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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Selbst erlebte Abgründe

Donnerstag, 17. September 2009, 16:28:32 – ein Datum, das per Mausklick die Eigenschaften der Datei preisgeben und das Gefühl von Scham. Dieter Schlesak hatte eine Presseaussendung zu seinem neuen Buch geschickt, welches gerade als e-book erschienen war. Ich habe es bis heute nicht geschafft, das Buch zu lesen. Aber vergessen habe ich es auch nicht. Hier ist der (nicht mein) Wortlaut mit den wichtigsten Informationen zum Buch:

„Seit rund zwei Jahren hört man immer mehr von der Ablösung der Gutenberg-Galaxie durch das eBook, das direkt und sofort aus dem Internet abrufbar ist. Und neue Lesegeräte wie „Kindle“ sind in den USA auch schon auf dem Markt, die ohne Bildschirmflimmern das papiergerechte Lesen gut nachahmen und das Bildschirmlesen, das viele vom eBook abhält vergessen lassen!. Viele  Verlage bieten schon parallel  Printbücher und e-bücher an, meist Bücher in beiden Formen. Dies hat auch Dieter Schlesaks Verlag in Köln getan und seinen Liebesroman „Romans Netz“ nun auch als sofort abrufbares und günstiger erreichbares eBook herausgebracht.

Doch der Autor Dieter Schlesak hat auch, der dauernden Verlagssuche müde, die seiner äußerst reich gewordenen Ernte nicht mehr nachkommen kann,  mit seinen neuesten Büchern das Experiment gewagt und einige dieser im Jahre 2008 und 2009 fertig gestellten Bücher, sozusagen als Voraus-Veröffentlichung abrufbar gemacht: So sein nach „Vaterlandstage“ und „Capesius, der Auschwitzapotheker“ wichtigstes Buch, das nun fertig geworden ist, den Zeit-Roman „Transsylwahnien“ - er ist nur als e-book erschienen.

Dieter Schlesaks Heimatregion Transsylvanien wird bewusst als „Transsyl-Wahnien“ (Transilmania) bezeichnet, weil die Unvorstellbarkeiten ihrer Geschichtstragödien aus ihr eine der „verrücktesten“ und von der Geschichte am heftigsten gebeutelten Provinzen Europas gemacht haben. Sie ist mit dem europäischen Schicksal eng verbunden. Europas Gewalttaten und dessen Blutspuren haben, vor allem auch im 20. Jahrhundert, diese ungemein vielgestaltige, schöne und reiche Gegend fast zerstört, da sie alle europäischen Desaster, oft noch in gesteigertem Maße als sonst wo, durchleben musste.
Transsylwahnien ist der dritte und letzte Teil der Transsylvanischen Trilogie. Der erste Teil ist der Roman: Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens (Zürich 1986), und der zweite Teil: Capesius, der Auschwitzapotheker (Bonn 2006), der jetzt ein weltweiter Erfolg zu werden verspricht. Er wurde bisher nicht nur in die Sprachen übersetzt, in deren Ländern der Roman handelt, also ins Polnische (Auschwitz), ins Ungarische (es waren 1944 die ungarischen und transsylvanischen Juden, die in diesem Höhepunkt der Vernichtungsaktion in den Todesfabriken vergast wurden). Ins Rumänische, Transsylvanien gehört zu Rumänien, ins Italienische (das Buch handelt zum Teil in Italien, wo der Autor lebt), dann gibt es Verträge mit einem spanischen Verlag, und vor allem, der Roman wird jetzt ins Englische übersetzt und erscheint in einem der größten amerikanischen Verlage Farrar, Straus & Giroux in New York. Weiter ins Hebräische, in Holländische, ins Spanische, ins Portugiesische, ein Brasilianischer Verlag wird ihn übersetzen.

Und nun der neue Roman Transsylwahnien. Dieser führt mit seiner Handlung und seinen Figuren mitten in diese grausame Geschichte; in allen drei Romanen werden Geschichte, die Katastrophen, die Diktaturen, das Schicksal von Menschengruppen als Familiengeschichte und Lebensgeschichte, Leiden und Tod, Verfolgung, Entwurzelung, Exil und gnadenlose Verluste von Einzelnen in zwei Weltkriegen, bis hin zur Endstation der Historie – Auschwitz, in Dokumentar- und Zeitliteratur übersetzt.

