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Kritik

Monter à Paris

Didier Eribon verknüpft seine Autobiografie mit einer Kritik der französischen Klassengesellschaft
Hamburg

In Frankreich ist „Retour à Reims“ bereits 2009 erschienen. Dass das Buch jetzt auch auf Deutsch vorliegt, ist dem Suhrkamp Verlag und Tobias Haberkorn, der es übersetzt hat, zu verdanken. Es ist zu wünschen, dass es viele Leser findet. Denn es kommt nicht oft vor, dass man einen knapp 240 Seiten starken soziologischen Essay gar nicht mehr aus der Hand legen möchte, weil er sich fesselnd wie ein Roman liest. Genau dieses Kunststück ist dem französischen Philosophen und Soziologen Didier Eribon gelungen.

Der Anlass zum Schreiben des Buches war der Tod des Vaters. Nach 35 Jahren in Paris und an zahlreichen anderen Orten in der Welt, kehrte Eribon zu seiner Familie nach Reims zurück. Dort begegneten ihm Kartons voll alter Fotos „und dem ganzen Universum, in dem ich einst gelebt hatte“.

Eribon machte sich an die Lektüre. Keine alten Tagebücher, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern Raymond Williams‘ autobiografischen Roman „Border Country“. Darin erfährt ein Londoner Universitätsprofessor vom nahen Tod seines Vaters. Er stürzt zum Bahnhof und kehrt zurück zu den Orten seiner Kindheit und Jugend im walisischen Arbeitermilieu. In Rückblenden wird die Loslösung von seiner Herkunft bis zu jenem Zeitpunkt geschildert, als er zu seiner Familie zurückkehrt. Am Ende begreift er, dass eine „Rückkehr“ nach so vielen Jahren gar nicht möglich ist; dass sich die so mühsam und bewusst aufgebauten Mauern zwischen den Personen und den unterschiedlichen Leben nicht einfach einreißen lassen. Allenfalls kann man versuchen, mit sich selbst und der Welt, die man verlassen hat, ins Reine zu kommen. Indem man eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellt.

Diese Verbindung herzustellen, das ist der Versuch, den auch Eribon unternimmt. Es ist der Prozess einer Dekonstruktion des eigenen Ichs. Um als schwuler Intellektueller in Paris leben zu können, musste er mit allem brechen, was hinter ihm lag und ihn vermeintlich geprägt hatte: seiner Familie, seinen Freunden, seinem Milieu. Ab einem bestimmten Zeitpunkt, schreibt Eribon, sei er den für ihn vorbestimmten Weg einfach nicht mehr mitgegangen. „Um mich selbst neu zu erfinden, musste ich mich zuallererst abgrenzen.“

Die Abgrenzung erfolgte mit der Radikalität, die notwendig ist, um eine neue Existenz zu erschaffen. Und sie erfolgte sowohl in der Theorie als auch in der Praxis; durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt, der Erkundung von Neuem, und schließlich durch praktisches Handeln, welches zunächst Überwindung, irgendwann aber unendliche Befreiung bedeutete. Die Beschreibung von alldem verknüpft Eribon mit einer prägnanten Milieustudie der französischen Unterschicht (und deren Wandel), die seit Erscheinen der Originalausgabe vor sieben Jahren auch hierzulande an politischer Aktualität gewonnen hat. Dazu später mehr.

Eribons Vater war ein Arbeiter der „niedrigsten Kategorie“. Während seiner 45 Berufsjahre gelang es ihm, zu einem Fabrikarbeiter der zweitniedrigsten Kategorie aufzusteigen; darauf war er stolz. Da sein Einkommen kaum zum Leben reichte, arbeitete auch die Mutter, als Putzfrau und später ebenfalls am Fließband. Das Arbeitsleben begann mit dem 14. Lebensjahr, wenn die lästige Schulpflicht endlich überstanden war; und endete häufig mit der totalen körperlichen Erschöpfung, nicht selten lange vor dem regulären Ruhestand. Die Mutter war es, die es ihrem intellektuell begabten Sohn durch ihre Aufopferung ermöglichte, als erster in der Familie – und gegen etliche Widerstände – das Abitur zu machen und ein Studium aufzunehmen. Das erkennt Eribon aber erst im Rückblick, beim Schreiben dieses Buches.

