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Edition paradogs #3 - wo Hakenkäuzchen plärren
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Edition paradogs #3 - wo Hakenkäuzchen plärren
Kritik

Fermaten – (k)eine Kollegenkritik

Mit einem einleitenden Statement
Hamburg

Für gewöhnlich beteilige ich mich nicht an Literaturdebatten. Und auch diese kleine Vorrede soll kein Beitrag zur Situation der Lyrikkritik sein. Nur ein kurzes Statement 1, zu dem ich mich hinreißen lasse, da Tristan 2 in seinem Artikel „Zur prekären Lage der Lyrikkritik“ folgendes schrieb:

„Wenn mein sehr geschätzter Münchner Kollege Armin Steigenberger über seinen guten Freund Dominik Dombrowski schreibt, überrascht es nicht, dass die Kritik positiv ausfällt. Das ist kein Vorwurf an Steigenberger, der in sachlicher und sympathischer Weise geschrieben hat, was er vom Buch hält. Das Problematische ist, dass nach den null bis zwei weiteren zu erwartenden Rezensionen zu Dombrowskis Buch 33 bis 100 Prozent der öffentlichen Kritik aus seinem eigenen Freundeskreis stammen wird.“ 3

Stimmt. Aber innerhalb einer unabhängigen, sich selbst organisierenden Szene kennt nun mal so gut wie jeder jeden. Das finde ich alles in allem sehr schön. Denn ich glaube, dass es die neue Lyrikszene so verhältnismäßig weit gebracht hat. Dass z.B. Bücher von kookbooks in der Sendung „Druckfrisch“ vorgestellt werden, liegt auch im jahrelangen Support untereinander begründet. Zu diesem Support gehören auch Rezensionen. Das hat mit journalistischer Sorgfaltspflicht natürlich nicht viel zu tun. Und wenn schon. Die Lyrik(-szene) spielt ohnehin selten nach den Regeln der etablierten Literaturwelt. Dass Lyriker Lyriker rezensieren sehe ich daher nicht nur unproblematisch, sondern zwingend notwendig dafür, dass lesenswerte Gedichtbände nicht unkommentiert bleiben. Der springende Punkt ist meiner Ansicht nach eher, dass wir in unseren Urteilen trotzdem unkorrumpierbar bleiben müssen, dass wir mit offenem Visier kämpfen und als Rezensenten (da schließe ich mich selbst explizit mit ein) die negative (Kollegen-)Kritik nicht scheuen sollten. Ich meine damit keine Totalverrisse oder (post-)Gruppe-47-Massaker untereinander, sondern die Fähigkeit, kritisch und konstruktiv miteinander umzugehen. Gerade wenn man sich untereinander kennt und schätzt, sollte das doch möglich sein. In Bezug auf Rezensionen hieße das z.B. einen Dialog zu schaffen, wie es derzeit mit der Rubrik express! hier auf fixpoetry.com geschieht. 4

Dazu noch ein kurzer Gedanke, die Formen der Kritik betreffend: Die klassisch urteilende Daumen-rauf-oder-runter-Rezension ist ohnehin out. Und für die Lyrik, die gegenwärtige zumal, wahrscheinlich nie zielführend gewesen. Also warum probieren wir Lyrikrezensenten und Rezensentenlyriker in unseren Besprechungen nicht viel mehr aus? Essay, fiktives Interview, offener Brief... es ist so vieles möglich, um den Kollegen kreativ mitzuteilen, wie man ihre Texte findet. Warum immer diese Artikel, in denen wir uns mit Phrasen um klare, wenn auch nur vorläufige Positionen winden? Für den Literaturbetrieb ist die Lyrik ohnehin eine exotische Kolonie am anderen Ende der Welt. Warum trauen wir uns also nicht mehr Wildnis zu?

Am Ende hat die Rezension ohnehin nur zwei Aufgaben zu erfüllen: 1. darf sie den Leser nicht langweilen, 2. muss sie, unabhängig von Einschätzungen oder gar Urteilen des Rezensenten, Bock auf das Lesen des besprochenen Buches machen.5

Zur Sache. Dominik und ich kennen uns seit drei Jahren und schätzen uns seither sehr. Sein Debut Finissage war für mich eine der größten Entdeckungen auf der Leipziger Buchmesse 2013. Seitdem haben wir das ein oder andere Bier miteinander getrunken. Das klappt immer sehr gut und würde, denke ich, auch funktionieren, wenn ich seine Gedichte nicht so großartig finden würde, wie ich es nun mal tue. Bevor dieser Text aber zur Lobhudelei wird, überfliege ich noch einmal meine einleitenden Worte.

