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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Im Kosmos des Kling-Klang-Kults

Hamburg

Es ist ein heißer Tag Ende Mai und wir sitzen natürlich drinnen und reden über Bücher, die wir gerade gelesen haben, lesen oder bald lesen werden. »Ich glaube, ich kenne keinen einzigen Song von denen«, sagt Freundin X. mit Blick auf das knallrote Cover des Buchs auf meinem Schreibtisch. »Was? Natürlich! «, widerspreche ich heftig und öffne YouTube. Der erste Song, der mir einfällt ist »Das Model«. Weil sie, die da auf meinem Bett sitzt, in der Modelbranche arbeitet und weil es eben die vielleicht erfolgreichste B-Seite der Musikgeschichte ist. Doch, klar, das kennt sie. »Siehst du. Es ist quasi unmöglich, Kraftwerk nicht zu kennen. Sie sind eine der wichtigsten Bands des 20. Jahrhunderts. « Sie verzieht das Gesicht. »Wenn ich sowas höre, werde ich nur skeptisch. «

Fast fühle ich mich beleidigt. Da sitzt sie also vor meiner nicht gerade kleinen Plattensammlung, unter der sich etliche Bücher über Pop-Musik stapeln und entgegnet meiner nüchternen Aussage mit Zweifel. »Ernsthaft! Das ist indiskutabel. Du kannst von Kraftwerk halten, was du willst, du kannst darauf pochen, dass die auch nur ihre Vorläufer hatten. Aber dass sich ohne sie Hip Hop ganz anders anhören würde, Techno so nie entstanden würde und generell… Pop-Musik einfach nicht Pop-Musik wäre, das steht fest. « »Okay«, meint sie und es klingt nicht wirklich überzeugt. »Was ich aber nicht verstehe: Es gibt doch bestimmt schon hunderte von Büchern über Kraftwerk. Wozu brauchen wir noch eins? « Das erwischt mich kalt und ich weiß nicht recht, was ich ihr antworten kann. Sie, die von sich selber sagt, »weniger Musik zu hören als alle anderen Menschen«, erzählt von damals, wie sie sich mit 13 Jahren vornahm, alle Bücher über die Beatles zu lesen, die sie in der Bibliothek finden konnte. »Nach dem dritten Buch wurde das völlig sinnlos. Ich habe gar nichts Neues mehr erfahren. « Tatsächlich bin ich mir selbst nicht sicher, ob es dieses Buch wirklich braucht. Zumal es doch »so ein Typ geschrieben hat, der die Beiden dafür nicht mal interviewt hat«, wie ich ihr gegenüber einräume.

Die Beiden, das sind Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben, die einzigen wirklichen Konstanten im Universum Kraftwerk. Herr Kling und der mittlerweile ausgestiegene Herr Klang, die beiden »Musikarbeiter« hinter Platten wie Autobahn und Computerwelt. Zwei, die immer schon »weniger Popstars als vielmehr Performance-Künstler« waren, wie David Buckley schreibt. Eben der hat das Buch mit dem grellen, modernistischen Cover in der typischen Kraftwerk-Farbgebung geschrieben und es mit dem Untertitel Die unautorisierte Biographie versehen. Das ist ein angriffslustiger Scherz: Buckley, Dozent für Pop-Musik und freier Journalist, stellt den Mangel seiner Biographie – die natürlich nicht die erste ist – offen zur Schau. Das geht deswegen gut, weil Kraftwerk nun mal, so schreibt er selbst, »wahrscheinlich die medienscheueste Band der Musikgeschichte« ist. Wenn die Personen hinter der Kunst verschwinden, dann braucht es weder deren Input noch Autorisierung für ein Buch über sie, glasfaserklar. Oder?

