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Kritik

Collagierte körperliche und geistige Befunde

Wahrheit und Narrheit vermischen sich bei huelsTrunk & brandStifter

Wer bretonsche Surrealismen, schwittersche Merziaden und dadaistische Skurrilitäten mag und auch nicht vor einer Sprache samt Bildmaterial zurückschreckt, die sich nicht vollständig erschließen und die, je nach Tagesform, frische Interpretationen hervorrufen, der ist bei antikörper/antibodies bestens aufgehoben.

„Sprache der Welt, Sprache unter der Sprache, Sprache, die in die lebendigen Gewebe, in die Tiere und Pflanzen eindringt“ (Jean-Michel Goutier). Das finden wir in dem Band antikörper/antibodies von huelsTrunk & brandStifter, wobei huelsTrunk für die Texte und brandStifter für die Collagen zuständig ist. Beschädigungen, Sprach- und Körperbeschädigungen sind zu besichtigen. Es ist ein künstlerisch bilinguales Gemeinschaftsprojekt, eine Zusammenarbeit des Frankfurter Sprach- und Klangkünstlers Dirk huelsTrunk und des gegenwärtig in New York lebenden Mainzer Aktionskünstlers und Musikers brandStifter.

brandStifter fand die Zeichnungen, die als Rohstoff für seine absurden Bildcollagen dienen, in einem vergilbten deutschen Erste – Hilfe - Büchlein aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Er schnitt sie auseinander und setzte sie wie Spielsteine aneinander, aber häufig so, dass man, wenn man das Bändchen um 180 Grad dreht, die selbe Collage sieht. Es sind groteske Ergebnisse mit Rot-Kreuz-Stempel auf dem Umschlag und bandagierten Strichmännchen und Körperteilen. Ob es ein modernes Handbuch zum Verständnis körperlicher und geistiger Gesundheit ist und der Wiederherstellung eines ausgeglichenen Verhältnisses zwischen Wahrheit und Narrheit dient, das sei dahingestellt, aber falsch verbundene Körperteile und falsch verstandene Notfallanleitungen führen in ein richtig absurdes Leben, das dem Zeitgenossen doch so fremd gar nicht sein kann. Sie werden dazu benutzt, medizinische Fakten zu verwirren, mit genau ausgemessenen Dosen Absurdität und Unsinn die lebenswichtigen Immun- und Leserkräfte zu stärken und den Sach- und Leistungzwängen, besonders in rationaler Hinsicht, die Stirn zu bieten, um sie in aushaltbare Grenzen zu zwingen.

Dirk huelsTrunk, im Brötchenjob selbst im Pflegedienst tätig,  collagierte, schnitt und erweiterte Texte aus Medizin- und Pflegebüchern. Komma- und punktbefreit, lesen sich die Ergebnisse so: „wenn der geist der brust durch den mund einen bruderkuss spricht dauert es gewöhnlich nicht lange bis alles unter kontrolle ist brustblätter bilden sich wenn die menschliche persönlichkeit den tod des wirtskörpers überlebt“. Wer wünschte sich denn nicht das Überleben der menschlichen Persönlichkeit? Poetische Bilder werden geschaffen („die herzschnur umwickelt den verstandesapparat“), die an Max Ernst erinnern („der schmerz verwandelt sich in hitze und trotz schmerz könnt ihr die tapfere seele, den überraschenden mut dieses armen bewundern, könnt ihr ein gewisses melancholisches tänzchen, das in solchem falle fehl am platze ist, bewundern: das schlafbedürfnis glättet ihm die haare“ (Ernst)). So wird die kalte, technische, abstrakte und bürokratische Medizin- und Pflegesprache mittels bewährter Collagiermethoden ins Poetisch-Surreale gedreht. Dadurch entstehen neue Sinnzusammenhänge und vielleicht wird die oftmals geschändete und in den Schmutz getretene Sprache mit dieser human anmutenden Heilungsmethode auf den Weg der Besserung geschickt.

Dirk Huelstrunk
antikörper / antibodies
Übersetzung:
Fred W. Bergmann
Illustration: Brandstifter
lichtblau
2009 · 52 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-981168341

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