Nach den äußerlich schmalen, aber innerlich gewichtigen Bänden Finissage (2013) und Fremdbestäubung (2014), die in der großartigen Kölner parasitenpresse erschienen sind, liegt mit Fermaten 6 nun die dritte Tafel von Dominiks Lyrik-Triptychon vor. 7Als Triptychon, nicht als Trilogie, bezeichnet er seine Lyrikbände selbst, da eine Trilogie eine festgelegte Reihenfolge besitzt. Die Bücher sind aber nicht streng chronologisch entstanden, 8also wäre eher zu entscheiden, welches die Mitteltafel und welche die Flügel bilden. Na, ich sag mal lieber Seitentafeln, sonst klingt es allzu sehr nach Altarbild.9

Statisch gesehen müsste also der dickste und neueste Band Fermaten die Mitteltafel bilden. Und auch inhaltlich betrachtet spricht einiges dafür, Fermaten als eine Art Herzstück zu begreifen. Gerade weil der Band nicht „das Wesentliche“ oder „die Essenz“ dessen bündelt, was Dominiks Lyrik ausmacht, sondern weil er und die Gedichte darin noch viel mehr wuchern, als das in Finissage und Fremdbestäubung schon der Fall war. Als eine der interessantesten Stimmen der Gegenwartsdichtung hatte ich ihn letztens bei einer Lesung in Weimar angekündigt und auch genauso gemeint. Begründen würde ich das unter anderem damit, dass Dominik eine narrative Lyrik schreibt, die im deutschsprachigen Raum so kein zweites Mal zu finden ist. 10Geschult, inspiriert und beeinflusst von amerikanischen Autoren wie Raymond Carver ist Dominik eindeutig der Geschichtenerzähler unter den Lyrikern. Das Ausufern der Verse und Gedichte scheint also so etwas wie die Basis seines Schreibens zu sein.

In Fermaten wird dieses Ausufern nun geordnet, indem Dominik seine Gedichte erstmals in Zyklen und Kapiteln zusammenfasst. Diese werden zudem von einem Prolog- und einem Epilog-Gedicht umflossen. Fast hätte ich „gerahmt“ oder gar „eingeklammert“ geschrieben, aber das hätte wiederum eine Starre vermuten lassen, die das Buch definitiv nicht besitzt. Besonders deutlich wird im Gedicht Die Jules-Verne-Vision, das, nicht unüblich für Dominiks Lyrik, nüchtern in eine Szenerie mit unverhohlen biografischem Hintergrund einsteigt...

Auf eine Zigarette zur Frühe am Fenster im Licht
des Kühlschranks wie unter einem Leuchtturm denke ich
an meine früheren Vorgesetzten
die alle ziemliche Arschlöscher waren

Wie sie alle wie in einem letzten Akt / immer aufs
Streichen der Stellen fixiert
wenn man zu spät kam / fragten: warum?

…  dann in eine regelrechte Meditation über eine indische Totenstadt (gesehen im Nachtprogramm) übergeht …

… / und wieder zurück
zum Ganges (Göttin & Müllhalde) / der die Asche hunderter
Leichname pro Tag aufnehmen muss neben den
Goldwäschern die dort / nach ein paar Zähnen suchen
um ihre hinduistischen Bestatter zu bezahlen um den Kreis-
lauf des Daseinszwangs zu durchbrechen / …

… um dann lakonisch, selbstironisch und mit etwaigem Pathos brechend wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren …

Ach ja scheiße ich schließe / schulterzuckend dabei
den Kühlschrank und gehe / müde zurück
in mein Schlafzimmer / …

… bis der Text schließlich in einer Art Privatmediation endet oder eben ausfranst.

