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Edition paradogs #3 - wo Hakenkäuzchen plärren
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Edition paradogs #3 - wo Hakenkäuzchen plärren
Kritik

Frauen als ein nicht zu enträtselndes Reich

Im Roman von Dante Andrea Franzetti

Wäre dieses Buch ein Ratgeber, fehlte im Titel etwas wie: mit den Frauen leben, mit den Frauen denken, mit den Frauen alt werden. Als Roman aber bleibt es letztlich ein Geheimnis, was mit den Frauen los ist.

Dante Andrea Franzetti greift zu einem genialen Erzähl-Trick. Er spaltet die Hauptfigur, einen Mann, der im Laufe der Zeit mit allerhand Frauen durchs Leben überwintert, in zwei Charaktere auf. Gregorj ist der wilde jugendliche Liebhaber, der vor allem sich selbst liebt und ziemlich zynisch in die Zukunft blickt. Nerbal ist der gereifte Lebens-Charmeur, der das Beste vielleicht schon hinter sich hat, aber gerade deshalb mit dem Leben halbwegs zurechtkommt.

In unzähligen Disputen, Duellen und imaginären Wettkämpfen rumpeln die beiden Figur-Hälften durch die Abenteuer des Überlebens und stellen letztlich die Nestroy-Frage, wer ist stärker, ich oder ich. Schon die Kapitelüberschriften verraten, wie letztlich ein aufregendes Leben mit den Frauen verläuft.

„Die Glocken“ besingen die frühe Kindheit, Mutter taucht als erotisierende Erstfrau auf und wird bald einmal von einer kühlen Lehrerin abgelöst, die gerade wegen ihrer körperlichen Coolness besticht. „Die Frauen“ werden bald einmal der Mittelpunkt des Lebens, sie kommen und gehen, manchmal sind sie bloße Begleiterscheinung einer neuen Gegend, manchmal aber gehen sie einem nahe ans Herz. „Enfant terrible“ zeigt den Helden in voller Schreiber-Blüte, gleichzeitig nimmt aber auch der Alkohol heldenhaften Anteil am Leben. Autoren wie Malcom Lowry, William Burroughs oder Raymond Carver surfen mit dem Alkohol bis an die Grenze des Bewusstseins. „Adam und Eva“ gilt irgendwie als das Traumpaar schlechthin, wer diesen Zustand erreicht, kriegt automatisch Kinder. Auch der Doppelheld des Romans wird an dieser Stelle Vater und erlebt diesen Zustand einmal in der Erwartung und dann in der Rückschau. „Der Baikalsee“ nennt sich das kurze Schlusskapitel, worin das Leben schon einen Hauch von Jenseits hat. Nicht nur dass der Baikalsee von Europa aus gesehen weit entfernt in einem anderen geographischen Zustand liegt, auch die Bewohner haben sich auf Überlebenskult spezialisiert und erotisieren sich etwa, indem sie ihre Heiligen-Puppen ins Feuer werfen und für das Überleben feuerfest anschmoren lassen.

Als Leser ist man hin und her gerissen zwischen den beiden Lebensschichten, man wünscht sich das anarchistische Feuer von Gregorj und genießt die hofratstreue Gelassenheit von Nerbal. Und dazwischen liegen die Frauen wie ein nicht enträtselbares Reich, das sich mit keinem Ratgeber ausleuchten lässt. Am ehesten schafft es noch die feine poetische Form des Romans Marke „Mit den Frauen“.

Dante Andrea Franzetti
Mit den Frauen
Haymon
2008 · 204 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-852185651

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