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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Wir lieben dich, aber deine Bücher verstehen wir nicht.

Hamburg

Als »Pop-Papst« wird er hin und wieder bezeichnet, scherzhaft-distanziert, in ironische Anführungszeichen eingeklammert. So recht ernst meint das nämlich niemand, denn schließlich ist Pop ein säkulares Feld, in welchem sich bereits Queens und Kings genug um die Vorherrschaft streiten. Zumal Diedrich Diederichsen nicht über den Dingen thront, sondern seit über dreißig Jahren mittendrin ist, seine Kritik im Handgemenge der Diskurse austeilt. Seine Wort jedoch hat, wenn er auch keinen Segen spricht, Gewicht. Weil er einerseits das Schreiben über Popkultur geprägt hat und andererseits selbst zu einem ihrer Protagonisten wurde. Auch bei Rainald Goetz taucht er unter dem Pseudonym Neger Negersen in einem dessen berühmtesten Texte auf: Subito.

»Wir brauchen noch mehr Reize, noch viel mehr Werbung, Tempo, Autos, Modehedonismen, Pop und nochmal Pop. […] Nur die dumme Dummheit und die Langeweiler müssen noch vernichtet werden. So übernehmen wir die Weltherrschaft, denn alles, alles, alles geht uns an!«, schrie Goetz blutüberströmt  bei seinem Auftritt im Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt im Jahr 1983. Eine Antwort des Erzählers auf Neger Negersen, der nicht mal genau wusste, wovon denn die Zukunft so bedroht ist. Der reale Diedrich Diederichsen hat sie mittlerweile verinnerlicht. Denn nicht nur sein Schreiben für Sounds, Spex, zahlreiche Tageszeitungen sowie seine Romane und Schriften zu Kunst und Fernsehen, sondern auch sein neuestes Werk sagen selbstbewusst, dass wir »Pop und nochmal Pop« brauchen, denn »alles, alles, alles geht uns an«.

Diederichsen nuschelt das aber weder von der Kanzel herab noch schreit er es blutüberströmt heraus. Nein, er breitet es ruhig und reflektiert über fast 500 Seiten aus. Über Pop-Musik ist ein Wälzer, in seinem Umfang ähnlich beeindruckend und ehrerbietend wie die CD- und Vinylsammlung, die seinen Umschlag ziert. Als Gesamtpaket kommt die Veröffentlichung einer visuell-haptischen Pose gleich, die Auskennerschaft und cooles Wissen impliziert. Tatsächlich aber geht es kaum um die Geschichte und die stilistischen Ausdifferenzierungen von Pop-Musik, sondern vielmehr um deren Semiotik, ihre sozialen beziehungsweise sozialpolitischen Implikationen und natürlich ihren philosophischen Gehalt.

»Dieses Buch befasst sich mit Pop-Musik. Sein Autor hält Pop-Musik für einen eigenen Gegenstand. Pop-Musik ist für ihn kein Spezialfall aus dem größeren Gegenstandsbereich Musik. Und Pop-Musik ist nicht nur sehr viel mehr als Musik. Pop-Musik ist eine andere Sorte Gegenstand«, beginnt Diederichsen die Einleitung Was ist Pop-Musik, was ist Musik-Musik, was ist Kunst – und was sagt uns das alles eigentlich? Fragen, die Diederichsen immer wieder stellt, von verschiedenen Phänomenen ausgehend, aus verschiedenen Perspektiven argumentierend. Hier muss Barthes herhalten, dort kommt Adorno zur Hilfe und immer wieder rutscht Diederichsen in deren Jargons ab. Poppig im Sinne von eingängig liest sich das nur dann, wenn Diederichsen von seinen jugendlichen Erweckungsmomenten erzählt.

»Diedrich Diederichsen, wir lieben dich, / aber deine Bücher verstehen wir nicht. / Sie sind so introvertiert und originell. / Wir kaufen sie und stellen sie ins Büchergestell«, würden die Electroclasher Saalschutz wohl jaulen oder, wie es ebenfalls im Song »Diedrich Diederichsen« auf dem 2004 erschienenen Album Das ist nicht mein Problem ironisch zugespitzt behauptet wird: Sie würden Über Pop-Musik gleich wegwerfen. Das wäre natürlich ein Fehler. Nicht nur, weil ihnen damit spannende Gedanken entgehen würden, sondern weil sie Diederichsen und damit zugleich Pop-Musik als solcher Unrecht täten.

