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Kritik

Auf Gottes Kanälen

Ein Lob der Beknacktheit in Dietmar Daths neuem Roman
Hamburg

Es gibt sehr viele Figuren in Dietmar Daths neuem Roman Leider bin ich tot. Sie sind alle ein bisschen beknackt, ein paar von ihnen identisch miteinander und die meisten von ihnen am Ende der Erzählung tot. Die, die überleben, befinden sich in einer Art zeitlosem Limbo vergleichbar mit dem, was am Ende von Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey zu sehen ist: Alles ist ruhig, aber unheimlich. Es werden Safranfäden verspeist, eben fuhr noch ein Feuer über die gemeinsame Welt und hätte sie fast vollständig verschlungen. Jetzt sind nur noch die Menschen mit ihren hart erkämpften Erkenntnissen übrig. Dann wiederholt sich alles, wie sich alles immer wieder wiederholt.

Leider bin ich tot ist ein Roman über die Religion(en), der wenig von der Religion(en) erzählt. Es ist aber zugleich ein Science-Fiction-Roman, der mit ein bisschen Science und viel Fiction keinen Schritt in die Zukunft unternimmt und stattdessen die Zeit zerbröseln lässt. Vor allem aber ist Leider bin ich tot ein Roman über Ideologien, der nicht ohne Grund Slavoj Žižek eine kurze Nebenrolle zuteilt. So wie der aus der architektonischen Beschaffenheit von Toiletten die Ideologie ganzer Kulturen herauslacanisiert, so zieht Dath aus individuellen Geschichten ein paranoisches Netz von Verschwörungen - der katholischen Kirche, einer ökumenischen Sekte, verrückten Wissenschaftler_innen, politischen Organisationen und so weiter.

Das Beeindruckende an Leider bin ich tot ist nicht unbedingt, wie viel Erzählstränge und Einzelschicksale Dath verflicht, sondern wie mühelos er das tut. Sein zwischen lockerem Understatement, trockenem Pathos und bräsigem Intellektualismus wechselnder Ton kommt ohne viele Beschreibungen aus. Wichtiger sind die Handlungen, vor allem die Sprachhandlungen. Denn obwohl langsam die Sprachen - Deutsch, Englisch, Farsi - nicht nur im Text, sondern auch zwischen den Figuren verwischen und von spirituellem, vorbabylonischem Verständnis überflüssig gemacht werden, ist Daths ebenso andeutungs- wie fantasievolle Reise über Gottes Kanäle auch zugleich ein Roman über die Sprache.

Das heißt auch, dass es Leider bin ich tot um Verständnis geht, und das nicht nur im kommunikativen und erkenntnistheoretischen Sinne. Vom NPD-wählenden Alkoholiker über die linke Bloggerin hin zur Wissenschaftlerin, die ihre Rettung im Islam gefunden hat sowie den jungen, wütenden Mann, der seine Erlösung in feurigem Black Metal findet, stellt Dath seinen Figuren nach, anstatt sie exemplarisch herauszustellen. Er selbst verdreifaltigt sich: Dem Autor - den es laut Nachwort im Übrigen selbst doch gar nicht gibt - gesellt sich ein (Ich-)Erzähler hinzu und letztlich wird auch die Figur Dath Teil des ideologischen Wirrspiels. Nicht als abgeklärter post-moderner Zyniker, sondern als neugieriger, manchmal etwas verhuschter Befangener. Der tote Autor lebt sich ziellos dem Verstehen zuliebe in die eigene Geschichte herein.

Dieser Geschichte ist schwer zu folgen und es wäre auch ein Jammer, wenn dem nicht so wäre. Denn dann wäre sie nicht so wahnsinnig spannend. In Leider bin ich tot ist es möglich, dass zwei verschiedene Menschen derselbe sind und zudem noch das Gegenstück zu einem anderen. In Leider bin ich tot ist es möglich, mit Zauberformeln durch Spiegel zu reisen. In Leider bin ich tot wird selbst die Linearität der Zeit aufgehoben und das nicht allein narratologisch, sondern auch diegetisch. Es ist schon schwer genug zu bestimmen, wer genau wo ist und beizeiten bleibt sogar die Frage offen, wann. Das ermöglicht viele Twists und viel wichtiger noch eine grundlegende Unsicherheit in Erzählinstanz, Figuren und vielleicht noch über den Text hinaus.

