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Kritik

Das „Ich“ und die Theorie

Wie das Subjekt in der Philosophie des 20. Jahrhunderts zur bestimmenden Größe wird
Hamburg

Im 20. Jahrhundert ereignet sich in den Geisteswissenschaften, in Philosophie, Soziologie, Anthropologie und Ethnographie, Semiologie und den Philologien, ein Paradigmenwechsel: Waren die Theoretiker über lange Zeit bemüht, die Theorie von privaten, subjektiven, autobiographischen Elementen frei zu halten, so werden jetzt das eigene Ich, Autobiographie und Autobiographisches zu einem Element der Theorie: und zwar sowohl zu ihrem Gegenstand wie auch zum unabdingbaren Mittel ihrer Authentifizierung.

Damit vollzieht das Theoretisieren eine Abkehr vom System, von der Totalität, wie sie die Philosophie über Jahrhunderte betrieben hat – und betont stattdessen das Kleine, Unscheinbare, Marginale. Das, was zunächst nur für den Theoretiker Gewicht hat, weist auf seine fundamentale Bedeutung für dessen Denken hin, ja leitet die Genese des Denkens von diesem Fundament her und beglaubigt es durch sie – und macht zugleich durch die Form, in die es überführt wird, durch das Aufzeigen von überindividuellen Mustern und Strukturen, deutlich, dass es über das eigene Selbst hinaus Bedeutung für die Allgemeinheit hat und ihr zur Erklärung dient.

Natürlich gab es auch zuvor Ausnahme-Theoretiker: Augustinus, Pascal, Montaigne, Rousseau, Kierkegaard sind allesamt Autoren, die außerhalb der Universität und des akademischen Rahmens agierten, oft im Widerspruch zu oder sogar in offen feindlicher Auseinandersetzung mit diesen. Das berühmteste Gegensatzpaar im ersten Morgenlicht der Moderne dürften Rousseau und Kant sein – der eine schrieb am Anfang seiner „Bekenntnisse“,

Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein. Einzig und allein ich.

– der andere stellte seiner „Kritik der reinen Vernunft“ als Motto einen Satz Francis Bacons voran:

De nobis ipsis silemus – Von uns selbst schweigen wir.

Woher aber kommt das zunehmende Interesse am Subjektiven und Autobiographischen und seine Aufwertung zum überindividuell Gültigen und Wahrheitszeichen? Dass das eigene Leben zum Gegenstand und Prüfstein der Theorie wird, ist eine Entwicklung, die sich seit der Jenaer Romantik verstärkt hat, die das Ich zum Zentrum der Welterklärung ernannt und die Aufhebung der Distanz oder Differenz zwischen Kunst und Leben intensiv betrieben und als poetologisches Programm etabliert hat.

Die Philosophen werden zu Dichtern, Erzählern, Literaten, Träumern, Kritikern. Ihr Instrument, die Sprache, die zuvor als überindividuell und objektiv galt, wird historisiert, als Zeichensystem hinterfragt und theoretisiert, was zugleich bedeutet, dass die Theorie, da sprachlich verfasst, niemals objektive Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern immer nur in Sprache übersetzte Interpretation, eine Wirklichkeitsfiktion also, sein kann, die von ihrem Urheber und dessen Subjektivität nicht zu trennen ist. Die Sprecher- beziehungsweise Autorposition ist also stets auf ihre Voraussetzungen und ihre Motive hin zu hinterfragen, da sie Teil der untersuchten Gesamtordnung ist.

Ausdruck der Verunsicherung darüber, ob man Wissen objektivieren und objektivierbare Aussagen über die sogenannte Wirklichkeit treffen kann, ist der Roman, der in der Romantik zur favorisierten Gattung wird und gewissermaßen die Nachfolge der Philosophie antritt. Er verabschiedet sich von der geschlossenen Form, betont das Fragmentarische, nimmt disparateste Elemente und andere Gattungen in sich auf. Er will nicht das Abbild einer außersprachlichen Totalität sein, sondern eigenständiges komplexes Zeichen- und Symbolsystem.

Der Bildungsroman – der das Individuum zum Helden erklärt und seine Entwicklung als ewiges Werden inszeniert, nur ein Leben in seinem Wollen spiegelt, nicht die Welt in ihrer Ganzheit – versteift im Laufe des 19. Jahrhunderts zum vorgeblich realistischen Gesellschaftsbild; eine parallele Entwicklung machen die sich professionalisierenden Wissenschaften durch, die in der Ideologie des Positivismus erstarren – ein Prozess, der erst durch Psychologie und Soziologie, Linguistik und Semiotik in den Geisteswissenschaften und mit Relativitätstheorie und Quantenphysik in den Naturwissenschaften seine Korrektur erfährt.

Im 20. Jahrhundert kommt die massenhaft gemachte Erfahrung mit totalitären politischen Systemen hinzu, von der die Bildungseliten nicht ausgenommen sind – sie sind keine begünstigten „Ausnahmen“ mehr, sondern Bürokratie, Krieg, Diktaturen, systematischer Verfolgung unterworfen wie alle. Viele der Theoretikerinnen und Theoretiker, die im 20. Jahrhundert Bedeutung erlangen werden, erfahren eine frühe Marginalisierung im Universitären, werden physisch verfolgt, durchs Exil entwurzelt. Eine Scheidung zwischen dem Körper des Philosophen und seinem Denken, wie es Kant noch gelungen sein mag, ist ihnen nicht möglich; die Flucht ins System, in die Ordnung, ohne Verankerung in einem transzendentalen Glauben, ebenso wenig.