Lord / Halleluja / Hare Krishna / my sweet Lord
Halleluja / Hare Krishna / Hare Luja / my / Lord

Apropos Privatmeditation. Dominik, das hat er mir bestätigt, ist kein Dichter, der Wortmaterial anhäuft, um dann an bzw. mit der Sprache zu arbeiten. Vor allem in Fermaten lässt sich gut ablesen, dass sein Material sich aus Episoden seiner Biografie und Fundstücken seiner persönlichen (pop-)kulturellen Sammlung zusammensetzt. So werden Krautrock (Tangerine Dream), Kunstgeschichte (Freskenreste) oder antike Satiren (Lukianische Fiktion) zum Ausgangspunkte für biografische Erinnerungen, Abgleiche, Neubewertungen oder eben jene Miniatur-Roadmovies, die Dominiks Gedichte seit dem ersten Band Finissage bereithalten. Nicht zu vergessen die Filme von Wes Craven, wie Die Schlange im Regenbogen. Im gleichnamigen Gedicht findet sich eine Strophe, die den vielzitierten Sound Dominiks dann doch komprimieren kann.

… / dass ich all diese Filme am liebsten alleine ansehen
möchte IN DER FRÜHE / wo sie billig kommen auf Tele 5 letztens
die Schlange im Regenbogen mit Bill Pullmann in der Hauptrolle
Ich hab den Film zwar immer gemocht doch seit kurzem
glaube ich an ihn / denn seit sie mir vor ein paar Monaten
das Herz durchwühlt haben fühle ich mich genauso / gestorben
und bloß noch geduldet / auf der Welt / …

In Dominiks Gedichten geben sich Lakonie und Pathos morgens um vier die Klinke in die Hand. Da ist weder Zeit noch Raum für Selbstmitleid. Nur für ein letztes Bier und den schwarzblauen Himmel, den ganz persönlichen, meerestiefen, der in diesem schönen dunkelblauen Buch vermessen wird.

  • 1. Mehr als das kann es auch nicht sein, da ich über Ostern, als die Debatte um die Lyrikkritik begann, einfach besseres zu tun hatte, als vor dem Rechner zu sitzen und das alles zu lesen. Und dann war so schnell so viel Text da, dass ich bald keine Lust mehr hatte alles zu lesen. Sorry.
  • 2. Ich schreibe Tristan, da ich auch Tristan sage, weil sich in der Lyriklandschaft die meisten ohnehin schon begegnet sind und nach kurzem Handschlag „du“ zueinander sagen. Die sich duzenden Lyriker/innen wirken daher mitunter wie eine sehr verschworene Gemeinschaft. Aber die Grenzen von Lyrikland sind durchlässiger als sie zunächst scheinen. Die Schlagbäume stehen zwar noch, aber die Schranken sind offen. Keine Angst. Herzlich willkommen!
  • 3. http://signaturen-magazin.de/tristan-marquardt--zur-prekaeren-lage-der-lyrikkritik.html
  • 4. Man hätte das aber auch schon früher haben können, wenn man als Rezensent auch auf Besprechungen anderer eingegangen wäre, wie es zu Hochzeiten des Feuilletons eigentlich gang und gäbe war. Oder die Kommentarfunktion auf fixpoetry.com nutzen würde, statt sich immer abhängiger von diesem beknackten Facebook zu machen und somit die Grenzen von Lyrikland mittels (mehr oder weniger exklusiver) Freundesliste abzustecken. Ich dachte Grenzen waren gestern? Warum hocken wir dann dauernd bei Facebook und schließen somit potentielles Lyrikpublikum aus?
  • 5. Gerade die negative Kritik sollte bestenfalls zum Gegenlesen einladen. Manchmal muss man natürlich auch vor der Verschwendung wertvoller Lebenszeit warnen.
  • 6. Erschienen in der kein bisschen weniger großartigen edition Azur in Dresden.
  • 7. Das Wort „vorlegen“ muss eigentlich aus Rezensionen verbannt werden, da Bücher einfach keine Zugluftstopper sind. Dummerweise fällt mir hier gerade nichts Besseres ein.
  • 8. Zu den Entstehungsbedingungen von Dominiks Gedichten gibt es hier Interessantes zu erfahren: http://signaturen-magazin.de/dominik-dombrowski-1.html
  • 9. Und eine Heiligsprechung zu Lebzeiten würde dann vielleicht doch etwas zu weit gehen. Sorry, Dominik.
  • 10. Da ich die deutschsprachige Gegenwartsdichtung nicht vollständig überblicke, bin ich für weitere Beispiele von Herzen dankbar.
Dominik Dombrowski
Fermaten
edition Azur
2016 · 90 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-942375-27-6

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