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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Superpreis für Literatur

Die Einreichungen für die drei "Superpreise für Literatur" sind in einer E-Book-Anthologie im Verbrecherverlag erschienen.
Hamburg

Die beiden Literaturzeitschriften „Das Prinzip der sparsamsten Erklärung“ und „Metamorphosen“ hatten 2016 einen Superpreis für Literatur ausgeschrieben. Alles durfte eingereicht werden, solange es nach Lyrik, Prosa oder Essay aussah und nach Literatur schmeckte. Dann wurden drei Preise vergeben, mit ebenso kuriosen wie kultigen Namen: Der „Atta-Troll-Superpreis für radikale Ideologiekritik“, der „Pelagea-Vlassowa-Superpreis für lyrische Konfliktstudien“ und der „Karl-Roßmann-Superpreis für subversive Fabelführung“.

Außerdem erschien im Verbrecher-Verlag eine E-Book-Anthologie mit den besten Texten aus den Wettbewerbseinsendungen, inklusive der drei Preisträgertexte natürlich.

 

I – Relikte, Leoparden, Langnese und Kalaschnikow. Stella nicht vergessen

Die Sache mit dem Relikt beginnt wie eine Satire, bei der ja immer die Frage im Raum steht: Ist sie zum Lachen und Schmunzeln da oder zum Erschrecken und Lernen? Bestenfalls erreicht sie beides: man lacht und staunt und japst abwechselnd. Ob allerdings der Text „Relikt“ von Andreas Reichelsdorfer tatsächlich als Satire gemeint ist (wenn, dann ist es eine aalglatte) ist am Ende schwer zu sagen: Er tritt auf als schlichtes Prozedere, als Ablaufbeschreibung, die sich in stechschrittigen Satzstrukturen, wortgewordenen bürokratischen Purzelbäumen nebst Kurven nehmenden Phrasen einen Weg bahnt, einen Weg, ja: wohin eigentlich? Nur zu der Pointe am Ende, von der man nicht weiß, ob sie einen Pointe ist?

„Relikt“ wurde mit dem Karl-Roßmann-Superpreis für subversive Fabelführung ausgezeichnet, und eine Fabel mag es ja sein, wenn all die Menschen mit ihren Berufsbezeichnungen in perfekter, protokollarisch korrekter Kür-Manier um das Artefakt herumwuseln ... aber was daran so besonders sein soll, kann ich leider nicht sagen. Es ist ein ziemlich strapaziöser Text, der gekonnt jede wirkliche Zuspitzung sabotiert. Wenn das mit „subversiv“ gemeint ist: meinetwegen.

Ich bin bei Prosa, das gestehe ich ein, nicht immer mit übergreifendem Begriffsvermögen gesegnet. Hermeneutik ist nicht meine Stärke. Aber manchmal macht es einem der/die AutorIn wirklich nicht leicht, gerade dann, wenn sie es scheinbar gerade darauf anlegen. So wie Lea Sauer, die mit ihrem Leoparden-und-Dorfjugend-Text eine ziemlich einfache Mischung aufbereitet (eine gefährliche Raubkatze und ein beeinflussbares, gelangweiltes Kindergrüppchen mit Anführer), die dann auf irgendeine Weise dem Leser um die Ohren fliegen soll, aber am Ende eher verpufft. Entgeht mir da eine Metapher, eine großartige? Dann langweilen mich die kurzen, abgeknickten, bedeutungserpichten Sätze immer noch. Aber es sind nicht nur die Sätze. Es ist das Fehlen einer Geschichte, wo doch so getan wird, als gäbe es eine. Das nervt mich.

Leichtfüßig und schräg, eine Mischung aus beschleunigtem Trash und journalistischer Beobachtungsgabe, kultig, aber doch nicht ganz ohne Biss: „Killer Heroes“, die Reportage von Annika Domainko, die als Backpackerin in Vietnam Klischees (im Land und in sich selbst) und touristische Realitäten antrifft. Das alles ist, gerade in sprachlicher Hinsicht, auf akrobatisch-unterhaltsame Weise garniert, mit ein paar funkensprühenden Formulierungen – doch gleichzeitig offenbart sich hier die große Schwäche des Textes. Denn bis hinein in die Hashtag-versehenen "Klar-denk-ich-auch-daran"-Reflexionen schmeckt das Ganze sehr nach Show. Da helfen auch keine Agent-Orange-Verweise – zu sehr ist der ganze Text auf seine rasante und lapidare Form und auf Skurrilität getrimmt, was bis zuletzt nicht wirklich gebrochen wird. Wer mit einer Show zufrieden ist, der kommt auf seine Kosten.

