Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Hier will nichts poetisch sein

Hamburg

Ich glaube nicht, dass es bei Gedichten darum geht, sie zu verstehen. Ich persönlich jedenfalls lasse mich lieber von Gedichten ergreifen. Ich meine damit, dass mich Gedichte im besten Fall in einem Bereich berühren, der mir rein verstandesmäßig kaum zugänglich ist. Und doch geschieht das ja mit Worten. Mit Worten in Verbindung mit ihrem Klang. Vielleicht kann man sagen, diejenigen Gedichte, die mich ansprechen, erzeugen eine Stimmung. Eine Stimmung, der ich mich gern überlasse.

Natürlich ist so ein Erleben (Ergebnis) stark abhängig von einer Übereinstimmung zwischen Leser und Dichter. Womit ich endlich zu dem zu besprechenden Gedichtband komme, bei dem mir diese Übereinstimmung anfangs fehlte, so dass ich auf andere Art und Weise Zugang zu den Gedichten suchen musste.

Das Bemühen jeden Anflug von Sentimentalität und Gefühlsduselei mit nüchternem, gern auch wissenschaftlichem, Vokabular zu brechen, wenn z.B. Blüten spieltheoretische Winkelzüge erwarten, hat einen ganz eigenen Reiz, jenseits von bildhafter Blümchenpoesie. Schön will das nicht sein, das zeigen auch die Illustrationen von Christoph Feist, die die Körper eckig und kantig abbilden, mit viel zu kleinen Köpfen über den überproportional langen Gliedmaßen.

In diesem Gedichtband scheint es um einen Verstand zu gehen, der sich selbst nicht recht traut, der eher dem Irrtum vertraut, dessen Methode er nachzuspüren versucht.

Ein wenig wie der Titel eines der Gedichte „Kein Komma, kein Punkt darf brennen.“ Etwas anderes als schnelle Entzündung soll hier in Gang gesetzt werden. Ein Schwelbrand vielleicht.

Eberhard Häfner wurde 1941 in Thüringen geboren. Bis Mitte der achtziger Jahre arbeitete er als Metallgestalter, bevor er nach Berlin ging und Teil der Prenzlauer Berg Szene wurde. Sein Debüt erschien 1989 im Aubauverlag. Im selben Jahr erhielt er das 3SAT Stipendium beim Ingeborg Bachmann Wettbewerb. Seitdem veröffentlicht er Gedichte, Prosa und Künstlerbücher.

Der Gedichtband „Irrtum hat im Alphabet Methode“ ist in fünf Blöcke untergliedert, die Überschriften lauten „Einwegschneise, Mehr Flut für unsere Ebbe, Hart gegen die Zeilen gelesen, Nektarinen der Ambrosiamaschine, Gegenläufig mit der Brise segeln“. Und ähnlich im Telegrammstil verfasst wie diese Überschriften sind die Gedichte insgesamt, dazu getränkt mit Sarkasmus. „Das Romantische wird“, wie es im Klappentext des Bandes heißt, „auf die Werkbank herunter gebrochen.“

Irrtum zeigt im Alphabet Methode, Illustration: Christoph Feist, Verlagshaus J. Frank 2013

Mit ist beim Lesen als würde ich durchgängig eine Art Widerstand spüren. Nur Widerstand wogegen? Gegen das Schöne, Glatte, das was wir gemeinhin unter Poesie verstehen? An dessen Stelle setzt Häfner Sprachwitz: Eiswürfel werden gezinkt, „und Augen zählen, ob einer Fisch ist oder Frosch“.

         „bilden uns ab, reden uns ein“

Vielleicht könnte auch diese Zeile aus dem Gedicht „Suchen Nähe zu Objekten“ ein Schlüssel für den Zugang zu Eberhard Häfners Gedichten sein.

Gedichte als Kunstwerke sind wie alle anderen Kunstwerke auch autonome Gebilde, sie stehen und sprechen für sich. Um sie zu verstehen brauche ich nichts weiter als den Willen, sie zu verstehen. Alles weitere bildet sich mit und an ihnen aus, indem sie sich Kontexte schaffen, Lektüren eröffnen. Natürlich entspringen die Werke selbst auch konkreten Kontexten, Diskursen, doch schon im Moment ihrer Geburt sind sie erwachsen und von ihrer Herkunft emanzipiert. Gedichte sind keine Lebewesen! Und es gibt zur Lektüre keine Alternative,

schreibt Jan Kuhlbrodt, und er schreibt es bezeichnenderweise im Zusammenhang mit dem eben hier zu besprechenden Gedichtband.

Manche der Gedichte sind unglaublich anspielungsreich, schier unerschöpflich in den möglichen Verbindungen von Politik und Privatem, Erinnerung und Gegenwart. Stellvertretend sei hier „Erik der Blonde“ zitiert:

         Was macht der Mann dahinter
         wenn es klickt, was denkt ein Blitzkrieger
         gerahmt an der Wand im Hochsicherheitstrakt
         die Mutter und mein Papperlapapp
         in Uniform nach der Flitternacht
         rechts neben ihr vom Stillhalten schlapp

         sie hielt, als das Foto geschossen
         die Augen geschlossen, während er seine Mütze
         an der Hosennahtlitze die andere Hand
         beide nicht von der Muse, doch vom Blitzlicht geküsst
         die große Kunst von Licht und Schatten?

Bei Charles Simic habe ich kürzlich diese Zeile gelesen:

         „Ein kleiner Vogel schüttet in den Bäumen
         Sein Herz beim Wunder des anbrechenden Lichts aus.
         Das schmerzt.“

Vielleicht schreibt Häfner gegen diesen Schmerz an, indem er Zeile für Zeile versucht, dem kleinen Vogel seinen Irrtum zu beweisen.

Eberhard Häfner
Irrtum zeigt im Alphabet Methode
Illustrationen: Christoph Feist
Verlagshaus J. Frank
2013 · 100 Seiten · 13,90 Euro
ISBN:
978-3-940249-77-7

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