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Kritik

»Den Tod will ich ernst«

Hamburg

Elias Canettis von Peter von Matt mit anderen edierter und durch ein Nachwort gerahmter Band zum Tod ist kein schlichtes Aufbegehren. Nicht gegen den Tod geht es, sondern gegen Todeskonzepte zuallererst, die aber allesamt den Tod zuletzt geradezu anempfehlen. Sie und ihre Euphismen dekonstruiert oder zerbröselt Canetti, teils in gesammelten Texten, teils in kompakten Essays oder Essay-Fragmenten und teils in Notaten, die mitunter aphoristisch sind. Dabei ist die Sprache, die den Tod zur Harmlosigkeit umlügt, sein Instrument, ihr eben dies auszutreiben, ihr nicht auf den Leim zu gehen.

Dementsprechend spielerisch werden Sätze hier zu Ende gedacht, zugrunde formuliert, es werden neue Gebote angedacht, etwa: „Du sollst nicht sterben.” Nuancen werden eingeführt, etwa, ob „lieber gestorben als tot” eine denkbare Facette ist. Legt der Name uns tödlich fest – oder macht er unsterblich, und würde diese wohl metaphorische Immortalität nützlich sein? Ist Sterben eine Festlegung, wäre ein Argument für Aufschub, dass man seine Nachrufe redigieren muss?

Und warum imaginieren wir einen Gott, wenn es Tod gibt: darum oder dennoch? Ist es besser, wenn man Gott nicht auffällt, wie einer böswilligen Institution..? Ist schon die Genesis „Todesurteil für Alle”..? Sind Gebete also sinnwidrig, zumal Unwissen der Unsterblichkeit auch verbunden sein könnte, und sei es im Augenblick?

Aber auch, was die Toten seien, fragt sich Canetti – und was wir sein werden. Werden wir wie die Saurier endlich von Ahnen der Ameisen rekonstruiert, ist die Melancholie bei Ausgestorbenem 1 antizipiertes Selbstmitleid? Sind wir bei der Wahl dessen, was sterben darf oder soll, Chauvinisten und Tieren gegenüber sozusagen „Nazis”? Würde ein Vergessen beleben? Oder Treue – die, wäre es nur Trauer um zukünftige Tote, Leben rettete..? Und was häufen wir an, um den Tod zu ertragen? Ist Tod nicht dort, „wo alles vergeblich herumsteht”..? Oder braucht es Metamorphosen? „Der Schmetterling als Gespenst der Raupe” ist indes eine trügerische Utopie...

Man könnte ewig fortsetzen, man müsste es, vielleicht erlangte man die Unsterblichkeit Canettis und dieses Bandes – von der auszugehen ich jedenfalls geneigt bin.

Elias Canetti
Das Buch gegen den Tod
Mit einem Nachwort von Peter von Matt
Hanser
2014 · 324 Seiten · 24,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24467-2

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