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Kritik

Der Mann, der den Earl of Oxford adelt

Neue Gedichte in der alten Debatte: Wer schrieb Shakespeares Texte?
Hamburg

2009 veröffentlichte Kurt Kreiler seine Biographie des Edward de Vere, Earl of Oxford im Insel Verlag unter dem Titel Der Mann, der Shakespeare erfand und goss damit ein paar ordentliche Tropfen Öl ins Feuer einer mittlerweile rund 150 Jahre alten Debatte: Wer schrieb in Wahrheit die rund 37 Stücke, 154 Sonette und epischen Versdichtungen, die unauslöschlich in den Kanon der Weltliteratur eingegangen sind? Der Sohn des Handschuhmachers John Shakespeare aus Stratford-upon-Avon, der lediglich eine Grammar School, nie aber, wie andere Dichter seiner Zeit, eine Universität besucht hatte; oder der Adlige Edward de Vere, ein Lebemann und Frauenheld, der unter dem Namen Lord Chamberlain auch ein bevorzugter Günstling am Hof der Königin Elisabeth war? Lässt man die potenziellen weiteren, mehr oder minder heißen Kandidaten auf den Shakespeare-Stuhl, wie z.B. Francis Bacon, oder die Theorie von einem ganzen Konglomerat von Autoren beiseite, kann man gleich zu der viel wichtigeren Frage über gehen: Wieso stellt sich diese Frage überhaupt?

Spätestens mit der Verbreitung des Geniekults- und Gedankens in der Epoche der Romantik, rückt zunehmend auch der vormals relativ unbedeutende Autor als Person und dessen Leben in den Interessensfokus. Daher wurde auch nicht schon zu Shakespeares Zeiten, sondern erst mit einer Verspätung von fast zweihundert Jahren, dieser eher provinzielle und alles andere als adelige Sohn eines einfachen Handschuhmachers als Verfasser einer so geist- und anspielungsreichen Literatur, die mehr als 200 klassische und postklassische Autoren zitiert, suspekt. (Im Beiblatt zu Kreilers neuem Buch wird er gar als unbelesener und schreibschwacher Mann aus Stratford tituliert). Die Anhängerschaft dieses Zweifels an William Shakespeare als wirklichen Urheber beruft sich seither darauf, dass der Verfasser eines derartigen Opus ein Mann von Adel gewesen sein muss, der Zugang zur höfischen Gesellschaft hatte, sonst hätte er sie mitnichten so eindrücklich beschreiben können. Gleichsam mit dieser These kommt dann auch die Begründung, warum sich der Earl als Mann von Adel eines Pseudonyms, respektive des mediokeren Theatermanns Shakespeare als Strohmann bedienen musste: es ziemte sich damals für einen Mann seines Standes einfach nicht als Autor von Unterhaltungsstücken aufzutreten.

Gegen diese Verschwörungstheorie spricht die ebenfalls im Werk sichtbare sprachliche und inhaltliche Nähe zum Volkstümlichen, seinem Jargon und seinen Märchen, sodass der Verfasser zumindest zu beiden Welten Zugang gehabt haben muss. Desweiteren ist das im Werk enthaltene Wissen keineswegs ein spezifisches Gelehrtenwissen und Shakespeare mitnichten ein Gelehrtenautor, vielmehr findet sich darin lediglich zu dieser Zeit allgemein zugängliches Handbuchwissen.

Das aber wohl gewichtigste Argument gegen den Earl of Oxford als Urheber der shakespeareschen Werke sind die Stücke, die nach seinem Tod 1604 – der Earl of Oxford starb zwölf Jahre nach William Shakespeare – erschienen sind und von den sogenannten Oxfordianern im Nachhinein zurückdatiert werden.

In seinem nun ebenfalls im Insel Verlag erschienenen Band Der zarte Faden, den die Schönheit spinnt. Hundert Gedichte von Edward de Vere, Earl of Oxford vermeidet es Kurt Kreiler auf diesen alten Disput einzugehen. Die Autorschaftsfrage ist für ihn schon mit dem Vorgängerband zu genüge abgehandelt. Sein Anliegen jetzt ist es, durch die Nachreichung von achtzig Gedichten des Earl of Oxford, die er selbst aufgefunden und übersetzt hat, eine Textbasis für den Vergleich zwischen de Veres und Shakespeares Gedichten zu schaffen und natürlich ihre Verwandtschaft zu beweisen.

Bislang waren nur rund zwanzig Gedichte bekannt, die eindeutig dem Earl of Oxford zugeschrieben werden konnten. Und diese Gedichte, darauf hatte schon 2006 der de-Vere-Biograph Alan Nelson hingewiesen, waren doch alles andere als genieverdächtig. Mit diesem Band nun möchte Kurt Kreiler seinen adligen Schützling restituieren. Zum einen möchte er die Nähe zum Shakespeare Gedicht inhaltlich und stilistisch, zum andern qualitativ nachweisen.

Das erste Anliegen, der Nachweis geistiger und formaler Verwandtschaft lässt sich ohne große Umstände als nicht gültiger Urheberrechtsbeweis entkräften. Kreiler unterliegt oder begeht damit bewusst einen Anachronismus, dem wir eben jenem Genie- und Einzigartigkeitskult der Romantik zu verdanken haben.

