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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
Kritik

entweichende Luft

ballonhühner
Hamburg

Die Gedichte von Dieter Gräf sind in der Welt zuhause, zwischen den Sprachen, Ländern und Zeiten. Die Schauplätze der Gedichte reichen von Taipeh über Ostia bis hin nach Brooklyn. Der Buchtitel „livre IV. (Buch vier)“ wird in einem Gedicht erklärt, das Zeichen im Chinesischen für die Zahl „vier“ ist ident mit dem Zeichen für „Tod“. Viele der Gedichte drehen sich demnach auch um Tod und Mord, wie man schon leicht am Gedichttitel DER POCKENNARBIGE TÖTET W. ablesen kann. Mit W. ist dabei Johann Joachim Winckelmann gemeint, der 1768 in Triest von einem arbeitslosen Koch ermordet wurde.

Die Sprachpräzision von Dieter Gräf lässt sich an den beiden Gedichten über Feltrinellis Aschenbecher zeigen, denn das erste Gedicht wird richtiggehend komprimiert und eingedickt in das wesentlich luftigere zweite Gedicht. Hier die ersten Zeilen aus FELTRINELLI SCHENKT / ZUR HOCHZEIT / EINEN ASCHENBECHER:

einen so großorange tischfüllenden Aschenbecher
schenkt Giangiacomo Feltrinelli zur Hochzeit
von Renate und Walter Höllerer, als wollten sich
alle darin ausdrücken, Asche im Design sein:

All dies wird dann in FELTRINELLIS ASCHENBECHER II in folgende Worte komprimiert:

sich aus
      drücken in ein glänzen
                                  des Nichts;

Dieter Gräf schreibt zwischen zwei Sprachen, da er seine Gedichte auf Deutsch schreibt, aber sich in Buch vier immer wieder vorwiegend italienische Einschübe finden, viele Titel sind Italienisch und auch inhaltlich lassen sich besonders viele Gedichte in Italien verankern. Die Übersetzung ins Französische von Joël Vincent erweitert diesen Dialog, der damit über drei Sprachen hinweg geführt wird.

Eine Übersetzung von Lyrik ist immer auch viel mehr, als eine einfache Inhaltsübertragung für Menschen, welche die Originalsprache nicht oder nur unzureichend beherrschen.  Denn Übersetzung kann zu einem Instrument werden um das jeweilige Gedicht besser und tiefer verstehen zu können. Liest man eine Übersetzung aufmerksam, so kann es passieren, dass man plötzlich über ganz unerwartete und im Original an sich unscheinbare Stellen nachzudenken beginnt. So ist im Französischen beispielsweise die doppelte Verneinung ganz normal. In der Übersetzung eines Gedichts, das selbst schon die Grammatik aushebelt und in dem nicht nur jedes Wort, sondern jede Silbe zählt, stolpere ich aber plötzlich gerade über diese ebenso richtige wie normale doppelte Verneinung. Bei Gräf liest man:

Das Zeitgenössische? Hat
stattgefunden Zu-keiner-Zeit

Die Übersetzung dieser Stelle lautet dann:

Le contemporain? N’a
eu lieu à-aucune-époque

In einer Wort für Wort Rückübersetzung wird daraus: „Das Zeitgenössische? Hat nicht / stattgefunden Zu-keiner-Zeit“ Daran sieht man sehr schön, dass jedes Gedicht in der Übersetzung immer etwas hinzugewinnt. Denn in der Übersetzung hinterfragt das Gedicht gleichsam sich selbst, oszilliert und wird dadurch weniger fassbar.

Das Gedicht kann in seiner Übersetzung einen neuen Gesprächspartner finden, der ihm antwortet oder auch nachfragt. Sehr großartig ist, wenn beispielsweise der Satz „Da war ich auch schon, nicht“ in der Übersetzung zu „J’y étais déjà aussi, ou pas“ („Da war ich auch schon, oder nicht“) wird. Mit dem „oder nicht“ wird nämlich nicht nur dieser eine Satz hinterfragt, bzw. infrage gestellt, sondern gewissermaßen das ganze Gedicht, da es sich um die letzte Zeile eines dreiseitigen Gedichts handelt.

Eine Übersetzung ist aber auch immer damit konfrontiert, dass sie eben nicht Original ist und zweisprachige Leser somit schnell an den Punkt gelangen, mögliche andere Lösungsversuche für Besonderheiten und Schwierigkeiten im Gedicht durchzudenken. Denn Übersetzung ist eher Prozess, denn Resultat. Es gibt nämlich immer sehr viele Möglichkeiten, wie man etwas noch übersetzen könnte.

