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Kritik

findling auf weiß

Feine "Wolkenformate" von Dirk Uwe Hansen
Hamburg

In "wolkenformate" sind die Worte sorgsam gesetzt. Wir sehen das Ergebnis einer Übereinkunft des Dichters Hansen mit seinem Verleger Michael Wagener, der zugleich bildender Künstler ist und Fotografien seiner Serie landskeips zur grafischen Gestaltung des Buches nutzt. Wir werden an den Doppelsinn des Wörter-Setzens erinnert: Einerseits geht es um die Wahl der richtigen Worte, das Arbeiten an den Versen, solange, bis die Worte ihren endgültigen Platz gefunden haben (an den im ersten Kapitel wird was wolkenform hat eingefügten fast zwanzig Gedichten hat der Autor fünf Jahre bis zur Veröffentlichung gearbeitet), andererseits um die Wahl der grafischen Mittel, die Typografie, die hochwertige Umsetzung der Texte in einer bibliophilen Ausgabe, dieses Relikt aus vergangener Druckerzeit, das Setzen der Buchstaben.

Hansens Gedichte als wortkarg zu bezeichnen, nur weil sie zumeist mit wenigen Worten auskommen (und dabei ihren Sinn nicht auf den ersten Blick freigeben), wäre eine Verkennung der gewählten Arbeitsmethode. Sie sind am Kondensat interessiert, bilden nur noch das Übriggebliebene ab, ohne die Sinnzusammenhänge zu unterdrücken.

Die Entscheidung, im Layout eine Schriftart im Schriftschnitt 'condensed' einzusetzen, ist sicher schon mit Beginn der reihe "staben", deren Band 08 mit "wolkenformate" vorliegt, gefallen. Doch erweitert sich durch den Einsatz einer schmal laufenden Schrift semantisch die Bedeutung von "Kondensat" auch in den Texten. Das ist schön.

kondensate

ist zeit ohne farbe und mitten im
körper ausdehnungslos (punkt)
sind striche gesichtet in zwei
richtungen : linien
enden fasern verfilzt
auf dem weg zurück
suchen ein anderes
gleich es zu spiegeln

Hansen dickt oder dampft seine Lyrik ein und verflüssigt gleichzeitig die schwebenden Teilchen. Als Autor weiß er genau, was er will, ist aber klug genug, nicht die Kontrolle über seine Teilchen behalten zu wollen. Sie schweben frei und zufällig. Und, wie jeder aus der Chaosforschung schon mal gehört hat: Der Flügelschlag eines Schmetterlings hat weitgehende Folgen für das Wetter, dieses große, offene System, in dem die Niederschläge aus Schichten von Wolkengrau, Wolkenblau, Wolkenschwarz und Wolkenweiß niedergehen.

Mit "anakoluth" und "enallage" bringt uns Hansen seine Technik der Reduktion und des Umbaus nahe. Anakoluth meint den Satzbruch. Damit kann der Bruch des Satzbaus gemeint sein, im Sinne einer vorsätzlichen Eier und Käse ... (sorry, meine Tochter verkündet stolz das Rezept ihres Mittagessens) ... einer vorsätzlichen Störung, als auch im Sinne des in der Alltagssprache nicht zu Ende gesprochenen Satzes („Sehr interessant, Töchterlein! Könnte ich jetzt bitte mal wieder ...“). Enallage ist laut Wikipedia eine rhetorische Figur,

die darin besteht, dass die grammatische Beziehung eines Wortes zu einem anderen Wort führt als die inhaltliche, semantische Beziehung. Die Beziehungen zwischen Wörtern in einem Satz wurden also verschoben und sind deshalb nicht wörtlich zu nehmen.

Für Hansen, Altphilologe und Übersetzer aus dem Alt- wie dem Neugriechischen sind diese Figuren wohlvertraut. Aber auch ohne tiefere Kenntnis der Rhetorik ist zu spüren, dass es sich bei den während des Schreibens und Kondensierens vorgenommenen Wortstreichungen nicht um Lücken oder Leerstellen handelt.

Leerstellen kann es am Firmament ohnehin nicht geben. Mein Großvater hat einmal gesagt, dort in Russland hätte es einen Tag gegeben, an dem

kein Wetter gewesen

wäre. Als Kind wusste ich natürlich nicht, was eine Metapher ist, und ich versuchte mir diese Leere vorzustellen. Heute sehe ich in den Worten "kein Wetter!" ein gültiges Bild für die Hölle des Zweiten Weltkriegs inklusive all der Bestialität, die später sorgsam verschwiegen wurde. Dieser Einschub führt mich zum dritten Textteil aus sechs Gedichten, den Hansen mit "friedhof" tituliert hat:

6 | styx

kommt unsterblichkeit immer zu
früh verlangt nach
tod nach leben nach tot

kriechen kreise zu
rück in den stein und bein
geschworen : schweigt wie ein gott

Der Zyklus "sag mir sirene was" im Mittelteil des Bands ist formal der stärkste. Der Presseinformation entnehme ich, es handelt sich hier um „das Ergebnis eine Art Selbstbefragung“, die im Sommer 2015 entstanden ist. Auf der linken Seite die vom Ich aufgeworfenen Fragen, auf der rechten Seite ein Echo durch die Sirenen, gegenläufig angeordnet: von "eins – neunte sirene" bis "neun – erste sirene".

Ist aber Wahrnehmung
niemals ein Anderes als der Schmerz
zwischen Innen und Außen.

Die Selbstvergewisserung Hansens gerät überzeugend. Es sind existentielle Fragestellungen, die das Ich umtreiben, aber nicht abheben lassen, um von einem Wind weggeweht zu werden.

Lies das schwindende Licht. An der Wand ist
Weiß die Summe der Farben ist Schwarz

Dazu echot die siebte Sirene ihr "sag mir seelchen" mit den Worten:

malst du selbst deinen fußboden blau
vielleicht
atmest du einen himmel

Überrascht hat mich der Plakatumschlag, zum einen Schutzumschlag, zum anderen, wie als Zugabe, ein schön gestaltetes Plakat, das ich gerne aufhängen möchte. Auf ihm finde ich aber nicht, wie erwartet, Texte, die im Band vertreten sind und für das Plakat wiederholt werden, sondern weitere, andere Texte. Der Band besteht also aus vier Teilen. Wenn ich das Plakat an meine Wand hänge, fehlt dieser Teil im Buch. Lasse ich aber den Schutzumschlag ums Buch, bleiben die Gedichte verborgen. Vielleicht ist das eine Knobelaufgabe, die sich der Absurdität des Lebens in seiner ganzen Schönheit widmet.

wieviele millimeter sind
ein jahrtausend und ab
geschliffene ecken und
enden im sand bleibt
unter der lupe ein fjord

Dirk Uwe Hansen
Wolkenformate
reihe staben im Gutleut Verlag
2016 · 64 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-936826-84-5

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