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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Wie von Sinnen lag ich da

Schlafwandler kreuz und quer durch Europa: Wer wissen will, was Literatur vermag, jenseits von Familien- und Beziehungsdramen, für den führt an Dorothee Elmigers neuem Roman Schlafgänger kein Weg vorbei.
Hamburg

Wobei – wie schon beim letzten Buch – wieder spätestens nach der zweiten Seite die lästige (weil eigentlich völlig unnötige) Frage in den Sinn kommt: Ist das überhaupt noch ein Roman? Antwort: Egal! Geht doch diese Prosa ohnehin ihrer ganz eigenen Wege, so kühn und experimentell montiert, noch ein ganzes Stück experimenteller als in der Einladung an die Waghalsigen, ist dieser neue Text, der gleich fünf Hauptpersonen hat, die abwechselnd ihre Geschichten erzählen, bruchstückhaft, fragmentarisch, man kann sich nicht einmal sicher sein, ob diese Personen sich beim Sprechen im selben Raum befinden, also wer wem gerade genau erzählt, so oft kommt es zu Überschneidungen, Wiederholungen und unvermittelt wechselnden Perspektiven auf ein und dasselbe Geschehen.

Dieses Geschehen, das flüchtige, oszillierende Thema des Romans, lässt sich vielleicht am besten mit einem stetigen Kommen und Gehen umreißen: Es geht um afrikanische Flüchtlinge in einer Grenzstadt nahe Basel, die hinein wollen, dann aber wieder um die Bewegung fort, aus der Schweiz, diesem „nur scheinbar geschlossenen Ganzen”, an die Grenzen Europas, nach Portugal zum Beispiel. Ein guter Teil des Romans spielt aber auch in Los Angeles, der Stadt, die auf „tausend kleinen Erhebungen” (eine kleine Reminiszenz an dem glühenden Flöz in der Einladung an die Waghalsigen) erbaut wurde. Ähnlich auch zum Vorgängerroman – indes aber viel genauer herausgearbeitet und formuliert – setzt sich die Atmosphäre zusammen: In allem, was die Hauptfiguren, im Übrigen anscheinend ein völlig willkürlich zusammengewürfelter Haufen, ein „Logistiker” ist darunter, eine Schriftstellerin, eine Übersetzerin, ein Musiker und eine Frau, die nur mit ihrem Namen A.L. Erika vorgestellt wird, in allem, was diese Figuren also berichten, schwingt eine bedrohliche, beunruhigend-ruhelose Stimmung mit: Gewalt, Unterdrückung oder schlicht, und das ganz ohne Witz, eine Angst vor dem bevorstehenden Weltuntergang.

Im Schlaf, sagte die Übersetzerin, sah ich einmal das ganze europäische Gebirge zusammenbrechen, wie von Sinnen lag ich da, aber still, hörte auch Geräusche in diesem Zusammenhang, die Gipfel zerbrachen vor meinen Augen, alles stürzte langsam ein und kam mir als Geröll entgegen, Gestein wurde durch die Luft geschleudert, ich sah, wie die Flanken in Bewegung gerieten, in Stücke zerfielen, alles kam auf mich zu. Später wachte ich auf, der Raum war leer, die Heizung auf höchster Stufe eingestellt. Unverändert lag die Landschaft vor den Fenstern, das ganze nächtliche Panorama, das aufgefaltete, das gestapelte Gestein.

Dass das immanent politische Literatur ist, die ohne Zeigefinger, vielmehr im Auffangen einer Stimmung viel über eine Zeit aussagt, in der mehr denn je konservative Rhetorik, das Rückbesinnen auf politische Grenzen und Xenophobie Eingang in die öffentlichen Diskurse finden, dass sie das aber auch in einer Sprache vermag, die vor Schönheit fast zerbirst, ohne je pathetisch oder gekünstelt zu wirken, das ist eine Kombination, die nur in absoluten Glücksfällen, wie dies zweifellos einer ist, gelingt.

Dorothee Elmiger ist, wenn man das für eine belletristische Autorin sagen kann, mehr Konzeptkünstlerin als Erzählerin. Das wird besonders in der Betrachtung von Texten, die in den vergangenen Jahren, vor und während Einladung an die Waghalsigen, dem Debütroman, verstreut in den Zeitschriften Edit und poet publiziert wurden. Die Geschichte der Rebellin Rosa Blixt ist darunter, die sich mit ihrer Bande  in die Schweizer Berge zurückzieht, hart geschnitten mit Beobachtungen zum Vogelflug, in „Über die Umstände meiner Jugend“ (Edit Nr. 51). An der Grenze, oder eigentlich schon weit in dem Bereich des Prosagedichts vorgedrungen dagegen die Fingerübung „Als elf Schneekraniche über die Alpen flogen“ in der neunten Ausgabe des poet-Magazins. Während einer Lesung in der Leipziger Baumwollspinnerei begleitete der eigens gedrehte Film „Punishment“ des Multimediakünstlers Julius von Bismarck eine bizarre Erzählung, in der der Perserkönig Xerxes das Meer auspeitscht – in Druckfassung nachgeliefert wurde sie in der Edit Nr. 58.

Das ist das Beeindruckende an dieser jungen Autorin: Dorothee Elmiger versteht sich darauf, auch auf kleinstem Raum ihre stets scheinbar völlig eigenständige literarische Welt zu präsentieren, ja, gerade das Fragmentartige eines kurzen Magazin-Texts ist vorzüglich für ihr Schreiben geeignet. Da ist es eher den Marktgesetzen des klassischen Literaturbetriebs zuzurechnen, dass dieses Schreiben nun erneut wieder in das Schema eines 200-Seiten-Romans eingepasst wurde. Andererseits aber: So singulär dieses Schreiben für sich steht, so sehr hat es vielleicht auch in dieser  Form das Potential, Leser, Schreibende oder schlicht Zufallskäufer zu erreichen, die so in den Genuss einer der atemberaubendsten Stimmen unserer Gegenwart kommen.

Dorothee Elmiger
Schlafgänger
Dumont
2014 · 142 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-8321-9742-1

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