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Kritik

zwischen atem und schrei

Hamburg

Indonesien war bisher ein reinweißer Fleck auf meiner Poesielandkarte – Dorothea Rosa Herliany? Sorry, noch nie gehört! Dabei hätte ich Gedichte von ihr sowohl lesen als auch hören können, wenn, ja, wenn ich von ihnen gewusst hätte.

Auf der verdienten Internetplattform www.lyrikline.org sind, wie ich feststellte, seit einigen Jahren ein paar Gedichte von Herliany zu finden. Zwei Fakten sind daran erstaunlich. Erstens: Sie ist die einzige Stimme Indonesiens, die hier Aufnahme fand, was darauf schließen lässt, dass dieses ferne Land nicht nur für mich jener weiße oder, vielleicht richtiger, blinde Fleck der Wahrnehmung ist. Zweitens, noch erstaunlicher: Auf einer Plattform, die wesentlich mehr Lyriker als Lyrikerinnen zu Wort kommen lässt, wird just eine Frau aus diesem großen Land mit reicher Poesietradition ausgewählt, einem Land extremer politischer Verwerfungen, in dem die Geschlechterrollen und –zuschreibungen nach wie vor äußerst traditionell verankert sind. Auch dies ist ein Hinweis auf die herausragende Bedeutung Dorothea Rosa Herlianys für die indonesische Literaturszene, wo sie als wichtige, wenn nicht sogar wichtigste und renommierteste Lyrikerin gilt.

ich bin verloren im wortmüll
im herzland der poesie
baue ich mir
ein winziges haus

Dies ist eine Untertreibung, denn winzig ist dieses poetische Haus nicht. Rund 20 Bücher hat Herliany bisher publiziert, neben ihren Lyrikbänden auch Kinderbücher und Prosa. Es ist das Verdienst der Frankfurter Buchmesse, die 2015 Indonesien als Ehrengast einlud, dass zahlreiche indonesische Autoren erstmals ins Deutsche übersetzt und uns somit zur Kenntnis gebracht wurden. Und es ist das besondere Verdienst des Verlagshauses Berlin, mit dieser zweisprachigen Sammlung von Herlianys wichtigsten Gedichten, bei deren Zusammenstellung die Lyrikerin eingebunden war, unseren Blick zu weiten und die Vielfalt ihrer poetischen Kunst ansatzweise zu begreifen.

Der Titel „Hochzeit der Messer“ lässt sich auf zwei Arten lesen. So beginnt das Buch mit einem Zyklus der Vermählungen. Es sind nüchterne, drastische Gedichte aus der ich- und du-Perspektive, abseits jeder Romantik. „Hochzeit ...“ ist ihr gleich lautender Titelanfang, zum Beispiel „ ... mit Slum“, „... mit Felsen“ oder „... mit Messer“. Hier ist nichts schön, was unter anderen Bedingungen oder den Konventionen nach möglicherweise schön sein könnte oder sollte, weil die Umgebungsbedingungen „zwischen broterwerb und seelensuche“ hart sind und auch ein Blick auf Mond, Fluss oder Baum die raue Realität nicht zu verstellen vermag. Sex, Orgasmen, körperliche und seelische Schmerzen werden thematisiert, Nähe als oft schwer erträglich. Diese „mär von der liebe“ heißt es, und in einem anderen Gedicht: „je enger du mich umarmst / desto eher spalte ich dich“. Es ist ein weibliches „ich“, das Grenzen überschreitet, sich Aggression zugesteht, sich ermächtigt und das Messer schwingt:

ein schrei: klingt fast wie singen. kommt
vielleicht aus meinem mund. auch stöhnen
zu hören, klingt fast wie summen. kommt
vielleicht aus meinem mund

alles in diesem land ist fremd: dein körper
von maden übersät. ich verdränge sie
beim sex. erreiche meinen höhepunkt
vor deinem: dann stech ich
dir ins herz, reiß deinen schwanz
aus im schmerz

Im letzten Gedicht dieses Bandes wird unter dem Titel „Hochzeitsständchen“ das Thema Vermählung noch einmal aufgegriffen, doch es ist ein Sterbens- oder Todesständchen mit Blick „in die sich auflösende welt“:

ein klammes bett für dich auf dem boden und das blatt
das plötzlich abfällt. der vorhang muss gar nicht aufgezogen
werden, so schnell vergeht alles

ein rosenbild für dich (glücklich die raupen
und würmer im boden)

