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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Gottes zynisches Experiment in einer Petrischale

Hamburg

Als der Schriftsteller Donald Ray Pollock 2008 sein Debut veröffentlichte, war er schon 54 Jahre alt. Seine Leben verlief bis zu diesem Zeitpunkt vielleicht nicht gerade mustergültig, aber ziemlich linear. Mit 17 brach er die Highschool ab, arbeitete erst in einer Fleischfabrik, später als Lastwagenfahrer in einer Papiermühle. Und das alles im Süden Ohios, einer ziemlich trostlosen Gegend, wenn man Pollock glauben darf. Bis er 50 war, ging das so, dann holte er seinen Schulabschluss in Abendkursen nach, schrieb sich an der Ohio State University ein und lernte schreiben. Wäre Pollock ein deutscher Autor, würde man ihn hierzulande wohl mit dem Label „authentisch“, seine Bücher wahlweise als „vom Rand der Gesellschaft“ oder „Unterschichtenliteratur“ bezeichnen. So wie es das Feuilleton lange Zeit mit Clemens Meyer tat. In den USA wurde sein Kurzgeschichtenband Knockemstiff ohne derartige Etikettierungen begeistert aufgenommen. Jetzt liegt er endlich auch auf Deutsch vor.

Knockemstiff, Ohio ist der Name der Kleinstadt, in der Pollock aufwuchs. Heute ist sie eine Geisterstadt und obwohl Pollocks Stories Fiktionen sind, fällt es einem nicht schwer zu verstehen, warum das so ist. Schon der Ortsname, der übersetzt etwa so viel wie „Schlag-ihn-tot“ heißt, gibt hier die Regeln des Zusammenlebens vor. Hier regiert das Faustrecht, gilt Auge um Auge, wenn man noch welche hat. Pollocks Literatur und also das Leben in seinem literarischen Knockemstiff ist geprägt vom ärmlichen und perspektivlosen Dahinvegetieren inmitten des Nichts der USA. Bedeutungsloser, selten einvernehmlicher Sex, Alkohol und Drogen dienen den Bewohnern als Ablenkung, Unterhaltung und Ventil zugleich. Keiner, der hier nicht vom Abhauen in die Weite träumt. Keiner, der es je wirklich geschafft hat. Wie zum Beispiel der 14-jährige Daniel, der von seinem Vater erwischt wird als er auf die Puppe seiner Schwester onaniert. Zur Strafe schneidet er seinem Sohn die langen Haare mit einem Fleischermesser ab und skalpiert ihn dabei fast. Daniel beschließt zu fliehen, hält den Daumen in den Wind und fährt mit dem erstbesten Trucker mit, der anhält. Als die beiden am Abend voll mit Speed und Alkohol sind, zieht der Trucker eine blonde Perücke vor. Daniel soll sie aufsetzen, „nur so zum Spaß“.

Mit Haut und Haar ist einer der harmloseren Geschichten in Pollocks Band. Meistens geht es ordentlich zur Sache, werden Vergewaltigungen und Schlägereien detailreich und in ungeschönter Brutalität beschrieben. Manchmal hat man das Gefühl, der Autor zelebriert diese Szenen. Doch in Knockemstiff gibt es nun einmal nichts Schönes und so wird der Leser Zeuge einer sinnlosen, ins Nichts laufenden Verrohung einer ganzen Dorfgemeinschaft. Nur ab und zu blitzt etwas Menschlichkeit in den Figuren Pollocks auf, etwa wenn der Ich-Erzähler in einer der Stories den bettlägerigen Albert pflegt. Albert könnte so etwas wie sein Schwiegervater in spe sein, doch der Erzähler weiß, dass seine Beziehung zu Sandy keine Zukunft hat. Ebenso wenig wie Albert. Dennoch kümmert er sich um den alten Mann, auch aus Schuldgefühlen vor seinem eigenen verkorksten Leben. Dass man wenigstens versucht seine Seele zu retten, um der Hölle auf Erden nicht eine weitere folgen zu lassen – ein Motiv, dass im vielen der Geschichten Pollocks auftaucht. Doch es hat den Anschein als sei das in einer Talsenke gelegene Knockemstiff Gottes zynisches Experiment in einer Petrischale. Zumindest lässt Pollock keinen Zweifel daran, dass die Bewohner des Dorfes Segnungen nur von Crystal Meth, Oxycodon oder Seconal zu erwarten haben.

Der Erzählzyklus Knockemstiff wurden in den US-Medien oft mit Sherwood Andersons Winsburg, Ohio von 1919 verglichen. Angesichts des geschilderten Millieus und seiner Bewohner drängt sich ein Vergleich mit Denis Johnsons Jesus‘ Son (1992) noch mehr auf. Auch handwerklich merkt man, dass Pollock Absolvent eines US-amerikanischen creative writing Programms ist. Seine Sprache ist klar und geschliffen, so kompromisslos, wie es seine Geschichten verlangen und schmuckvoll nur da, wo es unbedingt sein muss. Auch den Einfluss der Allzeitvorbilder aller short story-Autoren Hemingway, Cheever oder Carver, kann Pollock nicht leugnen. Dennoch ist Knockemstiff ein lesenswertes Buch für alle Fans der hardboiled-Schule aus dem dunklen Herzen Amerikas.

Donald Ray Pollock
Knockemstiff
Übersetzung:
Peter Torberg
Liebeskind
2013 · 256 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-95438-014-5

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