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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
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Kritik

Bitte nicht verwechseln

Zwei neue Anthologien widmen sich den Aphorismen der Weltliteratur

Binnen eines halben Jahres erschienen zwei auf den ersten Blick sehr ähnliche Anthologien: beide um die 400 Seiten stark, gebunden, dasselbe Format und nahezu identische Titel. Im September 2008 veröffentlichten Simone Frieling und Dieter Lamping „Aphorismen der Weltliteratur aus 500 Jahren“ (Anaconda Verlag). Im März 2009 folgte Friedemann Spicker mit der zweiten, erweiterten und aktualisierten Auflage seiner erstmals 1999 publizierten Sammlung „Aphorismen der Weltliteratur“ (Reclam). Wie Frieling und Lamping deckt auch Spicker den Zeitraum eines halben Jahrtausends ab. Alle drei Herausgeber sind gleichermaßen prädestiniert für die Zusammenstellung ausgewogener Anthologien. Als Komparatist hat Dieter Lamping den Überblick über verschiedene Literaturen und auch Veröffentlichungen zu dezidiert aphoristischen Autoren wie Georg Christoph Lichtenberg und Elias Canetti vorzuweisen. Schon vor „Aphorismen der Weltliteratur aus 500 Jahren“ entstanden Bücher in Kooperation mit der Autorin und Malerin Simone Frieling. Und Friedemann Spicker ist nicht erst seit dem 2004 vollendeten Riesenwerk „Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert“ einer der, wenn nicht sogar der Aphorismus-Experte im deutschen Sprachraum.

Darf man zwei qualitativ vergleichbare Anthologien erwarten? Man darf, doch man wird ausgerechnet von derjenigen enttäuscht, welche – weshalb auch immer – zwei Herausgeber brauchte. Spicker hat im Alleingang wie schon vor zehn Jahren eine editorische Meisterleistung vorgelegt, bei Frieling und Lamping hingegen beschleicht einen immer wieder der Verdacht einer nicht sehr gründlichen Arbeit. Ein Indiz ist die geringe Zahl von 19 Autoren (bei Spicker sind es 58), von denen allein zehn aus Deutschland und Österreich stammen. Mit dem Amerikaner Ambrose Bierce findet sich sage und schreibe ein einziger Nichteuropäer im Buch. Die im Titel beschworene „Weltliteratur“ erscheint da mehr als fraglich. Auch bei Spicker ist der Europaschwerpunkt unübersehbar – eine Problematik, die er im Anhang anspricht –, doch ermöglicht seine Sammlung einen Überblick über die osteuropäische Aphoristik, die Frieling und Lamping recht lieblos mit dem prominentesten Vertreter, dem Polen Stanislaw Jerzy Lec, auf nur sechs Seiten abhaken.

Der opulente Anhang macht bei Spicker ein gutes Drittel des gesamten Buches aus. 47 Seiten beansprucht allein das Nachwort, das er mit den Varianten eines Nietzsche-Aphorismus einleitet, der – wie sich später zeigt – gar keiner ist. Spicker veranschaulicht damit eine bedenkliche Vorgehensweise zahlreicher Kompilatoren, die Aphorismen aus in sich geschlossenen Texten herauslösen oder sie zielgruppengerecht für Gestresste, Verliebte, Manager und andere verstümmeln. Bündige Informationen zu Biografie, Weltsicht, Stil und aphoristischer Bedeutung eines jeden Autors führt Spicker ebenso auf wie Originaldrucke, gesichtete Quellen und Sekundärliteratur. Dass bei den Quellen sogar die jeweiligen Seitenzahlen wiedergegeben werden, ist ebenso lobenswert wie selten. Hier sei beispielhaft auf Gerhard Fieguths Anthologie „Deutsche Aphorismen“ (1994, zuerst 1978) verwiesen.
Ein weiterer Vorzug von Spickers Sammlung liegt darin, dass er immer aus dem gesamten Werk eines Autors schöpft oder dies zumindest anstrebt. Exemplarisch zeigt sich das bei Canetti, dessen „Aufzeichnungen“ sich über einen Zeitraum von gut 50 Jahren erstrecken. Spicker hat aus allen sieben Bänden, die inzwischen vorliegen, eine Auswahl getroffen. Frieling und Lamping dagegen machten es sich sehr leicht. Sie sichteten lediglich Canettis aphoristisches Debüt „Die Provinz des Menschen. Aufzeichnungen 1942-1972“.
Bei Nietzsche wurden nur die „Vermischte Meinungen und Sprüche“ ausgewertet. Die anderen nicht minder aphoristischen Kapitel in „Menschliches Allzumenschliches“ waren anscheinend nicht von Interesse, vom späteren und späten Nietzsche gar keine Spur. Häufig entsteht der Eindruck eines flüchtigen Griffs ins Bücherregal. Frielings und Lampings Halbherzigkeit auf der einen und Spickers Akribie auf der anderen Seite ziehen sich jeweils wie ein roter Faden durchs gesamte Buch.