»Jeder kann in Pop-Musik hineintun, was ihm im Rahmen bestimmter konventioneller Grenzen zu passen scheint, und es anschließend in geeigneten Momenten wieder herausholen«, schreibt Diederichsen und meint damit auch: Pop-Musik wäre nicht, wäre nicht ihre Rezeption. Denn uns, die uns ja »alles, alles, alles« angeht, wir machen Pop-Musik erst dazu, was sie ist, indem wir die »die Pop-Musik-Frage« immer wieder aufs Neue stellen: »Was ist das für ein Typ? Oder auch: Wie ist die denn eigentlich drauf? « Saalschutz machen da wohl keine Ausnahme.

Interessanter Weise antwortet Diederichsen, ob gewollt oder nicht, mit seiner These implizit auf eine aktuelle Debatte, die vor allem im angelsächsischen Sprachraum ausgetragen wird. »Poptismism« und Lifestyle-Reporting wird beklagt, Autoren wie der New York Times-Kritiker Saul Austerlitz und Daily Beast-Schreiber Ted Gaiola werfen dem zeitgenössischen Musikjournalismus vor, sich zu affirmativ und unreflektiert auf das Privatleben von Popstars zu werfen, um Massengeschmack und Mainstreaminteressen gerecht zu werden. Diederichsen liefert für das Phänomen eine valide Erklärung: Eigentlich geht es, ging es immer schon darum bei Pop-Musik, eigentlich macht sie das erst aus.

Was wiederum nicht heißen soll, dass Diederichsen die Dinge unkritisch betrachtet und sicherlich würde er nicht die de facto um sich greifende Buzzfeedisierung des Musikjournalismus legitimieren wollen. Tatsächlich teilt er auch aus: »Die heutige Gegenwart […] zeichnet sich durch eine gedächtnislose Fortschrittsfeindlichkeit aus, die nie gekannte Vielfalt und Gleichzeitigkeit ist damit erkauft, dass keine Musik mehr Argument gegen eine andere sein will«, betont er und kritisiert damit die mangelnde Motivation für das Machen von Pop-Musik, den Verlust eines dissidenten Potenzials. Gleichzeitig übt er sich jedoch nicht in der Schwarzmalerei, mit welcher die Poptimism-Kritiker ihre Texte verkaufen wollen. Diederichsen ist eben kein zukunftsbanger Neger Negersen und kann schon deshalb kein »Pop-Papst« sein, weil er Unfehlbarkeit nicht für sich beanspruchen würde.

Über Pop-Musik ist das Werk eines Journalisten, Theoretikers und Pop-Fans. Es fasst das bisherige Lebenswerk eines Menschen zusammen, der zwischen diesen drei Identitäten dankenswerter Weise nie wirklich unterschieden hat und der vermutlich den Rest seines Lebens damit verbringen könnte, Über Pop-Musik gegen Einsprüche zu verteidigen, es zu korrigieren, aktualisieren und ergänzen. Wer Diederichsen liebt und ihn nicht versteht, sollte vielleicht einfach mehr von ihm lesen, denn: »Pop-Musik ist immer so gut wie die Fragen, die zu stellen sie ermöglicht. « Das gilt auch für Über Pop-Musik, einem Buch, dessen Stärke eher darin liegt, viele Fragen aufzuwerfen als definitive Antworten zu geben.

So umfangreich dieses schwere, großformatige Buch mit dem ehrerbietenden Umschlagdesign auch ist, es bleibt wie die darauf abgebildete Plattensammlung unvollkommen. Auch weil es, obwohl im vollen Bewusstsein des Hier und Jetzt geschrieben, heute schon veraltet ist. Das haben Standardwerke nun einmal so an sich. Über Pop-Musik ist eines, nicht nur für Journalist_innen und Theoretiker_innen, sondern selbstverständlich auch Pop-Fans. Denn ohne die keine Pop-Musik – und damit kein Über Pop-Musik.

Diedrich Diederichsen
Über Pop-Musik
Kiepenheuer & Witsch
2014 · 474 Seiten · 39,99 Euro
ISBN:
978-3-462-04532-1

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