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Mosaik Literaturzeitschrift
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Kritik

kein ersatz

Hamburg

Wer den Namen Elfriede Gerstls hört (und auch nur ein wenig mit der österreichischen Literatur der letzten Jahre und Jahrzehnte vertraut ist), der denkt an Texte, die pathosfrei und klar das zerdichten, was an Unerträglichem besteht: in Wien, in Österreich, in der Welt.

Die Welt ist dabei schon zu groß formuliert, die fast zierlichen Texte Gerstls mieden derlei Grobes, doch nicht aus einem Sich-Kleinmachen, sondern um Schärfe zu wahren, pointiert – auf den Punkt – zu treffen, um aus der Konkretion „Hebelwirkung” zu gewinnen, wie Elfriede Jelinek es formulierte, um das, was an Zumutung besteht und immer größer als der Dichter oder die Dichterin ist, als aufgeblasen anzupieksen, dem, was da an Sprachmißbrauch die Zumutungen in die Hirne der Menschen trägt, als wäre die Zumutung fatum, die Luft auszulassen. Nie grob, doch um der Schärfe willen – und diese denn doch um einer milderen, belebbaren Welt willen. Zweckoptimismus führte da nicht hin: „wird schon nix gutes sein / wenn man das beste / draus machen muss”1, so heißt es bei Elfriede Gerstl; und: was wäre „ärger als arg”..?

Dieser Sinn fürs allzu Große, wogegen diese unendlich kluge Leider-nicht-mehr-Zeitgenossin kleine Stiche setzt, als lyrische Partisanin sozusagen, prägt auch Tandlerfundstücke und Band 4 der auf fünf Bände angelegten Werkausgabe. Zugleich sind diese Texte, die aus über fünf Jahrzehnten stammen, auch ganz anders als die, die – zumindest – jener kennt, der Elfriede Gerstls Werk nur oberflächlich und aus den letzten Schaffensjahren kennt: Ihre frühen Texte sind qualitätsvoll, aber auf ganz andere Weise. Nicht immer ironisch, manchmal mit Mythen nicht spielend, sondern in sie eintauchend und sie verdichtend oder wendend. So wird Ahasver zum Bild des Menschen, der von sich sprechend feststellt, daß sein Wort aus Gott Liebe sein müsse. Oder: hätte sein müssen. Doch dieses lyrische Ich wird nicht fündig, so bringt es Gott anderes; es tritt „beladen mit Spott und Hochmut und Eitelkeit vor Ihn”, wird darauf verworfen, sein „künftiges Wort sei Unrast!” Und diesem folgt das Ich – darin paradox vielleicht nun doch liebend –, „unterwegs, es zu suchen.” So wird über Figuren gedacht, oder darüber, was Schöpfung und Geschöpflichkeit seien, konkret freilich allemal: wozu man Hände habe. Die Mythen sind also Kritik genug, liest man sie so – wie Rose Ausländer in ihren Eva-Evokationen die Bibel als subversiven Text nutzt, so schreibt Gerstl etwa über Antigone, die heute den Menschen indes fehle.

Ferner finden sich hier wieder Besprechungen und Rezensionen sowie Interventionen, gegen Freuds Sexismus, über Elfriede Jelinek – mit oft sehr scharfsinnigen Urteilen. Die nebenher erbrachte Analyse, daß Jelinek und Artmann einander auch geistesverwandt waren, zählt zu diesen Perlen.

Doch am berührendsten, schärfsten und klügsten sind die Formen, die sie später sich schafft, ganz eigen – der ratlose Satz: „mir / fällt kein / ersatz für mich / ein”, er ist genuin menschlich, wie es diese Dichtung ist, deren Dichterin darum tatsächlich eine Lücke hinterließ, wo derlei zu behaupten sonst doch auch  Floskelhaftes an sich hat… Wer könnte die Erfahrung, daß es den Flow nicht gibt, worin man weder gelangweilt noch überfordert wäre, also die Aussage Blumenbergs, daß, wer „nicht überfordert ist, […] nicht einmal gefordert” ist, denn der „Raum zwischen den Extremen ist leer”, wer könnte diese Eigenheit des Lebens so komprimieren und mit Witz aufladen, wie Elfriede Gerstl es konnte?

„fernsehkrimi
am anfang kennt man sich nicht aus,
dann ist es fad.”

Über das Leben, das Alter, die nie verbürgte Heimat – ein ambivalenter Begriff, genauer: als Begriff Heimat verfehlend –, das Loslassen, das seinerseits ideologisch werden könne oder es immer ist, … dieser Band ist an Stimmlagen, Themen und Fragen reich. Und nicht trotz, sondern in der Kürze und Klarheit tief: „lesen & zisch & weg”, das ist Understatement und die Wahrheit dieser wunderbaren Dichtung.

lesen & zisch & nicht weg, das wäre der Wunsch, den man hätte; daß Elfriede Gerstl uns nicht alleine zurückgelassen hätte, in Zeiten, die einer solchen Stimme so sehr bedürfen – „weniger sparen / mehr leihen”, wie das nicht als Kommentar zur Bereitschaft der EU lesen, Griechenlands Menschen nach Rettung der spekulativen Investitionen französischer und deutscher Banken ins Elend zu stürzen? Nicht weg: Das heißt auch, daß man diese Texte nicht vergessen möge, nicht weg: sondern kanonisch, wiewohl dieser Begriff so gar nicht zum Denken dieser Dichterin zu passen scheint. Elfriede Gerstl bleibt ans Herz zu legen!

Elfriede Gerstl
Tandlerfundstücke
Werke Band 4
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Christa Gürtler u. Martin Wedl in Zusammenarbeit mit dem Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek
Droschl
2015 · 368 Seiten · 29,00 Euro
ISBN:
9783854209676

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