Selbst wenn die Earl of Oxford Gedichte das gleiche Thema, den gleichen Duktus und die gleiche Manier der shakespeareschen Gedichte aufweisen, ist dies noch lange kein Argument, handelt sich dabei schlicht und ergreifend um einen Petrarkismus, der damals unter den Dichtern in ganz Europa verbreitet war. Rollengedichte oder die Allegorie der Liebe zwischen Mann und Frau als Krieg, bei dem beide Parteien am Ende unterliegen, sind nicht Ausdruck des individuellen Genies de Veres, sondern Gemeinplätze seiner Zeit.

Schwieriger verhält es sich mit dem zweiten Parameter, der Qualität der Gedichte. Denn Shakespeare ist nicht homogen. Was eine wiederum andere Fraktion dazu veranlasst hatte, eine Zeit lang eine Vielzahl von Autoren als Urheber zu vermuten. Aber auch unsere Vorstellungen von Werkhomogenität gab es zu jener Zeit noch nicht und galt es auch gar nicht zu erfüllen, vielmehr war Können auch die Kunst eine Variationsbreite von Gattungen bedienen und unterschiedliches Publikum erfreuen zu können. Heute ist sich die Forschung einig: Der Korpus ist von einer Hand.

Nun aber endlich zu den im Band veröffentlichten hundert Gedichten: Es springt sofort ins Auge, dass sich darunter kein einziges Sonett, die Form die Shakespeare in der Nachfolge Petrarcas für den englischsprachigen Raum zur Vollendung bringt, befindet. Formal handelt es sich entweder um Langgedichte oder Gedichte mit Strophen von unterschiedlicher Verslänge, meist vier, fünf oder sechs Verse pro Strophe.

Auch wenn Kreiler im Vorwort nicht müde wird, seinen Schützling wie ein Marktschreier u.a. für dessen geschliffenen Witz anzupreisen, vermisst man eben jenen scharfen Shakespeareschen (Wort-)Witz, der so leichthin zwischen Bosheit und Zartheit zu changieren weiß. Die Verse des Earls sind durchaus klar und schön, der Autor ist sich seiner Mittel bewusst und erlaubt sich keine Ausrutscher, aber zu direkt und unverhüllt kommen da oftmals die (Liebes-) Klagen daher, wo doch gerade Shakespeare sich als Meister des Verbergens und Enthüllens auszeichnet. So ist in dem Gedicht Nichts Schlechtes wünsch ich dir, die du mir wehgetan mit dem Titel eigentlich schon alles gesagt und in dem Langgedicht kein wirklich einfallsreiches Concetto zu dem Thema zu entdecken.

Einen Geringern nun hast du dir ausgewählt,
der von Statur für dich zu klein und außerdem zu alt.
Ein Schwächling im Vergleich. Doch trägst du groß Verlangen
nach seiner aufgeregten Glut. Gott schütze dich vor Flammen.
Ihn schätzt du hoch und wert, dein Gatte soll er sein,
du liebst ihn, der dich nie geliebt, und nimmer wird er dein.
Was ich dir sag, ist wahr – denk später dran zurück:
zur bösen Stunde schwenkt er um und sucht ein neues Glück!
Dann wirst du es bereun, daß du zu schnell gekauft:
dann stößt des süßen Handschuhs Duft am End dir sauer auf.

Das klingt dann doch eher nach Gemeinplätzen und manchmal auch ein bisschen wie Poesiealbum: No care on earth did seem so much to me,/ As when my corpse was forced to part from thee.

Unbestreitbar rhetorisch begabt, aber mit doch recht fadenscheinigen Beweisen – um nicht von philologischen Taschenspielertricks zu sprechen – versucht Kurt Kreiler seinen Mann zu adeln. Aber, dass Unterstreichungen in den Büchern des Earl auch ihr Echo in Form von Zitaten in den Dramen Shakespeares finden, kann alles oder eben auch nichts bedeuten und beeindruckt höchstens die Unbelesenen und Schreibschwachen.

Zu loben ist Kurt Kreiler aber allemal für seine editorischen Bemühungen in der Herausgabe und Übersetzung der Dichtung des Edward de Vere, die ein schönes und kunstvolles Dokument der Liebesdichtungen seiner Epoche sind und vielleicht auch tatsächlich, wie Kreiler meint, die Königin Elisabeth als Adressatin haben, die unter dem Schleier der Pseudonyme zugleich becirct und getadelt werden soll. Allein das würde den Earl ja schon mehr als genug adeln.

Bleibt die Frage, warum überhaupt die Frage nach der Urheberschaft bleibt, und man dem Mann aus Stratford-upon-Avon nicht einfach dafür dankt, dass er uns, außer dem Dokument, das belegt, dass er seiner Ehefrau sein Zweitbett vermacht, dieses große und immer noch Rätsel aufgebende Werk hinterlassen hat.

Edward de Vere
Der zarte Faden, den die Schönheit spinnt
Hundert Gedichte des Mannes, der Shakespeare erfand
Herausgegeben und übertragen von Kurt Kreiler
Suhrkamp
2013 · 401 Seiten · 24,95 Euro
ISBN:
978-3-458-17587-2

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