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Kritik

Bekenntnisse

Einzlkinds „Billy“ ist ein erstaunliches Stück Literatur.
Hamburg

Man kann eine Menge Schlechtes über den Krimi sagen, ohne dass man ihm damit besonders viel Unrecht tut. Ein enges Genrekonzept, ungemein schlechte oder ungemein ausufernde Texte von ungeheuer untalentierten Verfassern, eine Schwemme ohnegleichen und vieles mehr. Aber das ist eben nicht die ganze Wahrheit. Immer wieder erscheinen Texte, die derart klar angelegt und überlegt durchgeführt sind, dass es erstaunlich ist, dass nicht schon früher jemand auf eine solche Idee gekommen ist. Und trotzdem noch Krimi? - Wenn das Kind einen Namen braucht...

Einzlkinds "Billy" also. Abgesehen davon, dass dieses Buch höchst vergnüglich zu lesen ist und seine Leser gehörig auf Abwege führt, muss man die intellektuelle Klarheit der Autors bewundern. Dass "Billy" eine Ausnahmeerscheinung ist, liegt allerdings auch daran, dass sich das Konzept wohltuend vom Einheitsbrei im Krimi abhebt, und das mit den Mitteln der Normliteratur. Also viel Reflexion, viel Subjekt, viel Psychologie und eigentlich seht wenig Handlung.

Einzlkind muss also nichts wirklich neu erfinden, er muss nicht einmal gegen Regeln verstoßen, um etwas Außergewöhnliches zu schaffen: ein Buch über einen Killer, der für Gerechtigkeit sorgen will, ohne in die Moralfalle zu geraten; der sich bewusst ist, dass das Rechtssystem Lücken hat und der dennoch nicht dem zentralen Widerspruch des Gerechtigkeitsprinzips entgeht - weil es keine Gewissheit gibt, dass der Gerechte nicht das Ungerechte tut, nicht den Falschen trifft.

Aufgebaut ist das Buch als Bekenntnis des Killers, der als Exekutive eines lukrativen Unternehmens im fernen Schottland dient, das die Lücke füllt zwischen dem, was das Recht noch vermag und dem, was die Gerechtigkeit will. Billy und Kollegen sind keine willfährigen Exekuteure jedweden Rachsüchtigen. Sie bieten ihre Dienste nur denen an, denen grundlegendes Unrecht getan wurde, und sie exekutieren auch nur diejenigen, die die Rache wirklich verdienen, Serienkiller, Folterer, Vergewaltiger, Kindsmörder, die ihrer Strafe entgangen sind.

Dass sie das selbst nicht gerechter macht, ist Billy durchaus bewusst. Dennoch versteht er sich als Instrument der Gerechtigkeit – was selbstverständlich voraussetzt, dass nach dem Auftrag in jedem Fall eine gewissenhafte Recherche folgt, damit die Rache auch den richtigen trifft. Der Tod, der dann die vormaligen Täter trifft, soll also die Welt wieder in Ordnung bringen, die durch mangelnde Strafe ins Ungleichgewicht geraten ist. Ein klassisches Rechtsmotiv, und selbstverständlich, Billy übt Vergeltung, Rache.

Das ist vielleicht nur eine kleine Note, greift aber dem schnellen Impuls vor, die im Zentrum stehende Abhandlung zum Verhältnis von Recht zu Gerechtigkeit von vorneherein als Ablenkung und Selbstrechtfertigung abzutun. Denn Einzlkind unterläuft damit den Kurzschluss des Gerechtigkeitsprinzips, aus dem Versagen des Rechtssystems und seiner Nachweiseverfahren die Belastbarkeit der Intuition abzuleiten.

Billy ist also kein Feind des Rechtssystems. Er versteht sich hingegen als ergänzendes Prinzip, das dann greift, wenn das Rechtssystem an seine Grenzen kommt und eben nicht mehr strafen kann, weil es an Regeln gebunden ist oder der Täter sich ihm zu entziehen versteht. In der Regel ist das der Moment der empathischen Empörung, die sich zudem nicht in der Geduld üben will dass, wo gestraft werden soll, auch gehört werden muss. Besonders dann, wenn der Täter zweifellos zu sein scheint, schließt sich das Gerechtigkeitsprinzip selbst kurz. Das tut es mit gutem Grund, vor allem in der modernen Welt. Denn es schafft damit mit einem Mal Gewissheit, wo es zuvor nichts als Unsicherheit und Ungewissheit gab.

Das Gerechtigkeitsprinzip taugt in der Moderne wenig, weil sie abstrakt, regelgeleitet und musterorientiert ist. Gerechtigkeit aber will den persönlichen Moment, die Genugtuung, die eigene Vergeltung und den intimen Zusammenschluss von Opfer und Täter. Sie will Verantwortlichkeit - obwohl Verantwortung ans System vergeben worden ist. Sie will einen Schlussstrich ziehen, und sie will dies persönlich, wo keine Balance herzustellen ist.

Das unterscheidet die Vergeltung in der Moderne von ihrer antiken Variante, deren Basis ja stärker personalisierte Beziehungen waren. Einzlkind nimmt sich sehr viel Zeit, um abzuleiten, wie es in einer entpersonalisierten Gesellschaft um die Schuld des Einzelnen bestellt ist: Er braucht lange, bis er an den Punkt kommt, das Geschäft des kleinen schottischen Familienunternehmens zu schildern, in das er vor einigen Jahren eingetreten ist. Bis dahin gibt sich der Roman als recht bedächtige autobiografische Abschweifung – wie ich wurde was ich bin – und als umsichtige Hinleitung zum Schlusstableau, das es dann in sich hat.

Denn eine Hinrichtung steht nicht nur am Anfang des Textes, sondern auch an seinem Ende. Und eben auch die Einsicht, dass das angebliche Gegengift gegen die entfremdete Welt nicht wirkt. Dass also Vergeltung – egal wie sehr sie sich abzusichern versucht – nicht davor gefeit ist, zu irren.

Die Furcht vor dem Irrtum und die Gewissheit, dass die Rache nicht irren kann, gehen eine verhängnisvolle Verbindung ein, der auch Billy nicht entgeht. Denn auch er irrt, trotz aller Präzision in der Recherche zu seinen Fällen, trotz aller Versuche, aus der intuitiven Gewissheit eine faktenbasierte zu machen. Trotz aller Versuche also, aus der Vergeltung doch wieder ein gerechtes Prinzip zu machen, das sich dem Recht wieder nähert.

Dass das konsequent ist, lässt sich der Erzählung immerhin entnehmen. Sie ist um die Grundfigur des Bekenntnisses aufgebaut, das zugleich die Folie der groß angelegten Selbsterklärung, der Autobiografie ist. In diesem Bekenntnis aber kehrt die Erzählung wieder zu jenem Grundprinzip zurück, das dem mörderischen Prinzip zugrunde liegt: zur Willkür. Sie ist es, als Variation, in der sich die Macht des Einzelnen besonders ausprägt, solange sich niemand ihr entziehen kann. Billy kann nicht.

 

 

 

Einzlkind
Billy
Suhrkamp / Insel
2015 · 203 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-458-17647-3

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