Fasst man Übersetzung als Prozess auf, so bedeutet das zugleich auch Bewegung. Denn Übersetzung ist etwas Lebendiges, das nicht stillhält: Es passiert etwas zwischen den Sprachen, etwas, das unglaublich spannend sein kann, lässt man sich darauf ein. Ja, es gibt Spalten und Schächte zwischen den Sprachen, über die man als Übersetzer manchmal nur mit viel Mut, Anlauf und geschlossenen Augen springen kann. Manchmal gehen bei einem solchen Sprung auch Dinge verloren, um die es schade ist, wie zum Beispiel die „Luft / ballonhühner“, aus denen im Französischen einfach „dicke fliegende Bälle“ („grosses balles volatiles“) werden. Aber dann können die Brüche zwischen den Sprachen auch zu Lichtschächten des besseren und tieferen Verständnisses werden, denn Übersetzung kann einen zum Nachdenken über Sprache und Bedeutung an sich bringen.

Dieses Nachdenken kann unglaublich schön sein, weil es einen aufmerksam macht auf die vielen feinen Nuancen der Sprache. Dank der Übersetzung fange ich beispielsweise an, darüber nachzudenken, worin genau der Unterschied liegt, wenn man „vor / gerade noch unsichtbaren Fresken“ steht, oder „vor / noch nicht sichtbaren Fresken“ („se tenir / devant des fresques pas encore / visibles“)

In der Übersetzung sieht man auch das Besondere der Sprache von Gedichten deutlicher, gerade auch an den Punkten, wo die Übersetzung an ihre Grenzen gerät. Nicht alles ist übertragbar, Sprachen sind zwar übersetzbar, aber übersetzen bedeutet nicht gleich ersetzen: Nicht alles ist eins zu eins austauschbar. Eine Eigenheit der Gedichte von Dieter Gräf sind häufige Wortteilungen, wodurch es ihm gelingt, schöne Kippeffekte von Bedeutungswechseln zu erzeugen. Diese Wortteilungen funktionieren allerdings im Französischen nur selten. Ganz problemlos ist „Land / schaft“, weil das im Französischen mit „pays / age“ wirklich genau so machbar ist, denn „pays“ bedeutet Land, „paysage“ Landschaft. Hier kommt sogar noch eine zusätzliche Bedeutungsebene hinzu, denn „âge“ für sich stehend bedeutet Alter, Zeitalter. An anderen Stellen sind die Wortteilungen im Französischen aber nicht möglich. Manchmal scheint es nicht ganz so relevant zu sein, wie z.B. bei „Vene / zianisches Messer,“ Aber es gibt auch Stellen, bei denen die Wortteilung schon ganz essentiell ist, wenn beispielsweise das Wort „auseinandergerissene“ selbst durch die Wortteilung auseinandergerissen wird:

eingesickert in die aus
einandergerissene Gegend

Oder wenn allein durch die Wortteilung eine der größten Fragen der Menschheit, um die schon so viele Kriege geführt wurden, auf den Punkt gebracht wird. Die Frage, ob es einen oder mehrere Götter gibt: „darauf Gott / heiten“. Der Kippmoment zwischen Einzahl und Mehrzahl ist unglaublich aussagekräftig. Diese zwei Kippmomente verschwinden nun aber leider beide in der Übersetzung, weil es an diesen Stellen zu keinerlei entsprechenden Wortteilungen kommt und sie schlicht innerhalb einer Zeile in „déchirée de part en part,“ und „des dieux“ (Götter) übersetzt werden. An anderen Stellen wiederum entscheidet sich Joël Vincent für die Wortteilung, obwohl diese inhaltlich weniger aussagekräftig scheint, als in den zuletzt genannten beiden Beispielen und obwohl die Wortteilung im Französischen anders als im Deutschen keine eigenständigen Worte ergibt. „Weiß“ und „sein“ können beide für sich eigenständige Worte sein, genau damit spielt Dieter Gräf bei seinen Wortteilungen: „und das Weiß / sein von allem und allen.“ Diese Wortteilung wird in der Übersetzung getreu übernommen, allerdings ergeben sich daraus keine neuen bedeutungstragenden Worte: „et la blan / cheur de tout et de tous.“ Denn weder „blan“ noch „cheur“ ist ein französisches Wort, allein „blancheur“ gibt es.

