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außer.dem Literaturzeitschrift
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außer.dem Literaturzeitschrift
Kritik

Das Würfelnde bleibt immer dasselbe

Es gibt so viele Arten dem Tag zu begegnen und er kommt uns zurück. Wir entwerfen ihn wie eine Skizze und testen unsere Geschichten aus. Wenn es Worte für ihn gibt, dann sind das Figuren, an denen wir lange schon schnitzen. „ich, weiß“ sagt Elfriede Czurda und hat eine Farbe, die „namenlose leere“ ist da, wie auch das Rückgespülte, Treibgut, Schwermut. Sie bemüht „sich“, wer immer das ist, sie verschreibt sich ein tägliches Gedicht. 366 Tage lang, damals noch in Berlin, im Schaltjahr 2004, schreibt sie auf, was zu diesem Tag gehört und zählt bis zwölf. Sie kann das, weil sie die Sprache kann. Und Sprache können bedeutet Puls, einkreisen, loslassen, anfassen, loslassen, anlangen, loslassen – nicht ankommen, nicht behalten. Zwölf Zeilen am Tag, zwölf über den Tag. Wie ein Jahr vergeht. „mikro-essays“ nennt sie es, Versuche das Notieren zu betreiben, Worte aus dem Tag herauszuspiegeln, Horizonte und Nähen, Öffnungen und Verschlüsse, und natürlich sind es Momente.

Manche Zeilen jagen sich, flitzen wie flache Steine über die Oberfläche der Tage, andere fliehen atemlos ineinander, andere tropfen schwer hinunter. Wenn dann doch der Tag zurückkommt als eine Zeit, die mit sich selbst verbracht sein muß. Mitten im Juni: „von wem red ich von / mir dieser andern die / stumm und verboten / in mir ein gestein auf / der kruste des grundes / mich auffüllt und aus / schwemmt mich böschung/ aus haut und aus füßen.“ Mitten im Leben kommt der Moment, der uns plötzlich nicht zuläßt, obwohl wir das wollen. Da kann man rennen innerlich, turnen, geistige Saltos schlagen, alle Bewegungen würfeln nur durcheinander, kreuz und quer, aber das Würfelnde bleibt immer dasselbe. Das Schreiben findet es und berührt es und wirft es auf den Tisch.

krähenflugangst

auf dem kamin blech
hockt die krähe jetzt im
sommer bin nicht ich
schreit krah und schwingt
sich auf die krallen spitzen
zum zweck des abhubs
krah und ist in wirklichkeit
nicht ich krallt krah sich
fest am eisen kranz krah
krah und keine rettung
löst sie aus ihrer flug
angst die im kopf sitzt

(18.juni)

Elfriede Czurda inszeniert nicht, sondern versucht mit der Notiz aus dem Tag die Verstecke zu finden, in denen das passende Wort herumliegt. Ganz gleich ob das ein altes Blechspielzeug ist, das im Schaufenster liegt, ein Wiedehopf oder die Ankunft in Wels, in einer Luft, die riecht. Jeden Tag sind es zwölf Zeilen, die etwas anrichten. Manchmal „löst sich der gedanke als / haut von der stirn das leben / als haut ausschlag vom körper“. Kaum zu glauben, daß sie diese Texte täglich notierte – weil das alles Gedichte sind. Leichte und schwere, ruhige und flinke, verspielte, zwinkernde und gerade noch sagbare. Manchmal sind es Wollfäden, einer zerklüfteten Felsformation aufgelegt, manchmal Drahtseile hinab in die Lichtarmut der Anker, manchmal auch nur luftiges Zeug, das einfach Zeug sein kann, humorvoll wie Tante Mathilde. Nicht alle Gedichte haben zwölf Zeilen, es gibt eine Passage, da schrumpfen sie auf vier, Zeit der Krankheit im Januar, alles kommt auf den Tisch, alles liegt auf ihm, alles bleibt liegen, bis endlich reiner Tisch gemacht wird, abgeräumt, das Jahr weiterläuft in den Hinterhof des Februars, ein Spalt in die Welt mit der Hoffnung auf bessere Tage, und heraus aus dem Finstern, von dem es genug gibt seit Monaten schon. Der Schreibtisch in Berlin ist Geschichte, Elfriede Czurda kehrt zurück nach Wien.

Die Edition Korrespondenzen hat ein wunderbares Buch aus diesen Aufzeichnungen gemacht. Es ist bereits 2008 erschienen und ich wünsche ihm viele Leser, weil es ein sehr persönliches,  ungewöhnliches Literaturereignis ist.

Elfriede Czurda
ich, weiß
Edition Korrespondenzen
2008 · 376 Seiten · 23,70 Euro
ISBN:
978-3-902113566

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