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Draußen auf Zeit

Daniela Seels Lyrikdebüt „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“

Wir sind alle eingeschlossen in einen Alltag. Unser Leben präsentiert sich als ein Konstrukt, das nach bekannten Regeln als in sich stimmiges System verläuft und das wir in der Realität tagtäglichen Handelns nicht durchbrechen können. In den besten Momenten ihres lyrischen Debüts „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“ schafft es die Dichterin Daniela Seel, unser Bewusstsein so zu erweitern, dass es uns gelingt, die Zelle Alltag auf Zeit zu verlassen, um draußen mit neuen Eindrücken konfrontiert zu werden, Erfahrungen zu machen, die nur im Gedicht möglich sind.

Diesbezüglich erreicht ihr Band seinen Höhepunkt im ersten Kapitel „wo ihr körper beginnt“, das die Möglichkeit der Verschmelzung von Ich und Welt im Gedicht thematisiert. Dabei spricht Daniela Seel sowohl von der Ausweitung des Ichs in die Welt hinaus („nehmen sie dieses haus als außenposten meines bewusstseins“) als auch vom Eindringen der Welt ins Ich hinein („vom pulsieren aus möwe und licht frierend im linken blinzelnden auge“). Der Autorin gelingen dabei Verse von philosophischer Tiefe („distanz gewinnen, eine bewegung die nur in der zeit existiert, nicht im raum“), von weiser Schönheit. Sie thematisiert aber auch, dass eine solche Bewusstseinserweiterung scheitern kann, wo also die „körper“ beginnen („ich wollte begreifen und vermochte doch keine gewohnheit auszubilden biene zu sein spinne fledermaus“).

wenn der raum des gedichts kein auge hat,
das auf ein außen sieht, nur bewegung

im körper des autors, welcher der leser ist,
moderiert, was betrachten wir dann,

wenn wir diese biene betrachten, von der
ich nicht sagen kann, ob sie friert.

wie sie kaum merklich die haut streift,
sie durchdringt. so die stelle markiert,

wo ihr körper beginnt. 

Im zweiten Teil „fuchsia“ ändert sich der Charakter der Texte. Die Gedichte bestehen nun aus Ellipsen und kurzen parataktischen Fügungen („eingänge. geschnitze schabelformen. ich stellte ein bein aus. dann das andere. angriffsflächen.“) Sie wirken ruheloser, weniger welthaltig, deskriptiv. Das lyrische Ich scheint sich in der Natur zu befinden bzw. in einer Beziehung zur Natur zu stehen – auch wenn seine Umgebung nur angedeutet wird.
Das dritte Kapitel „wir. der charakter der landschaft“ präsentiert sprachlich und inhaltlich disparate Texte, die nur durch ein lyrisches wir zusammengehalten werden. Das dritte Gedicht dieses Abschnittes nimmt eine Standortbestimmung in einer Gruppe vor („wir hatten gedankenblasen aus unseren mündern gestoßen, bei jedem schritt rollten wir wachs in unseren taschen, wir hatten abdrücke genommen aller schlüssel, die unseren weg kreuzten…“), das fünfte beinhaltet die Selbstvergewisserung eines Liebespaares („wir dichten räume uns darin zu bewohnen“).

Durch dieses Gedicht wird eine Überleitung zum nächsten Kapitel geschaffen, das sich der Zweisamkeit, Heimat innerhalb einer Beziehung widmet. Wie bereits in der Kapitelüberschrift „wiederholte testreihen“ angedeutet wird hier eher die triste Seite des Zusammenlebens und der Liebe bis hin zur Leere, zum Scheitern thematisiert („und was das heißt, bewohnbar“ bzw. „was wir einander bedeuten könnten. aber dann ginge doch jeder bloß seiner wege“).
Im fünften und letzten Kapitel ist der unmittelbare Anlass für die Entstehung der Texte innerhalb des gesamten Bandes am greifbarsten, nämlich ein operativer Eingriff, den das lyrische Ich als Verletzung empfunden hat. Dichterisch ist dieser Abschnitt der geschlossenste: Die Gedichte sind einander im Ton ähnlich, sie werden durch das Motiv des Wiederfindens und Begriffe, z.B. den der „entzweiung“, zusammengehalten („ich kann diese stelle nicht wiederfinden ich weiß nicht erinnere ich mich oder stelle ich mir ihre gesichter bloß vor und was sag mir machte den unterschied“).

Ohne Frage ist Daniela Seels literarisches Debüt gelungen. Leider besitzt der gesamte Band nicht die philosophische Tiefe des ersten Kapitels. Man merkt den Texten an, dass sie über einen Zeitraum von dreizehn Jahren hinweg entstanden sind. Für den ganz großen lyrischen Wurf wäre eine größere Homogenität der Gedichte wünschenswert gewesen, eine wahrhaft unverwechselbare Stimme. Von daher darf man gespannt auf den zweiten Band der Kookbooks-Verlegerin sein. Hoffen wir, dass wir darauf nicht wieder dreizehn Jahre warten müssen.

Daniela Seel
ich kann diese stelle nicht wiederfinden
Illustration: Andreas Töpfer
Kookbooks
2011 · 64 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-937445465

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