All die ideologischen Systeme, die sich die Figuren von Leider bin ich tot zur Welterklärung aufbauen oder denen sie sich hilflos, nein, hilfesuchend unterwerfen, kollidieren. Die einen - die Deutschperserin Nasrin Reinhardt und ihr Mann Kassim ebenso wie der japanische Mönch mit dem Heidegger-Faible - versuchen sich auf wissenschaftliche oder philosophische Weise die Religion zu erschließen. Nur ist das mit der Erforschung der Winde, welche Nasrins Bruder Abel (ja, sein Wiedergänger heißt Kain) wiederum in Filmkunst transformiert und so weiter, nicht ganz so einfach zu verstehen und erst recht nicht vorherzusagen. Am Ende geht keines dieser Systeme als Sieger hervor. Es gibt nur Gerettete nach dem großen, reinigenden Feuer. Sie essen Safranfäden, alles ist still und ein bisschen unheimlich.

»Die Antwort lässt sich zu viel Zeit / lass die Frage nicht allein«, singsangt Dath dem Album Nicht sterben. Aufpassen., welches er gemeinsam mit Mitgliedern des Kammerflimmer Kollektiefs unter dem Namen The Schwarzenbach aufgenommen hat. Die Mischung aus Mitternachts-Jazz, Post-Rock Chicagoer Prägung, Knusper-Noise, distanziertem Chanson und gelegentlichem Dire Straits-Worship ist wesentlich übersichtlicher als Leider bin ich tot, dessen Titel übrigens auch hier als Name eines Songs gesungen aus der Sicht einer bilingualen Leiche mit zwei Stimmen wiedergeht. Daths mal dahinparlierte, mal in Lou Reed-Manier gesangredete Texte, zu denen sich die flüsternde Heike Aumüller gesellt, machen die eigentliche Rätselhaftigkeit dieses sonst so sonntäglich schönen Albums aus, das gar nicht nach dem pathetischen Black Metal klingt, mit welchen die Romanfigur Tom Crissauer beziehungsweise seine Band Lichtnord das Finale von Leider bin ich tot entfachen.

Was Roman und Album eint, ist ihre zum Teil pietätlose Offenheit gegenüber menschlicher Beknacktheit. »Gib uns Liebe, gib uns Geld, gib uns Dreck, der uns gefällt«, fordern Dath und Aumüller über dröhnenden Gitarrenriffs bereits im Opener von Nicht Sterben. Aufpassen. von einem unbenannten, eventuell aber göttlichem Gegenüber. Es ist das Mantra, welches die Figuren von Leider bin ich tot leitet, ohne es jemals auszusprechen. Dath folgt in der Musik wie im Schreiben den Menschen auf Gottes Kanälen. Nicht, um sie am Ende ihrer Beknacktheit, ihrer Gehorsamkeit und ihrer Egozentrik wegen zu tadeln, ihnen die überall im Roman auftauchenden Spiegel vorzuhalten. Sondern um diese Beknackheit überhaupt zu verstehen. Auch das könnte didaktisch wirken. Dafür aber lebt sich der tote Autor doch viel zu sehr durch sein eigenes Thema.

 

 

"Zarte Blüte Hass" - The Schwarzenbach from Exquisite Mayhem on Vimeo.

 

Dietmar Dath
Leider bin ich tot
Suhrkamp
2016 · 461 Seiten · 16,99 Euro
ISBN:
978-3-518-46654-4
Dietmar Dath · Johannes Frisch · Thomas Weber · Heike Aumüller
Nicht Sterben.Aufpassen.
Staubgold
2015 · 15,99 Euro
ISBN:
ASIN: B0145YKB6E

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