Tatsächlich zitiert Buckley die Beiden, vor allem aber das (in)offizielle Sprachrohr Hütter sehr häufig. Was er ihnen im persönlichen Gespräch nicht entlocken konnte, das haben andere vor ihm geschafft und den beiden Köpfen hinter dem Phänomen Kraftwerk nur wenig abringen können. Diese Düsseldorfer Technik-Teutonen, die als Speerspitze des Retrofuturismus mit dem Trans Europa Express ihrer Gegenwart davonzogen, diese am Gesamtkunstwerk schraubenden »Musikarbeiter«, diese, ja, androgynen Androiden – sie hüllten sich in Schweigen, damit die anderen über sie spekulieren konnten. Das Kryptische und der Mythos sind die Währungen, die Hütter und Schneider der Presse und ihren Fans in die Hand drückten. Und das, obwohl sich in ihrer Kunst das Informationszeitalter präfigurierte.

Noch ein paar Tage, bevor ich der skeptischen Freundin beweisen konnte, dass sie Kraftwerk eben doch kennt, berichtete mir ein Bekannter von einem Konzert der Band, das er in Wien gesehen hatte. Dort traten sie – wie schon einige Monate zuvor im Londoner Tate – eine Woche lang jeden Abend mit einem anderen ihrer Album auf. »Gigantisch« war es, meint er, der seit gut zwei Jahrzehnten als Veranstalter und DJ arbeitet und sich ergo eigentlich nicht leicht blenden lässt. Der Mythos lebt selbst heute noch, wo Kraftwerk keine nennenswerten Innovationen für sich verbuchen können, vielleicht sogar der Gegenwart eher hinterherhinken als sie weiterzudenken. Computerwelt hat nach den Zeiten der Rasterfahndung in Ansätzen den NSA-Skandal vorweggenommen, die neue, richtungsweise Perspektive aber fehlt.

Warum dieses Kraftwerk seine Strahlkraft nicht verloren hat, das macht Buckley jedoch mehr als deutlich. Überschwänglich ist er dabei, verteidigt seine Helden gegen die manchmal sehr rigiden Aussagen ihrer Mitmusikarbeiter wie Karl Batos und Wolfgang Flür, die nicht immer ein gutes Haar an den glattgeschniegelten Kraftwerk-Köpfen lassen. Hier schreibt ein Fan, der den Status einer Band nicht nur in seiner eigenen, sondern gleich der gesamten Popwelt zementieren möchte. Das macht diese unautorisierte Biographie zwar zu einem schillernden Einstiegswerk für Neugierige, die sich von der Faszination Kraftwerk umgarnen lassen möchten, gleichsam aber auch zu einem einseitigen Dokument.

Nicht nur sind Herr Kling und Herr Klang schon seit geraumer Zeit nicht mehr die beiden treibenden Kräfte hinter Kraftwerk, das Rad der Zeit hat sich außerdem mit Höchstgeschwindigkeit weitergedreht. Buckley marginalisiert nicht nur die Stifterfiguren des Kraftwerk-Universums – Conrad Schnitzler zum Beispiel, der der Band ihren ersten Synthesizer gab, wird höchstens am Rande erwähnt –, er verteufelt auch alles, was danach kam. Sample- und Remixkultur scheinen ihn ebenso anzuwidern wie die reichhaltige Tradition elektronischer Tanzmusik, die sich noch Ende der Achtziger Jahre dezidiert auf die Band bezogen hatte, die Helden von einst aber mittlerweile vergessen hat.

Kraftwerk. Die unautorisierte Biographie will die überholten Visionen von damals zwanghaft über die heutigen stellen und wirft somit als eines von vielen Kraftwerk-Bücher noch dringender die Frage auf: »Wozu brauchen wir noch eins? « Buckleys Biographie ist ein weiterer Beitrag zum Kosmos des Kling-Klang-Kults, ein konservativer obendrein – und eben kaum mehr als das.

David Buckley
Kraftwerk
Die unautorisierte Biographie
Aus dem Englischen von Henning Dedekind und Heike Schätterer
Metrolit
2013 · 400 Seiten · 24,99 Euro
ISBN:
978-3-8493-0305-1

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