Die Reaktion ist ein Bruch mit der (akademischen, institutionellen) Tradition und eine Neubefragung der Fundamente des Denkens und Handelns. Die Philosophie des 20. Jahrhunderts kehrt zum Ursprung philosophischen Nachdenkens zurück, sie fragt nicht nach dem in sich geschlossenen, ausbalancierten System, sondern nach dem „guten Leben“. Sie richtet sich an einer Ethik aus, die nicht abstrakt argumentiert, sondern nach der persönlichen Verantwortung, dem persönlichen Handlungsspielraum und der individuellen Entscheidung fragt – auch der Theoretisierenden selbst. Damit rückt das Autobiographische ins Zentrum des Nachdenkens.

Drei Professoren, einer für Philosophie, einer für französische Sprache und Literatur sowie einer für russische Kultur – Dieter Thomä, Vincent Kaufmann und Ulrich Schmid – haben 25 Porträts zu Theoretikern und Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts geschrieben und darin deren Verhältnis, die je individuelle „Nahtstelle“ zwischen Theorie und Autobiographie untersucht. Es interessiert weder die Projektion, das Leben würde nach der Theorie ausgerichtet, noch die Reduktion auf die Vorstellung, die Theorie sei Ausdruck privater Lebensnot, -lust oder -kunst, quasi das

Nebenprodukt einer persönlichen Agenda.

Vielmehr gehe es um die

wechselseitige Erhellung von Autobiographie und Theorie.

Dieser im Vorwort erhobene Anspruch wird in den 25 Kapiteln, die chronologisch nach Geburtsjahren geordnet sind und von Paul Valéry über Lukács, Wittgenstein, Kracauer, Benjamin zu Adorno, Sartre, Arendt, Barthes, Foucault, Derrida und Sontag führen, nicht immer eingelöst. Die Verbindungen zwischen Theorie und (Auto-)Biographie nehmen sich sehr verschieden aus – manchmal bleiben sie oberflächlich und rein äußerlich, wie bei Lukács (dessen Aufnahme in den Band nicht einleuchtet, ebenso wenig wie das Fehlen Sigmund Freuds); insbesondere bei den deutschen und französischen Theoretikern aber ist die Entwicklung der Theorie integral mit dem eigenen Selbst verbunden. Unterschiede gibt es da allerdings nach einerseits Autobiographischem in der Theorie – das heißt, versteckten Anspielungen, Begriffen, Theoremen, die auf Autobiographisches zurückzuführen sind und also eine autobiographische Lesart der Theorie erlauben – und der Theoretisierung des Autobiographischen selbst andererseits – also dem Einbau und der Verwandlung autobiographischer Elemente zu Bausteinen oder sogar zum Fundament der Theorie.

Diese grundsätzliche Unterscheidung wird leider nicht immer deutlich, aber einige der Kapitel, insbesondere zu Breton, zu Benjamin, Blanchot, Lévy-Strauss und Bourdieu sind aufschlussreich. Am Beispiel Bretons wird deutlich, wie die Avantgarden – zu denen die Frühromantiker gewissermaßen avant la lettre gehören – eine subjektive, nicht akademische oder institutionelle Position eingenommen und gleichzeitig einen theoretischen Diskurs vorangetrieben haben, und zwar, indem sie die Theorie in Poesie oder Kunst umsetzten, sie als erlebt inszenierten und dadurch in politische Akte verwandelten.

Bei Benjamin wird deutlich, wie seine Romantheorie auf eigenes Erleben und autobiographisches Schreiben zurückgeht: indem er die Neigung zum Unsystematischen, Sprunghaften, Assoziativen favorisiert, eine geschlossene Erzählung mit Chronologie, folgerichtiger Logik und einem hineingelegten Sinn dagegen verwirft – ein Ansatz, der für die Geisteswissenschaften bis heute produktiv und für die Künste anregend ist, insbesondere die erzählenden: Literatur und Film.

Auf eine ähnliche Durchlässigkeit und Selbstbeobachtung ohne Urteil ist auch Roland Barthes aus, dessen Ich in seinen theoretischen Schriften auf eine fast schon skandalöse Weise in Erscheinung tritt, der aber immer das Imaginäre, das Fiktive der Identität und das Fiktive der Autobiographie betont. Mehr als das Zusammentragen, Inszenieren, Arrangieren von Biographemen – Eindrücke, Vorlieben, Neigungen – ist ihm weder möglich noch wahr, an einen Lebenslauf glaubt er nicht, dafür aber an eine Schreibweise, die Bewegung eines Denkens. Damit hat er, wie Foucault betonte,

uns am meisten geholfen, eine bestimmte Form universitären Wissens zu erschüttern, die Nicht-Wissen war.

Und Foucault ist es dann auch, der diesen Ansatz weiterentwickelt, sein (Geistes-)Leben als Experimentator entwirft, der schreibt, um sich zu verändern, während sich die Veränderung in dem Geschriebenen niederschlägt – was bedeutet, dass sein theoretisches Projekt zugleich immer auch ein autobiographisches ist.

Auch wenn der Band systematische Unschärfen hat und einige Schwächen bei der Auswahl der Porträtierten aufweist, bietet er eine anregende, zum Teil unkonventionelle, auch gewagte Präsentation grundlegender Theoriezüge der 25 Porträtierten. Dass er immer wieder erhellende Binnenbezüge herstellt – wie eben zwischen Barthes und Foucault, oder zwischen Valéry und Debord – macht ihn zu mehr als einer bloßen Aufsatzsammlung.

Dieter Thomä · Ulrich Schmidt · Vincent Kaufmann
Der Einfall des Lebens
Theorie als geheime Autobiographie
Hanser Literaturverlage
2015 · 416 Seiten · 24,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24914-1

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