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Ein Mosaikstein der eigenen Einsamkeit

Data Barbakadses wesentliche Züge

ein, vielleicht mein, „buch der wunder“, dieser gedichtband meines freundes dato barbakadse, den er „wesentliche züge“ genannt hat; zuerst, um zugänge zu finden, lese ich sein interview mit der übersetzerin steffi chotiwari-jünger (die auch wesentliche gedichte im buch übersetzt hat) – „als schriftsteller im postsowjetischen georgien“. er verweist auf schiller, hegel, fichte, als persönliche referenzen, auf georgische klassiker, und, zentral, darauf, dass sich letztlich jede existenz poetisch begründe.

sein schreiben als aus der philosophischen poesie herausgewachsene dichtung, mit zeitgemäßer sprache. dato barbakadse verweist auf zeitlose prinzipien dieses, seines schreibens: „nicht mit den gedichten zu philosophieren oder irgendwelche philosophischen theorien poetisch zu illustrieren, sondern eben von den poetischen formen untrennbare philosophisch-poetische gestalten aufzubauen, in der sprache der dichtung das zu äußern, was kaum einem philosophischen traktat gelungen wäre.“
die frage also nach dem verhältnis „zur muttersprachlichen philosophischen umgebung“ spielt für dato barbakadse eine zentrale rolle, die gegenseitige durchdringung von philosophie und poesie.

dato barbakadse nimmt auch zu politisch-gesellschaftlichen entwicklungen in dem kaukasusland georgien stellung – das in vielem vielleicht beispielhaft ist für viele länder im wandel nach der ära des missglückten kommunismus. er bringt dies auf den punkt. „heute wie damals bin ich dogmatisch überzeugt, dass die höchste dummheit in georgien darin besteht, im namen der besseren zukunft zu leben und sich betrügen zu lassen von den nacheinander wechselnden politischen kräften und ihrer propaganda zu glauben und zeit zu verlieren. bis heute beobachte ich, wie tausende von menschen von machthabern aller art benutzt werden, um ihre eigenen miserablen ziele zu erreichen“.

und er zieht die konsequenz, eine poetische – eine konsequenz, die nachhaltiger sein wird als alle kurzatmig lautstarken: „für einen dichter gibt es eine einzige moral: seiner heimat, also der kunst treu zu bleiben und durch die arbeit zu versuchen, einen ort in dieser heimat zu finden.“

all dies macht dato barbakadse nicht zu einem populären, die beliebigkeiten der mitlaufenden leser bedienenden autor. für ihn ist das „gedächtnis der poesie“ der entscheidende umstand, nämlich: zurückzugelangen in die erotische urzeit des wortes. und so „ganz bewusst eine in alle richtungen zerstreute, doch konzeptionell auf einer basis stehende dichtung zu schaffen“ – schon im prozess des schreibens, „der im raum und in der zeit meines lebens verfließt und sich gleichzeitig selbst beschreibt“. er verlangt vom leser, zeit zu haben, sich in seine eigene einsamkeit zu vertiefen.

In meinem Kopf

In meinem Kopf
wägt die Angst meines Vaters
die Angst meiner Mutter ab
und schafft einen Blick durchs Fenster –
die Abkürzung
der Mangelhaftigkeit meiner Erfahrung,
meines Standpunkts;
er schafft das Selbstbewusstsein der Mutter,
abgewogen von der Angst des Vaters
und mit den in den Himmel hinaufgestiegenen Gipfeln,
in meinem Kopf heruntergestiegen,
der sich (irgendwie) der Erregtheit des Herzens
nicht mehr anzuschließen vermag,
die beschränkt ist auf immergrüne Erfolglosigkeit,
auf die ewige Fähigkeit des Potenzproduzierens,
auf diese Unfähigkeit der Unbegabung,
und auch in meinem Kopf
fliegen schon die einen bewaffneten Mann
jagenden Wildenten,
und ihre Stimmen, zerbrechend im Brennofen des Raumes,
summieren das Leben,
als schwarze Luftballone zerstreut
in den Flügeln,
in denen es keinen Staub gibt.

diese gedichte, die texte dato barbakadses in diesem zweisprachigen band sind solche zwischenstationen, poetische gedächtnisteile, die querbezüge zum leben des dichters aufweisen und teil seiner arbeit an einem gesamtpoetischen projekt sind. eine virtuos dahinfließende, weit in erinnerungsräume rückgreifende sprachkunst, die uns aufzeigt, dass in diesem kleinen, gerade noch äußersten zipfel europas, so man will, sich eine poesie entwickelt (hat), eine parallelpoesie zur „offiziell“ lancierten und geförderten, die werte- und erinnerungsbasiert ganz aktuell, zeitgeschehen aufnehmend, aber nicht bloß kommentierend, sich zu einem netz der arbeit am großen dichterischen projekt verdichtet.

Dato Barbakadse
Wesentliche Züge
Mischwesen
2010 · 134 Seiten · 8,80 Euro
ISBN:
3938313110

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