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Kritik

Two of a kind

Hamburg

Ich habe Sylvia Plath über eine Biografie entdeckt. Danach folgten die Tagebücher, später erst die Gedichte und natürlich die Glasglocke. Ich erwähne das, weil insbesondere in der Biografie Ted Hughes sehr schlecht dastand. Er war derjenige, der Plath verlassen, und damit zumindest indirekt zu ihrem Selbstmord beigetragen hatte. Und als wäre das nicht genug, war er auch noch dafür verantwortlich, dass Plath Tagebücher nicht vollständig zugänglich waren, er zensierte, hielt Material zurück, manche Dokumente vernichtete er sogar. Nicht zuletzt war er der Mann, der nach Sylvia auch die nächste Frau, mit der er ein Verhältnis hatte, in den Selbstmord getrieben hatte. Kurz: Ein Ungeheuer.

Middlebrook revidiert dieses Bild gründlich, ohne deswegen etwas von Plath Integrität preiszugeben. Sie zeigt Hughes und Plath durchaus ausgewogen als Profiteure und Saboteure einer sehr intensiven Ehe, die letztendlich bedeutend dazu beigetragen hat, dass Hughes und Plath die Dichter geworden sind, die wir kennen. Statt einer Rollenverteilung in Opfer und Täter bietet Middlebrook profunde Einblicke in das Zusammenleben und die Umstände einer Partnerschaft von zwei starken und leidenschaftlichen Dichterpersönlichkeiten am Anfang ihrer Karriere Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre. Indem sie zeigt, wo und wie Plath und Hughes einander förderten und unterstützten, ohne zu verschweigen, wo sie einander behinderten und einschränkten, erlöst sie Plath ein Stück weit von der teilweise unkritischen Vereinnahmung durch den Feminismus und vervollständigt das Bild von ihr als Dichterin. Hughes und Plath werden im Dialog miteinander zu den schriftstellerischen Persönlichkeiten, als die sie Erfolge feiern. Ein Dialog, der auch dann fortgeführt wurde, als sich eine andere Frau zwischen sie drängte und beide spürten, dass „sie als Ehepaar wie als Künstler getrennte Wege gehen mussten.“

Im englischsprachigen Raum hat das Buch, gerade wegen dieser Objektivität viel Kritik erfahren. Jetzt ist es, zehn Jahre später, auf Deutsch erschienen.

Als Hughes und Plath einander kennen lernten, war Plath fest entschlossen, in England Fuß zu fassen, ihr Leben nach dem Selbstmordversuch 1953 in den Griff zu bekommen und einen Mann zu finden. Hughes war unsicher, wie seine Zukunft aussehen sollte. Sollte er wirklich nach Australien gehen, oder weiter in England von der Hand in den Mund leben?

Die Flitterwochen gestalteten Plath und Hughes als Arbeitsaufenthalt. Mit Schreibmaschine und Arbeitsplänen brachen sie nach Frankreich und Spanien auf. Während zu dieser Zeit das enge Zusammenleben sicher noch kein gravierendes Problem darstellte, werden die beengten Wohnverhältnisse, die kaum eine Intimsphäre zulassen, später zunehmend zu einer Belastung. Erst 1961, mit Plath zweiter Schwangerschaft, haben beide genug Geld, um ein großes Haus mit viel Platz (10 Zimmer) und getrennten Arbeitsbereichen zu erstehen.

1960 wird Frieda Rebecca geboren. Hughes und Plath sind begeistert von dem Baby. Während Hughes seinen Durchbruch als Dichter erlebt, hält sich Plath im Hintergrund und hält ihrem Mann den Rücken frei. Aber auch sie dringt während der Zeit in London zum Kern ihres Schreibens vor. „Die Mutterschaft hatte einen erstaunlich starken Einfluss auf Plath Schreiben. Sie befreite ihre Phantasie von Ted Hughes starkem Einfluss und machte es ihr möglich, ihrem Erleben der instinktiven Prozesse des Weiblichseins nachzuspüren.“ Sie beginnt ihre Probleme schreibend zu lösen.

Das Frühjahr 1962 in Court Green, dem Anwesen, das das Ehepaar kurz zuvor erstanden hat, schildert Middlebrook als Paradies für Hughes und Plath. Ein Paradies aus dem sie sich wenig später selbst vertreiben sollten.