Die Ordnung der Dinge in der von Eribon beschriebenen Welt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lag darin, dass die Menschen frühzeitig den ihnen zugedachten Platz einnahmen. Ab den 1960er Jahren traten vereinzelt Bildungsaufsteiger auf den Plan, etwa die Schwägerin, die es zur Sekretärin brachte, oder die Cousine, die als Sachbearbeiterin in einem Finanzamt arbeitete. Aber das waren Ausnahmen. Die „relationale Position in der Klassengesellschaft“, schreibt Eribon, habe sich über die Jahrzehnte kaum geändert.

Das macht er am Lebensweg seiner drei Brüder deutlich. Der eine arbeitet heute als Autohändler auf Réunion, der zweite ist Soldat, der dritte lebt von Sozialhilfe in Belgien. Zumindest die ersten beiden haben es geschafft, die prekäre ökonomische Position ihrer Eltern hinter sich zu lassen. Ein sozialer Aufstieg also, wenngleich in einem Rahmen, „der nach wie vor von der Klassenherkunft determiniert ist – etwa dadurch, dass sie die Schule freiwillig früh verlassen haben“.

„Nichts wäre leichter, nichts wahrscheinlicher für mich gewesen“, schreibt Eribon, „als mein Bruder zu sein.“ Warum ist sein Lebensweg dennoch gänzlich anders verlaufen – und zu welchem Preis?

„Ich habe mich für mich selbst entschieden“, heißt es an einer Stelle. Und anderenorts: „Ich war ein Egoist. Ich wollte mich selbst retten und sah nicht, warum ich auf die Folgen meiner Flucht […] irgendeine Rücksicht nehmen sollte.“

Schuldgefühle gegenüber den Menschen, die er bei seiner Befreiung zurückstoßen musste, verspürte Eribon aber nicht, weder damals noch heute. Zu überwältigend sei das Gefühl der Freiheit gewesen. Die Freude, dem Schicksal zu entkommen, habe keinen Raum für Gewissensbisse gelassen. Seine Brüder hatte er beim Tod des Vaters 35 Jahre lang nicht mehr gesehen.

Gleichwohl befördert die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte die Sensibilität dafür, was andere Menschen – allen voran die Mutter, mit Einschränkungen der Vater – zu seinem Lebensweg beigetragen haben. Gerührt berichtet er, sein Vater habe vor Stolz geweint, als er den Sohn zum ersten Mal in einer Fernsehtalkshow gesehen habe. Ein Gestus, der ihm in der Erinnerung an den Vater vollkommen unbekannt ist.

Distinktion und Unterwerfung sind die zwei zentralen Kategorien auf Eribons Bildungsweg. Am Anfang stand die Abgrenzung von all den Dingen, die in seinem Umfeld als normal galten. Dazu zählte vor allem das Interesse an Büchern und Literatur. Eribon selbst nennt es eine Entscheidung „für Bildung und Kultur und gegen den Männlichkeitskult der unteren Schichten“. Eine Entwicklung, die bei Heranwachsenden in bildungsaffinen Haushalten – man kann es in etlichen Intellektuellenbiografien nachlesen – dem Normalzustand entsprach, im Arbeitermilieu der 1960er und 1970er Jahre aber eine Außenseiterrolle bedeutete.

Die Abgrenzung von der eigenen Herkunft ebnete ihm den Weg aufs Gymnasium. Dort aber spürte er, dass er anders war, als die dem bürgerlichen Milieu entstammenden Mitschüler. Wiederum setzte Eribon auf die scheinbar bewährte Methode der Abgrenzung, präsentierte sich als rebellischer Bildungs- und Kulturverweigerer, was ihm fast den Schulausschluss einbrachte. Erst als er sich den Anforderungen der neuen Umgebung beugte, sich anpasste, fand er sich zurecht. „Widerstand“, so seine Bilanz, „hätte meine Niederlage bedeutet, Unterwerfung war meine Rettung.“