Im Gegensatz zu Frieling und Lamping hat Spicker auch lebende Autoren berücksichtigt, was grundsätzlich zu begrüßen ist. Über einzelne Autoren darf man geteilter Meinung sein, aber kann man Botho Strauß einen Aphoristiker nennen? Er ist ohne Frage einer der stilsichersten Essayisten, jedoch sind die 32 ausgewählten Ein- bis Fünfzeiler etwas blass und haben in ihren ursprünglichen Bänden eher die Funktion von Atempausen und Intermezzi.
Ganz anders im Fall von Elazar Benyoëtz. Ihm räumt Spicker zu Recht acht Seiten ein und damit mehr Platz als manchem Klassiker. Bei Frieling und Lamping wird Benyoëtz, der seit 1969 mehr als 30 Aphorismenbände publiziert hat und sich seit Mitte der 1970er Jahre auf sehr hohem Niveau bewegt, marginalisiert: „Aus der deutschen Literatur könnte man noch Jean Paul, Johann Gottfried Seume, Ludwig Börne oder Ludwig Hohl in Betracht ziehen, auch den in Wiener Neustadt geborenen, in Israel lebenden, deutsch schreibenden Elazar Benyoëtz.“ Diese Autoren fehlen, denn „sie haben als Aphoristiker vor allem nicht dieselbe Wirkung gehabt wie alle, die in diesem Band repräsentiert sind.“ Es ist schade, wenn Anthologisten nach diesem Kriterium verfahren und unter dem Deckmantel von Objektivität und Repräsentativität die Unbekanntheit von Autoren zementieren, die eigentlich der Lektüre lohnen. Ein solches Vorgehen ist zumindest diskutabel. Nicht diskutabel, sondern eindeutig deplatziert sind folgende zwei von Frieling und Lamping ausgewählte Montesquieu-Aphorismen: „Merkt euch das schöne Wort von Plutarch: ‚Ja wenn das Glück käuflich wäre!‘“ und „Schöne Worte Senecas: ‚Sic praesentibus voluptatibus utaris, ut futuris non noceas.‘“ Ebenso fragwürdig ist der Abdruck von Lichtenbergs Bemerkung: „Das älteste Sprüchwort ist wohl: allzu viel ist ungesund“ und die von Ambrose Bierce gesammelten Zitate zum Stichwort Reichtum. Ich bezweifle nicht, dass Montesquieu mit Freude Plutarch und Seneca zitiert hat und Lichtenberg die Klugheit des Volksmundes zu schätzen wusste. Doch was hat das in einer Anthologie zu suchen? Ist das begeisterte Zitat, dem lediglich ein banaler Vorreiter à la „merkt euch wohl“ hinzugefügt wird, besser oder aussagekräftiger als ein eigentlicher Text des betreffenden Autors? Ähnlich eingebettete Aphorismen findet man bei Spicker nicht.

Frieling und Lamping beschließen ihre Sammlung mit einem zehnseitigen von Lamping allein verfassten Nachwort, das durchaus seine Qualitäten hat. Es ist flüssig zu lesen und man erfährt, welcher Aphoristiker welche Vorgänger rezipiert hatte. Mit einigem rhetorischen Geschick werden die größten Mängel ihrer Anthologie verteidigt oder heruntergespielt. Doch auch im Nachwort tritt die Laxheit zu Tage: „Die ‚Oscariana‘, wie sie [Wildes Frau Constance] sie genannt hat, machen vom Umfang her ein Vielfaches der einzigen Aphorismen-Sammlung aus, die Wilde publiziert hat, der ‚Phrases and Philosophies for the Use of the Young‘, die dem ‚Dorian Gray‘ vorangestellt sind.“ Diese Aussage ist doppelt falsch. Zum einen hat Wilde die besagte Aphorismensammlung erst Ende 1894 in einer Zeitschrift veröffentlicht, zum anderen existieren zwei weitere von Wilde selbst verantwortete Kollektionen: „A Few Maxims for the Instruction of the Over-Educated“, im selben Jahr ebenfalls in einer Zeitschrift erschienen, und das aphoristische „Preface“ zum „Dorian Gray“ (1891).

Im großen Ganzen, aber auch in solchen Details zeigen sich die Unterschiede zwischen einer literaturwissenschaftlichen Anthologie und einer Wühltischanthologie. Erstere kostet 22,90 Euro, letztere 7,95 Euro. Diese Differenz ist gerechtfertigt.

Dieter Lamping · Simone Frieling · Friedemann Spicker
Aphorismen der Weltliteratur
Reclam
2009 · 373 Seiten · 22,90 Euro
ISBN:
978-3-150106853
Erstveröffentlicht: 
literaturkritik.de

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