Während Plath nach der Geburt des zweiten Kindes noch im Mutterglück schwelgte, machte Hughes die Enge des Familienlebens zu schaffen. „Wir können doch nicht Körper & Seele opfern für eine sichere Zukunft mit lauter Sesseln und Gardinen“, schrieb er seinem Bruder. Gute Bedingungen für den Besuch Assias, die Hughes augenblicklich in ihren Bann schlägt.“ Als die beiden Paare sich am nächsten Morgen wieder bei Tisch zusammenfinden, ist Hughes verliebt.“ Und Plath fühlt, „dass die dicht gestrickten Maschen ihrer Beziehung sich zu lösen begannen.“

Im Oktober zieht Hughes endgültig aus. Im Winter verlässt auch Plath Court Green und zieht mit den Kindern nach London. Der Winter in London ist ungewöhnlich hart und so lebt Plath mit ihren Kindern unter sehr schwierigen Bedingungen. Die Wasserleitungen frieren ein, es gibt kein Telefon, sie und die Kinder sind krank. Die Art wie die Glasglocke von den Medien aufgenommen wird, enttäuscht Plath. Sie fällt in ihre Depression zurück.

Nach Meinung von Hughes und Plath Mutter war Sylvias Selbstmord Folge eines nicht wirksamen Antidepressivums, das antriebssteigernd wirkte, ohne die Hoffnungslosigkeit zu mildern.

Allen Fehlern zum Trotz, die Hughes in seinem Verhalten Plath gegenüber gemacht haben mag, zeigt Middlebrook deutlich, dass er sich zu ihr als Dichterin zeitlebens loyal verhalten hat, ohne auch nur einen Moment an ihrer dichterischen Größe zu zweifeln.

Middlebrook liefert überzeugende Erklärungen für das Zurückhalten bestimmten Materials und für die vorgenommene Zensur. Auch seinen eigenen Nachlaß regelte Hughes selbst.

„Eine wichtige Folge der Entscheidung, sein Archiv allein zu organisieren, war, dass am Ende Hughes selbst wusste, was er der Nachwelt vorenthalten wollte. […] Er vollendet nicht nur eine geschäftliche Transaktion, sondern gibt dem Bild, das ihn überleben wird, den letzten Schliff.“

Hintergrundinformationen sind wichtig, nichts desto trotz hat auch ein Dichter ein Recht auf Privatleben, auf einen Bereich, den er nicht preisgibt.

Was Middlebrooks Biografie vor allem auszeichnet, ist ihr kenntnisreicher Einbezug der Gedichte und ihre Bemühung um Neutralität. Darüber hinaus geht sie äußerst diskret mit ihrem Material um. Intime Details werden nur da ausgeführt, wo sie eine Entwicklung verständlich machen. Ihre Doppelbiografie ist weder Anklage noch Stellungnahme, vielmehr spürt der Leser wie sehr dieses Buch vom Wunsch getragen ist, der Dichtung und dem Werk jenen „Lebensraum“ zu verschaffen, das es benötigt, um über den Tod des Dichters hinaus, lebendig zu bleiben.

Das Buch lebt nicht zuletzt von den Doppelungen, Plath und Hughes waren „two of a kind“, wie sie es selbst in einem Radiointerview ausgedrückt haben. Beides, die Unterschiede, die schließlich ein Zusammenleben unmöglich machten, sowie der lebenslange Dialog, sind die Pole zwischen denen Middlebrook ihre Biografie entwickelt.

Middlebrook schließt ihr Buch mit den folgenden Worten:

„[...] das Einzige, was die Lebenden den magischen Toten geben können: mitfühlende, aber schonungslose Aufmerksamkeit.“

Mit „du wolltest deine Sterne“ hat sie diesem Wunsch in hervorragender Weise entsprochen.

 

 

Diane Middlebrook
Du wolltest deine Sterne
Sylvia Plath und Ted Hughes
Deutsch von Barbara von Bechtolsheim. Vorwort von Carl Djerassi
Edition Nautilus
2013 · 376 Seiten · 22,90 Euro
ISBN:
978-3-86438-32-3

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