Sebastian Andreas Rouget Erzählung „Stella“ kommt mit 19 sehr kurzen Kapiteln aus. Die Geschichte einer Verliebtheit, die groß ist und doch ein Intermezzo bleibt. Ein paar Augenblicke des Glücks und des Kennenlernens. Eine gemeinsame Reise, ein Versuch, anzufangen, der auf leisen Sohlen plötzlich zum Ausklang wird; da ist nur dieser schmale Zeitraum, auf den doch irgendwas folgen sollte, in dem einiges gutgeht und manches schlecht und irgendwas schiefläuft. Ein simpler Text, mit einigen Leerstellen und nicht ohne fragwürdige Elemente, aber mit einem unnachahmlichen Gespür für eine reale Tragik und ein nicht überzogen dargestelltes Erleben.

 

II – Das wird ja die Qualle im Wasser verrückt … Fürchte, was du finden könntest!

lügen
bleiben
ungesättigt

Einen Lebenslauf wie Eli Solaris hätten wohl viele gern: in 8 Ländern gelebt, Auszeichnungen erhalten, forscht an neuen Wirkstoffen gegen Krebs, schreibt dazu noch Gedichte und editiert ihren ersten Roman. Klingt nach einem Traum vom produktiven, kreativen Leben. Und die Gedichte, die Gedichte sind gut. Unscheinbar, mit einem Schwung Gewöhnlichkeit im Ton, aber die Worte destillieren tatsächlich etwas, eine Aussage, eine Idee, eine Illumination.

Ein alter Mann, der sich Onkel Wanja nennt, die Lebensgrundlage Wasser als verkorkstes Symbol, dazu ein Junge mit dem Namen eines mythischen, tödlichen Käfers und irgendeine Apokalypse drum rum: Valentin Moritz fällt es anscheinend nicht schwer, sich phantastische und irritierende Szenarien auszudenken. Dass seine Geschichte „Skarabäus“ von sehr wenig zusammengehalten wird, kann man dank dieses Umstandes getrost übersehen.

„Das Mädchen am Pool“ von Katharina Voss hat alles, was eine gute Geschichte braucht: eine gleich zu Beginn angeworfene, leicht mysteriöse Spannung, die sich mit jedem Satz, jeder Information weiter verdichtet; ein Narrativ, das zwischen Atmosphäre und Handlung gut ausbalanciert ist; und einen Twist. Den Großteil seines literarischen Reizes bezieht der Text letztlich aus seinen erotischen Konnotationen und einfachsten, ursprünglichen Konflikten. Aber diese Mischung ist nicht umsonst bewährt und fesselt verlässlich.

Lyrik über Flüchtlinge und politische Apathie? Vollkommen zurecht hat die Jury des Superpreises Martin Piekar den Atta-Troll-Superpreis für radikale Ideologiekritik zugesprochen. Denn er hat geschafft, was ich kaum für möglich gehalten hätte: ein gutes, in vielen Momenten nicht nur Bilder, sondern wichtige Gedanken stiftendes Langgedicht zu schreiben, in dem die beiden oben genannten Dinge breit thematisiert werden. Piekar ist dabei ebenso wortgewandt wie teilweise überhandnehmend überschwänglich und riskiert es, mit sehr einfachen Wünschen und Aussagen, mit Naivität, Angriffen und Proklamationen aufzutrumpfen

Lasst uns eine Firewall
Des Friedens zwitschern
Just do it!

Ich will dieses Werk nicht über die Maßen loben, denn überragend ist es auch nicht, und es hat seine Längen. Aber es ist ein ebenso wichtiges wie gelungenes, die Apokalypse der Menschlichkeit aufzeigendes Gedicht, das man (mal gründlicher, mal leidvoller) gelesen haben sollte.

 

III – Von der Lächerlichkeit an den Wolken zu kratzen

Ein Boy und ein Girl in einem abseitigen Haus: Sie schießen Möwen, tragen ihre Cappys verkehrt herum, sitzen auf roten (er) und blauen (sie) Stühlen, schlafen auf einer roten (er) und einer blauen (sie) Couch. Die Möwen werden gerupft und gegessen.

Wir rupfen solange, bis unsere Turnschuhe in Federn stehen. Das sieht aus, als würde Schnee liegen.