Übersetzen, das bedeutet vor allem auch eines: Kompromisse finden. Kompromisse, die manchmal durchaus schmerzhaft sein können. Es gilt Entscheidungen zu treffen, Prioritäten zu setzen und Verluste in Kauf zu nehmen. Lyrik zu übersetzen ist besonders herausfordernd, aber genau deswegen auch so ungemein spannend. Bei einem Gedicht gilt es nicht allein den Inhalt zu beachten, sondern auch Form, Klang, Rhythmus, Zeilen- und Silbenanzahl, Zeilenumbrüche, die Verteilung der Worte über die Seite, etc. Wenn man livre IV von Dieter Gräf in der Übersetzung von Joël Vincent einfach nur durchblättert, dann kommt man leicht ins Staunen. Denn erst im einfachen Durchblättern fällt auf, wie genau Joël Vincent visuell übersetzt hat. Optisch folgt die Übersetzung genauestens dem Original – und wer Gedichte von Dieter Gräf kennt weiß, dass das kein Leichtes ist –  Einschübe, Kursivsetzung, Sternchen, Schriftgrößenänderungen, Rechts- oder Linksbündigkeit, Zeilenanzahl, Zeilenlängen, etc. werden auch in der Übersetzung ernst genommen und übernommen.

Joël Vincent ist ein sehr aufmerksamer Übersetzer, beweist Feingefühl für die Besonderheiten des spezifischen Sprachumgangs von Dieter Gräf und überträgt diese Eigenheiten soweit ihm das in der Französischen Sprache möglich ist. Wie genau die Übersetzungen an vielen Stellen gearbeitet sind, lässt sich beispielhaft an einem kleinen Detail zeigen. Der Titel des Gedichts DRACHE DER SPIEGEL spiegelt sich selbst in seiner ersten Zeile, welche lautet: „Drache der Spiegelung“. Sehr schön ist, dass diese Dopplung von Spiegel und Spiegelung auch in der Übersetzung beibehalten wird: DRAGON DU MIROIR und „dragon du miroitement“. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn es ließe sich beispielsweise mit „le reflet“ schon ein anderes Wort für „Spiegelung“ finden, womit aber natürlich sehr vieles verloren ginge.

Übersetzen bedeutet, wie bereits gesagt, immer auch, Kompromisse zu finden. Joël Vincent setzt einen Schwerpunkt auf die visuelle Übersetzung, höhere Genauigkeit ist da kaum möglich. Dafür lassen sich jedoch immer wieder kleinere inhaltliche Ungenauigkeiten finden. Die Gedichte von Dieter Gräf ins Französische zu übersetzen ist nicht leicht und eine sehr große Herausforderung für jeden Übersetzer, da Dieter Gräf mit einer ungeheuren Sprachpräzision schreibt. Ich möchte daher an dieser Stelle zuerst meinen Hut vor Joël Vincent ziehen, bevor ich ein paar inhaltliche Details und Kleinigkeiten herauspicke, über die ich einfach gestolpert bin.

Bei der Übersetzung von „aufgebende Aufgaben“ in „missions abandonnées“ kommt es zunächst einmal zu einer kleinen, aber doch bedeutsamen semantischen Verschiebung. Denn aus den „aufgebenden Aufgaben“ werden in der Übersetzung die „aufgegebenen Aufgaben“. Und dann fällt natürlich auch noch auf, dass die schöne Alliteration einfach unter den Tisch fällt. Diese ließe sich eigentlich schon übertragen, beispielsweise durch „abandons abandonants“ oder auch „missions démissionantes“

Die Verschiebung, wenn aus dem „Rosenhybriden“ ein „rosa Hybrid“ (l’hybride rose) wird, scheint vergleichsweise unwichtig, kam die Farbe Rosa ja bereits in Form eines rosa Telefons (téléphone rose) in einem anderen Gedicht vor. Aber es macht doch einen sehr großen Unterschied, wenn der einsame Handwerker in der Übersetzung nicht mehr vom vorübergehend still gelegten Vergnügungsturm herunternießt, sondern ganz plötzlich von ebendiesem Vergnügungsturm nießend heruntersteigt. („de laquelle / un artisan solitaire descend en éternuant“). Wobei es andererseits auch wieder sehr spannend ist, wenn in der Übersetzung plötzlich eine Figur in Erscheinung tritt, auf einen zukommt, die im Original nur zu hören oder höchstens als kleiner Punkt hoch oben zu sehen gewesen war.

Abschließen möchte ich daher mit einem Appell: Lesen Sie Übersetzungen, wenn Sie Lyrik lieben!

Dieter M. Gräf
livre IV | buch (vier)
jacques andré editeur
2016

Fixpoetry 2017
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