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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
Kritik

"Hinter den sieben Bergen"

Die Wirklichkeit der Märchen
Hamburg

"Wie im Märchen", sagt man, meint damit häufig etwas Wunderbares und vergisst dabei das Verstörende, das fast immer im Rätselreichtum seiner mannigfaltigen Handlungsstränge mitschwingt. Märchen leben und sind wie alles Lebendige vieldeutig, nur schwer auf einen einzigen Nenner zu bringen. Wo immer auch ein Märchenmotiv auftaucht, beginnt es zu wirken, und das mit durchaus unabsehbaren Folgen.

Gerade aber weil man auf ihre Bedeutungsvielfalt nicht bauen kann und sie deshalb zu keiner Theorie des Lebens taugen, behaupten Märchen sich durch die Jahrhunderte, gerinnen zu Bildern, verdichten sich zu Gedanken und tauchen in immer neuen Gestalten und Zusammenhängen wieder auf.

"Kinder brauchen Märchen" lautet der Titel von Bruno Bettelheims berühmter Studie über die tiefenpsychologische Dimension der Märchen. Doch nicht nur Kinder sind ihrer bedürftig. Auch Erwachsene brauchen Märchen "wie Brot", um es in Anlehnung an ein berühmtes Wort von Ingeborg Bachmann zu sagen.

In der hoffnungslos ausgeleuchteten Welt der Gegenwart sind es gerade die alten Mythen und Märchen, die den Blick hinter die bunte Oberfläche dessen eröffnen, was den Menschen der westlichen Industriegesellschaften zum tödlichen Zeitvertreib aufgedrängt wird, auf dass sie sich selbst vergessen mögen.

In Elke Engelhards poetischer Reise nach Märchenland "Bis der Schnee Gewicht hat" variiert die Autorin Motive bekannter Märchen der Brüder Grimm, indem sie den Figuren ‒ Schneewittchen, Rapunzel, Rotkäppchen, Hänsel und Gretel ‒ eine Stimme verleiht und sie in neue, überraschende Beziehungen zueinander setzt. So erweitert sie das Spektrum ihrer Bedeutungen und lädt den Leser dazu ein, selbst in das Märchengeschehen einzutreten, sprich: Seine archetypischen Motive im eigenen Lebensvollzug zu erkennen, zu befragen und sich also auf unwegsames Gelände zu begeben.

Dabei geht Engelhardt keineswegs systematisch vor, sondern begibt sich, ganz wie es dem Wesen des Märchens entspricht, auf allerlei Um- und Irrwege:

Ich verirrte mich. Eine Geschichte zu erzählen, ist eine ständige Gefahr vom Weg abzukommen

..., heißt es dazu in ihrer Rotkäppchen-Variation, die in nuce das poetische Programm ihres Buches erhellt und deshalb nicht zufällig an seinem Ende steht. Um zu tieferen Einsichten zu gelangen, muss man sich in die Wälder begeben, wie die australischen Ureinwohner Pilgerreisen zu den heiligen Stätten ihres Kontinents unternahmen: im blinden Vertrauen auf die Weisheit und Güte der Natur. So kann man gewohnte Wege getrost verlassen.

Es ist gerade die Widerspenstigkeit gegen jede Form blinden Gehorsams ‒ und das in ihr wohnende Potential an Freiheit und Phantasie ‒ das Elke Engelhardts Märchen-Lektüren zu eindringlich-poetischen Reflexionen über existentielle Situationen des menschlichen Lebens macht. In ihrer zauberhaften Miniatur "Schneewittchen webt Leinen" sind es die Farben, die uns tiefer in Schneewittchens Seele blicken lassen als die Brüder Grimm es tun; in "Die Geschichte vom Wolf" die eigenwillige Stimme dessen, der verzweifelt nach einem Zeugen sucht:

Ich bin der Wolf der sechs Geißlein gefressen hat / damit das siebente eine Geschichte erzählen kann.

Dem immanenten Zwang zur Kohärenz enthoben, lehren uns die Märchen andere, aufregende und abgründige Qualitäten des Lebens: Abenteuer und funkelnden Widerspruch. Oder, um es mit Walt Whitman zu sagen:

Do I contradict myself? Very well, then I contradict myself, I am large, I contain multitudes.

Auf hintergründige Art und Weise erinnern uns Elke Engelhardts Märchen-Lektüren daran, dass wir auf dem Weg zu uns selbst ‒ als Unvernünftige, Fragende ‒ nicht vorbeikommen an Zwergen und Zauberern, Spindeln und Spiegeln. In ihnen und ihrem rätselhaften Treiben erkennen oder verfehlen wir unsere wunderbar-wandelbare menschliche Natur.

 

Elke Engelhardt
Bis der Schnee Gewicht hat
Märchenmotive
POP-Verlag
2015 · 192 Seiten · 14,50 Euro
ISBN:
978-3-86356-115-4

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