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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Die Angst bekämpfen mit Gedichten

Die zweite Lyrikanthologie aus dem Elif Verlag
Hamburg

Es ist bereits ein paar Jahre her, dass der Nettetaler Schauspieler und Lyriker Dincer Gücyeter den Elif Verlag aus der Taufe hob, und in der Anfangszeit dort vor allem seine eigenen, sehr lesenswerten Werke veröffentlichte. Spätestens seit dem Frühjahr 2014 sollte jeder, wirklich jeder, der sich für Lyrik interessiert, das kleine, wachsende Elif-Programm im Blick haben.

Inzwischen sind dort Bücher von Arndt Kremer, Anke Glasmacher und Christoph Danne erschienen – einerseits. Andererseits legt der deutsch-türkische Band „wenn die zeit kommt / sirasi gelince“ von Hilmi Yavuz (übertragen von Özlem Özgül Dündar) den Grundstein für eine Reihe von Übersetzungen türkischer Lyrik ins Deutsche, die dringend notwendig ist. Im Grunde ist es hochnotpeinlich, dass insgesamt so wenig türkische Gegenwartslyrik auf Deutsch erscheint – Dank Dincer Gücyeter wird diese Lücke jetzt endlich ein Stück weit geschlossen. Und das bislang ohne nennenswerte institutionelle Unterstützung.

Hinzu kommt einmal im Jahr eine Anthologie, die das Verlagsprogramm abrundet. Nach „Mein wilder Traum gegen die Zeit“ liegt nun druckfrisch „Mein wilder Kampf gegen die Angst“ vor – herausgegeben vom Verleger selbst, der hier eine weitere Lücke schließt, indem er namhaften sowie unbekannteren deutschen Lyrikern auch türkische, persische und arabische zur Seite stellt, die teils seit Jahren und Jahrzehnten in Deutschland schreiben und publizieren, die aber teils in den anderen Jahresanthologien wie dem „Jahrbuch“ oder den „Versnetzen“ oder Leitners „Gedicht“ unterrepräsentiert sind – von Ausnahmen oder den üblichen Verdächtigen wie SAID einmal abgesehen. Das allein ist Grund genug, Gücyeters Anthologien Aufmerksamkeit zu schenken, die der Anthologienlandschaft neue Facetten und Stimmen hinzufügen – und das Lineup der aktuellen kann sich sehen lassen: Stan Lafleur, José Oliver, Safiye Can, Fouad El-Auwad, Dominik Dombrowski, Lütfiye Güzel, Mohammad Ali Shakibaei, Thomas Kunst, Amir Shaheen und viele weitere versammeln sich in dem auch optisch und haptisch sehr sinnlich anmutenden Band.

Wie schon zuvor hat Gücyeter den Autoren ein Thema vorgegeben – Angst -, mit dem sie frei arbeiten konnten, und es ist erstaunlich, wie vielschichtig und unterschiedlich die Herangehensweisen und Perspektiven sind, mit denen die Angst mit Gedichten bekämpft wird (welches bessere Mittel gegen den alten Affen Angst könnte es auch geben?).

Der Kölner Stan Lafleur liefert eine Istanbuler Park-Trilogie: Im Gülhane-, Macka- und Gezi-Park fühlt er den Stimmungen in der zunehmend von sozialen Unruhen und Polizeigewalt erschütterten Stadt nach, und von der grünen Schönheit der Parks bleibt oberflächlich nicht viel übrig. Es sind Verlorene, die durch sie streunen, Hunde und Menschen, irgendwo zieht wieder Tränengas herauf, und „Auf der Parkbank mein Gedicht / bestand aus lauter ausradierten Buchstaben“.

Bei Wolfgang Rödig kämpft die „Aufbruchstimmung“ mit dem Älterwerden: „Eine meiner Uhren schlägt noch, sie schlägt nach mir.“ Und während Arndt Kremer sich vorstellt, wie es wäre, in Spielhallen umherzustreifen („warum spielhallen immer so traurig sind? / ich weiß es nicht // ich war ja nie in einer“) schaut Lütfiye Güzel „zurück / auf die gegenwart“. „Gedichte werden hier nicht mehr gebraucht“, befürchtet Thomas Kunst und beweist in seinem Gedicht freilich das Gegenteil; ebenso Özlem Özgül Dündar in ihren Poemen über stolpernde und sich prügelnde Worte, „die gesprochen werden wollen“, derweil ersinnt sich Mohammad Ali Shakibaei eine Insel: „Des Regens Wimper wurde zu meinem Asyl“.

Es sind viele Verse und Bilder dabei, die hängenbleiben, einen verfolgen, die man an diesem oder jenem Tag plötzlich wieder entdeckt, über die man stolpert, mit manchen muss man sich wahrlich prügeln bis aufs Blut, und alle, alle wollen gesprochen werden.

 

Anmerkung der Redaktion
Alle Autoren der Anthologie:

Fouad El Awad, Andrea Karime,Wolfgang Rödig, Arndt Kremer, Lütfiye Güzel, Matthias Engels, Monika Carbe, Anke Glasmacher, Rolf Birkholz, Thomas Kunst, Bijan Nowrousian, Özlem Özgül Dündar, Dominik Dobrowski, Bettina Hesse, Mohammad A. Shakibaei, Hella Neukötter, Stan Lafleur, Klára Hurková, Gültekin Kaan, Monika Littau, Manfred H. Freude, Murat Akbaba, Angela Kreuz, Andrea Bader, Marlene Olbrich, Dieter Hans, Schirin Nowrousian, Heike Kreitschmann, José F.A. Oliver, Birgit Honikel, Alexander Weinstock, Dietmar Engelberth, Friedel Weise-Ney, Amir Shaheen, Danyal Nacarli, Giulano Spagnolo, Sandra Hlawatsch, Marita Tank, Christoph Danne, Safiye Can

Elif Verlag (Hg.)
“Mein wilder Kampf gegen die Angst”
Elif
92 Seiten · 14,95 Euro
ISBN:
978-3-9816147-4-9

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