Transsylwahnien (Wahnien also) - anhand einer Familiengeschichte wird von dieser verrückten alten Kulturlandschaft erzählt, die jeder nur als Draculaland kennt, die aber vor allem im blutigsten Jahrhundert der Menschheitsgeschichte mehr an historischem Horror bietet als das eher kindliche Gruselmärchen. Vom Auschwitzapotheker bis hin zur Securitate.

Der Leser kann das blutige 20. Jahrhundert so überschaubar wie das Meer in einem Wassertropfen aus erster Hand mit dem  Blick eines Zeitzeugen  nacherleben.

Transsylwahnien, nomen est omen, denn „Wahnien“ hieße Land des Irrsinns,  handelt nicht in Auschwitz, wie „Capesius“, sondern vor allem im postkommunistischen  Transsylvanien, das ja auch der Handlungsort Dracula ist, in vielen Rückblenden  in die Kriegs-und Nachkriegsjahre, sowie in Deutschland und Italien; so ergibt sich ein wechselnder ost-westlicher Handlungsraum.

Das Besondere dieses Buches ist, dass dieses brisante deutsche Schuld-Thema auf ganz besondere und bunte Weise in einer Vielvölker- und Sprachumgebung Transsylvaniens  erscheint. Transsylvanien  gehört zu Rumänien, auch zum roten Ceausescu –Rumänien. Terplan , der Emigrant, der Hauptheld, ist aus dem Ceausescu-Rumänien geflohen. Er unternimmt auf Verlangen und als letzter Wunsch seiner Mutter, eine gefährliche Rückkehr „nach Hause“ um „nach den Häusern und den Gräbern zu sehen.“ Und diese Rückkehr wird letztlich zu einem großen Toten- und Erinnerungsgespräch mit der Generation der Väter, vor allem auch mit jenen, die (außer Capesius) an der vordersten Front des Verbrechens standen, mit Menschen aber, die nur noch im Gedächtnis des Protagonisten leben. Und so wird er ebenfalls zu einem wichtigen Augenzeugen der Augenzeugen eines der blutigsten Jahrhunderte Europas.

Es sind die Abgründe auch des Selbsterlebten, die eigene Lebensgeschichte und die siebenbürgisch-sächsische Familiengeschichte, die in der Nazizeit eng zur schuldhaften deutschen Geschichte gehört (der Auschwitzapotheker kam aus meiner siebenbürgischen Heimatstadt),und dann die Schock-Erfahrungen in der roten Diktatur mit ihren Gefängnissen, der Securitate und ihrem Verfolgungswahn. „Transsylwahnische“ Geschichte spiegelt, wie in einem Brennglas auch die deutsche Geschichte der letzten siebzig Jahre als siebenbürgische Familiengeschichte: Krieg und Nachkriegszeit, kollektiver Wahnsinn und Vaterlandsverlust., das Bodenlos-Leben zwischen Ländern und Kulturen von heute. Der Roman versucht, in sprachliche und stilistische Strukturen zu übersetzen, was an die Grenze jeder Erzählmöglichkeit und Romanform heranführt. Der Tod und der Geschichtstod stehen im Mittelpunkt, und das dem Einzelnen Zugefügte, das eigentlich jede Sprache verschlägt. Nähe mit allen Alltagskleinigkeiten bis ins Banalste im Familien- und Kleinstadtgeschehen allein, lassen Unvorstellbarkeiten fassbar werden. Das Buch ist der Mutter des Autors gewidmet, und sie, die noch den Ersten Weltkrieg erlebt hat, die Auflösung der k. u. k. Monarchie, die Nazizeit, mit dem Krieg und den Kriegstoten, das Wissen von den Lagern, die rote Diktatur mit ihren Enteignungen, die Aussiedlung nach Deutschland, bitteren Heimatverlust und Exil, ist die eigentliche Protagonistin dieses Familienromans."

Dieter Schlesak
Transsylwahnien
ciando
2009 · 329 Seiten · 7,99 Euro
ISBN:
978-3-939845904

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