Die zweite Lesart des Titels ist Hoch-Zeit der Messer. Es lässt an Waffen denken und „abels blut auf kains dolchspitze /: die blaupause für jeden bruderkrieg“. Doch auch ein Wort, eine Fotografie, ein Blick, eine Erinnerung, Stille kann verwunden, bloßlegen, töten „zwischen häusern hoffen zögern“. Viele der Gedichte sind politisch, nehmen Bezug auf die brutale Vergangenheit Indonesiens und die noch nicht lang währende Freiheit. „wer singt, begräbt die stille“, dichtet Herliany hoffnungsvoll, an anderer Stelle lesen wir vom „schweigen / im schwarzen tunnel der menschheit“. Es ist der Glaube an das (poetische) Wort, das sie dem Verstummen und Verschweigen entgegensetzt. Im Zyklus „ein radio, ich schalt, es ab“ lesen wir im 24. Fragment:

bisweilen müssen auch wir uns der erinnerung öffnen
...
doch wie schmerzlich jedes andenken
das nächtliche knarren der tür, das klagen der insekten
aus dunklem buschwerk. andenken, das ans fenster schleicht
einschlüpft in die rastlose wärme des körpers

Immer wieder thematisiert Herliany die Tragödien von Frauen, geschlagenen, vergewaltigten, missbrauchten, ermuntert in ihren Gedichten, sich zu wehren, wenn nötig auch mit dem Bajonett, „der scharfen spitze deines messers“. Die Zeilen „das leben supergewöhnlich / kein grund zum träumen“ sind für Lesende zunächst möglicherweise ernüchternd und gleichzeitig tröstlich. Denn „das leben geht weiter“, auch nach großen Tragödien, wenn schließlich wieder Normalität gedacht werden kann.

Ein wesentlicher Aspekt in Herlianys Dichtung ist die Beschäftigung mit Glaube und Religion. In der wechselvollen Geschichte Indonesiens war die Zugehörigkeit zu einer der Weltreligionen ein wichtiger Anker der Stabilität. Religion ist bis heute keine Privatsache, sondern wird vererbt und sogar im Pass vermerkt. Dorothea Rosa Herliany gehört der christlichen Minderheit an und die religiösen Subtexte sind, zumindest für christlich sozialisierte EuropäerInnen, gut verständlich. Es sind keine verklärten Texte, die das Heil des Menschen in und bei Gott suchen bzw. sehen, sondern ihr überaus kritisches Ringen mit religiösen Schriften und Überlieferungen, durchaus auch ein ketzerisches In-Frage-Stellen. So lesen wir von Sünde, Engeln, finden Psalmen, gebetartige Stellen, die sich direkt an Gott, an Jesus wenden und an seine Mutter Maria. Zwei Gedichte tragen das Wort „Gebet“ im Titel. Als Beispiel sei eine Stelle aus dem Gedicht „Hochzeit der Hure ohne Körper“ zitiert, die mit gängigen christlichen Glaubenssätzen wohl schwer vereinbar ist:

jesus, schenk mir exotische liebe, schenk mir
orgasmen und das quietschen fremder bettgestelle
schenk mir alles, was den männern nicht gehört
bloß kein himmelreich

Ein paar Worte zur diffizilen Arbeit der Übersetzerinnen: Die meisten Gedichte wurden von Brigitte Oleschinski neu gedichtet, 7 Übertragungen stammen von Ulrike Draesner. Als Grundlage dienten Interlinearübersetzungen von Inna Herlina und Sophie Mahakam Anggawi. Ich hatte während der Frankfurter Buchmesse Gelegenheit, Herliany und Oleschinski bei einer gemeinsamen Lesung zu hören. Da die indonesische Lyrikerin, deren Texte ich nicht verstand, weil ich ihre Sprache nicht beherrsche, die aber durch die expressive, temperamentvolle Art ihres Lesens einnahm, mich mitschwingen und frei assoziieren ließ. Da die deutsche Lyrikerin mit ihren „intellektuellen Gewissheiten“, ein Monolith, der beim Lesen der Übertragungen allein den Mund und den nur so viel wie unbedingt notwendig bewegte. Ein Aufeinanderprallen persönlicher Eigenheiten, für mich auch eines der Kulturen. Unweigerlich die Frage: Wie viel Herliany steckt in den Übertragungen von Oleschinski? Und wie anders sähen die Gedichte in den Übertragungen von Ulrike Draesner aus? Brigitte Oleschinski gibt darüber in ihrem klugen Vorwort Auskunft, erzählt von ihren Annäherungen an die Gedichte, ihre Treffen mit Herliany, ihre häufige Rückversicherung von Bedeutungen und Wendungen bei der indonesischen Lyrikerin, ihre mühevollen Versuche des Verstehens. „Alle Konzepte gerieten ins Schwitzen“, schreibt Oleschinski und lässt die Schwierigkeiten ihrer Übertragungen zwischen semantischen Entsprechungen und differenten emotionalen Hintergründen erahnen. Einen „Kanister mit sensorischen Kondensaten aus Indonesien“ wollte sie ihren Neudichtungen von Herlianys Texten beilegen, schreibt Brigitte Oleschinski. Es ist ihr auf beeindruckende Weise geglückt.

Dorothea Rosa Herliany
Hochzeit der Messer
Nachdichtungen: Brigitte Oleschinski & Ulrike Draesner, Illustrationen: Doro Petersen
Verlagshaus Berlin
2015 · 200 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-945832-09-7

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