Neben der intellektuellen Neugier war die eigene Homosexualität der entscheidende Wegbereiter für den „Aufstieg nach Paris“ (die Wendung „monter à Paris“ ist im Französischen ein Synonym für den sozialen Aufstieg). Im Milieu seiner Herkunft, so Eribon, seien Beleidigungen und sogar Gewalt aufgrund seiner sexuellen Orientierung ein ständiger Begleiter gewesen. Die daraus resultierende Distanz betrachtet er rückblickend als ein Geschenk; seine Homosexualität habe ihm dabei geholfen, sich von seiner Herkunft abzuwenden. Darüber hinaus spielten Klassenunterschiede an den wenigen, meist verborgenen Schwulentreffs in Reims keine Rolle. Erotische Abenteuer und Beziehungen, selbst wenn nur von kurzer Dauer, waren stets stärker als die Trennlinien eines bourgeoisen Standesdünkels.

Seine eigene Biografie ist für Eribon aber nicht nur Selbstzweck. Mit dem Auge des Soziologen ist sie für ihn zugleich der Zugang zu seiner Umgebung, dem Milieu seiner Herkunft. Dessen politisches Ordnungsprinzip war jahrzehntelang die Kommunistische Partei. Wie konnte es passieren, dass wenig später dieselben Personen – inklusive Eribons eigener Familie – rechte und rechtsextreme Parteien wählten und dies sogar als „natürliche“ Wahl empfanden? Wie konnte der Front National binnen relativ kurzer Zeit vom  einstigen Klassenfeind zum politischen Hoffnungsträger der Arbeiter avancieren? 

Die Antwort liegt für Eribon in der von der politischen Linken betriebenen Tilgung des Klassenbegriffs aus der politischen Debatte. Stattdessen setzte man seit den 1980er Jahren auf eine diskursive Nivellierung klassenspezifischer Besonderheiten und Erwartungen. An ihre Stelle trat, maßgeblich befördert von neokonservativen Intellektuellen, das Konzept eines eigenverantwortlichen Zusammenlebens gleichberechtigter Individuen. Partikularinteressen einer einzelnen Gruppe wurden ersetzt durch die Vorstellung eines sich neutralisierenden Gesellschaftsvertrages. Das führte dazu, dass die Politiker der Linken mehr und mehr die Sprache der Regierenden übernahmen, und nicht länger als Sprachrohr der Regierten gesehen wurden. Der Front National vermochte in dieses Vakuum vorzudringen und glaubhaft vorzugaukeln, den französischen Arbeitern wieder eine Stimme zu verleihen. Eine Fähigkeit, die, so Eribon, „die Machtpolitiker der Linken, die Absolventen der ENA oder anderer technokratischer Eliteschulen, in denen eine dominante, mittlerweile transpolitisch funktionierende Ideologie fabriziert und gelehrt wurde, ignorierten oder sogar verachteten“.

Mit dieser Transformation der politischen Linken, deren Ursprung in der Mitterand-Ära liegt, wurde die Arbeiterschaft zur politischen Ohnmacht verurteilt. Ihre spezifischen Belange sowie ganz grundsätzlich die Annahme eines sozialen Konflikts in der Gesellschaft wurden für obsolet erklärt. Stand die Wahl der Kommunisten einst für die „positive Selbstaffirmation“ einer ganzen Klasse, ist die Stimmabgabe für den Front National die entsprechende Negativreaktion. Denn, so Eribons gutgläubige Lesart, ein tatsächlicher Bezug zu Programm und Inhalten läge in den wenigsten Fällen vor. 

Dass Eribons Ausführungen mittlerweile auch hierzulande anschlussfähig sind, erleben wir spätestens seit dem Erstarken der politischen Rechten in Gestalt der „Alternative für Deutschland“ und – zumindest partiell damit einhergehend – dem scheinbar unaufhaltsamen Niedergang der Sozialdemokratie. Auch wenn sicherlich nicht alles, was Eribon für Frankreich diagnostiziert, auf Deutschland (oder andere Länder) übertragbar ist, zeigt sein Buch doch gewisse strukturelle Parallelentwicklungen auf und liefert damit Anstöße, die zum Weiterdenken anregen. Nicht zuletzt deswegen ist es gut, dass „Rückkehr nach Reims“ jetzt auch auf Deutsch vorliegt.  

Didier Eribon
Rückkehr nach Reims
Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn
Suhrkamp
2016 · 240 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-518-07252-3

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