Das Sujet ist einfach und schräg wie ein Kindergartenbild, der Erzählton ... naiv? apathisch? schlicht? Eine Wertung fällt nicht leicht, denn in „Wenn wir unsere Zähne verlieren“ steht gerade er, der Erzählton, nackt im Zentrum, bedingt die Ausdeutung des ganzen Inhalts. Auf jeden Fall erzeugt er eine Unsicherheit, eine Skepsis gegenüber dem Text, aber auch eine Skepsis gegenüber der eigenen Skepsis. Sowohl der einfache Aufbau der Handlung alsauch die zwar eingenommene, aber kaum wertende Perspektive der Protagonistin, die beharrlich Sätze von sich gibt, als würde sie alles Wesentliche sagen, werden beide zum Anlass, die Erzählung nach doppelten Böden abzuklopfen. Zu fragen, was wirklich Sache ist. Es könnte sein, dass es um Missbrauch geht und in der Folge um Selbstmordgedanken, Angst, Traumata. Helene Bukowskis Text wäre ein etwas anderer Versuch, sich in dieses selbe Themenfeld vorzuwagen, davon zu erzählen – aber: Wäre das dann wirklich innovativ, oder macht es sich die Autorin einfach nur sehr einfach?

Hochglänzend aufragende Gebäude, die den Armen und dem Universum am Arsch vorbeigehen, stehen nicht im Mittelpunkt, aber sind das entscheidende Symbol. Mit einer eisernen Portion Selbstironie, einer Prise Unverblümtsein und viel reflektierter Träumerei beschreibt Sofie Lichtenstein ihren ungeplanten Abstecher in ein provisorisches Elendslager mitten in Berlin. Favelas, Slums: gibt’s auch hier; das ist die Erkenntnis, die am Anfang steht. Der Mensch, die Krone der Schöpfung: von wegen. Während einige Leute immer noch riesige Phallussymbole bauen, müssen andere sich am Strand hinhocken und auf den Boden scheißen. Den Kot riecht man von weitem und die Wolkenkratzer können nicht anstinken gegen die riesigen Entfernungen des Alls, ihre eigenen mangelnde Bedeutsamkeit. Politik und Größenwahn und Elend, das alles bekommt einen neuen, völlig unsentimentalen und unverbrauchten, flüchtigen Anstrich. Fazit: ein cooler, wichtiger Text.

Wolf Schmids „Die letzte Perle“ ist, in all ihrer aromantischen Sozialkritik und dezenter Sympathie, eine lesenswerte Geschichte, die eingewobene Einfalt sticht messerscharf. Das Ganze setzt genau bei jener tragisch-komischen Seltsamkeit an, die dem Menschlichen immer innewohnt und die auch die Kunst kaum verschleiern kann.

 

IV – Fernweh und wann Enten Eltern werden

und kann doch nicht sprechen für die, die schreien
für existenz, deren schmerz am wesentlichen hängt,
am frühzeitlichen nicht.

Felix Schillers Verse impfen Dringlichkeit ein, sie haben etwas Gnadenloses, Elektrisierendes; sie wurden ausgezeichnet mit dem Pelagea-Vlassowa-Superpreis für lyrische Konfliktstudien.

Schon beim ersten Gedicht könnte man filigrane Analysen jeder einzelnen Zeile schreiben. So viel wird hier verhandelt und doch eigentlich nur eins: die Warte, von der ein Ich, als Schwerpunkt, den es selber setzen kann, auf die Welt blickt und gewichten muss und gewichtet wird und nicht gewichtig sein will und das Gleichgewicht wahren muss und das Wichtige finden und sich dann schnurstracks dort hinbewegen will.

mit der neugier, die sich ins Allgemeine singt, zu leicht

Ich gebe zu: Ich finde das Auftaktgedicht, das Vorwortgedicht, beeindruckender als die folgenden Variationen, die sich aufschwingen, als wüssten sie nichts von der Warnung, die in den ersten Versen ausgesprochen wird (u.a. siehe Zitat über diesem Abschnitt). In dem Maß, in dem mich das erste Gedicht festnagelt, Konsequenz verdichtet und noch weitergeht, wo es anhalten könnte, werfen mich die folgenden Gedichte aus der Konfrontation hinaus und setzen mich vor eine Leinwand, auf die der Dichter seine zusammengeschnittenen Verortungen wirft; was lyrisch, drastisch, eindrücklich und eindrucksvoll gelingt. Gute Gedichte, Verdichtungen sind das, daran kann kein Zweifel aufkommen. Aber sie erscheinen weniger ambitioniert als der Vorsatz.

