen, was Scham überhaupt ist, wie sie sich von Mitleid unterscheidet, und ob es eine allgemeingültige Definition von Scham gibt, unbeeinflusst vom Zeitgeist und der jeweiligen Kultur. 

Terézia Mora wird mit ihrem Roman „Alle Tage“ zitiert, in dem sie vom „Vaterland Scham“ schreibt. Will man diese Metapher aufnehmen, ist der vorliegende Katalog eine Landkarte dieses Ortes, der groß ist und weit verzweigt.

Eine Landkarte, die dazu dienen soll herauszufinden, wie Scham und Verantwortung zusammenhängen. Denn mitunter ist es gerade die Scham, die eine „objektive“, jedenfalls gründliche Auseinandersetzung mit fremdenfeindlichen Phänomenen verhindert, und stattdessen zu reflexhaften Betroffenheitskundgebungen führt.

Peter Conzen nennt in seinem Aufsatz einen der aktuellen Bezüge zur Ausstellung:

„Wie rasch populistische Strömungen auch in demokratischen Gesellschaften wieder an Boden gewinnen und primitive Parolen greifen, lässt sich derzeit an den Misstrauenshaltungen und Übergriffen auf Ausländer und Flüchtlinge beobachten. Getoppt wird diese Entwicklung durch den jüngsten Coup des neuen amerikanischen Präsidenten.“

Scham existiert niemals für sich, sondern entsteht und vergeht stets mit Kontexten, Strukturen und kulturellen Bedingungen.

Überhaupt ist Scham ein überaus komplexes Konstrukt, nicht nur als Empfindung, sondern ebenso in ihren weitaus vielfältigen und teilweise widersprüchlichen Funktionen.

Scham ist sowohl nützlich, hat eine Schutzfunktion für den Einzelnen als auch das Potenzial für lebensbedrohliche Verletzungen.

"Scham ist natürlich auch ein Affekt des Sozialen. Das heißt, über das Gefühl der Scham binden wir uns aneinander. Wir orientieren uns aneinander. Es gibt uns eine Art Richtmaß, was ist angemessen, was nicht. Was ist verhältnismäßig. Und das ist oftmals sehr hilfreich für das Zusammenleben und auch für das Selbstbild. Auch wenn es manchmal in sein Gegenteil umschlägt." (Tyradellis)

Wie gestaltet sich das Soziale der Scham, ihre regulierende Funktion in Zeiten sozialer Netzwerke? Nicht selten scheint es, als gäbe es angesichts wachsender Digitalisierung, kaum noch Intimssphäre. Als würde niemand mehr Wert darauf legen. Auf der anderen Seite hat sich so etwas wie ein virtueller Pranger entwickelt.

Mit Beschämung und Scham im Internet beschäftigt sich der Aufsatz von Andrea Köhler, in dem sie zu dem Schluss kommt, dass Beschämung und Beschimpfung im Internet so viel enthemmter stattfinden als im analogen Leben, weil das Gesicht des Gegenübers als „Schlüssel der Intersubjektivität“ fehlt.

„Die Gesichtslosigkeit im Internet, ein Phänomen, das durch den Einsatz von Emoticons  kompensiert werden soll, ist ein Versteck, von dem aus Brutalität scheinbar gefahrlos ausagiert werden kann. Darüber hinaus schwächt sie in hirnphysiologischer Hinsicht eine Basis unserer Humanität – die Fähigkeit nämlich, uns unserer Brutalität zu schämen. Denn Empathie ist auch das Produkt von Spiegelneuronen, das heißt von Gehirnfunktionen, die die Mimik des anderen mit dem eigenen Gefühlshaushalt synchronisieren.“

Neben dieser sehr aktuellen Analyse wird auch (in Bildern und Texten), die Geschichte der Scham erzählt, die persönliche (private und intime) Scham wird der Nationalscham (bei Karl Marx) gegenüber gestellt, oder gar der Menschheitsscham (bei Primo Levi).

Mehr Licht in das Dunkel der Aussage Nietzsches bringt vielleicht Sophie Plagemanns Essay über die verschiedenen Mechanismen und Funktionen von Scham bei der Konfrontation mit sozialer Ungleichheit. Letztendlich wird hier Mitgefühl als Schutzmechanismus vor dem Realisieren der Mitverantwortung für den Missstand enttarnt. So dass Plagemann zu dem Fazit gelangt, dass Information sehr viel effektiver und angemessener ist, als das Erregen von Mitleid. Scham scheint der Autorin in diesem Bereich dysfunktional.

Vielleicht ist die Aussage Nietzsches immer noch rätselhaft, auch nach dem Lesen und Betrachten von „Scham. 100 Gründe rot zu werden“, aber der Leser hat ein Stück weit gelernt zu differenzieren, zwischen Mitleid und Scham, zwischen Beschämung und notwendiger sozialer Kontrolle, die Komplexität eines unberechenbaren, unangenehmen, aber nichtsdestotrotz notwendigen Gefühls, ist aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet worden.

Um noch einmal auf die Landkarte zurück zu kommen, die Terezia Mora eingeführt hat, wird nach der Lektüre von Scham. 100 Gründe, rot zu werden, deutlich, dass es Grenzen gibt auf dieser Karte, aber es sind bewegliche Grenzen, die sich ständig verschieben. Und diese Grenzverschiebung zwischen Scham und Schande, wird nachvollzogen. Was so entsteht, ist tatsächlich eine Übersicht für ein uferloses Thema, einen abstrakten Begriff. Dass sie sich dabei zwischen Zugriff und Offenheit bewegt, macht das besonders Gelungene des Projektes aus. Entstanden ist eine Landkarte, die Orientierung bietet, aber in deren Legende man gleichzeitig liest, dass jede Gesellschaft ihren Weg zwischen Scham und Schande selbst finden muss.

 

Beteiligte Autor_innen der Ausgabe: Quentin Crisp, Jacques Derrida, Didier Eribon, Frantz Fanon, Pierre Klossowski, Primo Levi, Karl Marx, Anja Meulenbelt, Terézia Mora und Friedrich Nietzsche, Claudia Benthien, Peter Conzen, Iris Därmann, Karin Harrasser, Andrea Köhler, Sophie Plagemann, Jean Louis Schefer, Johanna Stapelfeldt, Daniel Tyradellis und Katherina Thomas Zakravsky.

Daniel Tyradellis (Hg.)
Scham
100 Gründe, rot zu werden
Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden vom 26. November 2016 bis 5. Juni 2017.
Wallstein Verlag
2016 · 212 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-1935-6

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