denn es ist sinn,
das muss ich glauben, sich in geschichte zu ringen

Wenn Camena Fitz über "Onkel Albert" schreibt, dann bleibt die Kamera ein Standbild und es gibt wenig Interessantes zu erzählen, ja, das Ganze kann gut als archetypische Darstellung des fern vonstattengehenden Uninteressanten herhalten, das in vielen Wohnzimmern, in täglich sich wiederholenden Gesprächen, von eingelotterten Familien plattgewalzt wird. So auch die Geschichte von der Hütte am Berg, mit Onkel Albert, mit dem Alltag, mitsamt dem schönen, originellen Teil, den es in jeder dieser Geschichten gibt, und der in diesem Fall mit Füchsen zu tun hat.

Fast zum Lachen, fast irritierend: Mit einer Leichtigkeit, die irgendwie ungewiss anmutet, setzt Jonas Rumps Geschichte „Das Krokodil“ ein und schreibt sich in seinem schmalen Arrangement immer weiter fort. An verschiedenen Stellen glaubt man: jetzt wird man ins Thema geleitet, jetzt kommt es zum Konflikt – stattdessen folgt Motiv auf Motiv und wir landen schließlich beim Telefon, beim Krokodil. Und es hat irgendwie Spaß gemacht.

Rolf Schönlaus Spiel mit Medikamententexten, das in eine Betrachtung zur Diagnose mündet, will wohl gleichsam philosophisch und artistisch – ich für meinen Teil kann ihm wenig abgewinnen. Es erscheint mir auch zum Ende hin nicht die Tiefe zu erreichen, die aus einer Spielerei Literatur werden lässt.

 

V – Zum Schluss vergisst man den Schluss

Alzheimer ist in der Kunst mittlerweile zu einem häufigen, geradezu dankbaren Thema geworden. Wie von selbst stellen sich hier Empathie und Konflikte ein. Generationsbrüche und Familiendramen lassen sich innerhalb dieses Themas ebenso gut verhandeln wie die Selbstbestimmung im Alter und die Erinnerung als verbindendes Element unter allen Menschen, das Elend des Daseins und zuletzt natürlich die Problematik des Sterbens, des Verlierens.

Die Erzählung „Schwarz-Weiß“ von Iseult Grandjean trifft allerdings noch einen ganz anderen Nerv und stellt darüber hinaus die Probleme des an Alzheimer erkrankten Menschen kompakt, knapp und grundlegend dar, mit einer Ich-Erzählerin, die ebenso plastisch wie austauschbar, ebenso individuell wie sinnbildlich ist. Es ist ein beeindruckender Text, der noch ein zusätzliches, fast schon dramatisches Motiv enthält, aber sehr gut damit umgeht und die beiden Ebenen seiner Erzählung feinsinnig miteinander verknüpft.

Kai Pohls „Teil der Bewegung“, ein Langgedicht, zusammengebacken aus allerhand fremden Gedichtversen, auftretend als sei es ein Manifest, aus allem zusammengegossen. Ich find’s, bei aller Artistik, Variation und Synthese, Verzeihung, unerträglich und in dieser Länge auch kaum zu rechtfertigen, denn: Es fehlen verbindende Motive, irgendwelche Strukturen, ein Narrativ, ein Thema (selbst wenn es die Sprache wäre, bitte, gerne!) und teilweise ist es inhaltlich so sinnlos, dass ich gar nicht mehr lesen und vor allem nicht mehr drüber nachdenken will, übers geschriebene Wort. Und das ist nicht gut. Also: wieso?

Ich weiß, das ist, zum Schluss, die dümmste, fragwürdigste Frage.
 

Elias Kreuzmair · Helene Bukowski · Annika Domainko · Camena Fitz · Wolfgang Fritz · Iseult Grandjean · Luca Lienemann · Sofie Lichtenstein · Valentin Moritz · Andreas Reichelsdorfer · Sebastian Andreas Rouget · Jonas Rump · Lea Sauer · Wolf Schmid · Rolf Schönlau · Eli Solaris · Katharina Voss · Martin Piekar · Kai Pohl · Felix Schiller · Elias Kreuzmair (Hg.) · Moritz Müller-Schwefe (Hg.)
Superpreis für Literatur. Die Anthologie.
Verbrecher Verlag
2016 · 159 Seiten · 3,99 Euro

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