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Kritik

Märchenhafte Einsichten

Eine zweite Stimme zu Elke Engelhardt, "Bis der Schnee Gewicht hat"
Hamburg

Der Anfang waren die Märchen der Brüder Grimm und H.C. Andersens, die mir ... erzählt wurden

..., schreibt Elke Engelhardt im Klappentext ihres ersten Buchs mit dem poetischen Titel "Bis der Schnee Gewicht hat".

Später dieselben Märchen, diesmal mit mir als Erzählerin und Anne Sexton, die ... nach und nach immer mehr neue Fäden in meine Gedanken und in die alten Geschichten spann. So sind über die Jahre Gedichte und kurze Geschichten entstanden, die ihren Ursprung nicht verleugnen, sondern versuchen, diese Quelle zum Ausgangspunkt eines eigenen Wegs zu machen.

Den Beginn dieses Wegs, der durchaus steinig, uneben und daher schwierig gewesen ist, beschreibt Engelhardt in ihrem Gedicht  "Knusperhäuschen", das erstmals 2009 in der Literaturzeitschrift "Manuskripte" veröffentlicht wurde und für mich der Schlüsseltext ihres Debüts ist:

Ich habe mir so viel vorgestellt.
Damals,
als ich das Kratzen des Bleistifts
auf dem Papier
für eine Selbstverständlichkeit hielt.
Als ich glaubte,
Gedichte wachsen den Dichtern aus den Händen,

...

Es ist nicht so, dass mich niemand gewarnt hätte,

so Engelhardt in der letzten Strophe desselben Gedichts, doch:

Warum hätte ich nicht eintreten sollen?
Nichts hielt mich zurück.
Ich hatte ja nicht einmal mehr einen Glauben,
oder festen Boden unter meinen Füßen.

Im Klappentext führt Engelhardt dies noch einmal aus:

Da ist zunächst die Initiation in das Schreiben, die Verlockungen durch das Genuss versprechende Knusperhäuschen, aus dem es kein Zurück gibt, sobald man die Schwelle überschritten hat.

Das bedachtsame Umgehen mit Worten und den Schwingungen der Zwischenräume, ihre An- oder Abwesenheit und, wichtiger noch, ihre Haltbarkeit sind durchgehendes Thema dieses Buchs, fürs Schreiben oder Nichtschreiben, im Reden und Schweigen, bei richtigen, falschen oder fehlenden Fragen und Antworten und dem (Miss-)Verstehen zwischen Einfalt und flüchtigem Glück.

Gretel verirrt sich, weil sie

statt Kieselsteinen
eine Spur aus Worten gelegt hatte.
Aus Worten, mit denen ein paar alte Damen Scrabble spielten.

Dornröschen begeht einen Fehler und lässt sich nach dem erlösenden Prinzenkuss aus Sorge um ihren schwachen Kreislauf Zeit, und

als ich die Augen öffnete
sah ich nur noch den Staub

.., weil der Prinz sich auf seinem Pferd schleunigst „aus dem Staub“ macht. Im Zyklus "Hänsel und Gretel Variationen“ findet Gretel einen Zettel ihres Hänsel:

Machs gut, stand darauf.
Darunter klebte ein Spiegel.

In der nächsten Strophe hören wir aus Hänsels Sicht etwas ganz anderes:

Ich hatte eine Schwester,
ich hatte sie lieb.
Ich wusste sie würde versagen,
sie aß die Buchstaben
ohne jemals über die Zwischenräume nachzudenken.

Daher ist es aus seiner Sicht nur konsequent, ihr einen Zettel dazulassen, als er geht, einen ohne Worte:

Darauf malte ich mich.

Auch der Schneewittchen-Geschichte ist neben einzelnen Gedichten ein eigener Zyklus gewidmet mit dem Titel "Hinter den sieben Bergen". Äußerst lustvoll spielt Engelhardt hier mit dem Mythos der wegen ihrer Schönheit verstoßenen Stieftochter, die von selbstlosen, arbeitsamen Zwergen aufgenommen wird, und dekonstruiert ihn. Auch das Spiegelmotiv findet sich in mehreren Variationen wieder.

Schneewittchens Geschichte verlief hinter den Spiegeln

..., heißt es in einem Gedicht. In einem anderen liegt die Schöne in ihrem Sarg, der von den selbstgefälligen Zwergen ins Freie gestellt wurde, und sie ist erfüllt von Wut, die hier etwas anderes ist als eine heftige Emotion, nämlich

ein Spiegel, durch den man hindurchsieht.

Und vielleicht ist hier auch der Sarg nicht gläsern, sondern ein Spiegelsarg, durch den jeder hindurchsehen und gleichzeitig sich selbst bespiegeln kann. Die Zwerge indes überlegen, wie sie jene Frau schnell loswerden können, die ihr ganzes Leben durcheinandergebracht hat.

Man leidet, man schweigt

..., kommentiert einer der Zwerge, während ein anderer, schon etwas tatkräftiger, überlegt:

Ich werde einen Spiegel besorgen und ihr raten, nicht hineinzusehen. Das weckt sie sicher auf.

Und ein dritter hätte das viele Geld statt für den Schneewittchensarg lieber für eine neue Zipfelmütze ausgegeben. Die böse Stiefmutter wird in einem Gedicht zur alten

Frau mit spiegelnder Stimme.

Im Prosatext "Schneewittchen webt Leinen" wird das bekannte Märchen noch weiter zerlegt und aus Bruchstücken voll Fantasie neu gefügt. Die Mutter ist arm, stirbt bei der Geburt und hinterlässt einen Wechselbalg, eine Waise, deren Vater kein König ist, sondern ein Leinenweber, der bloß nebenbei das Kind zeugte, das er vergaß, noch bevor er es sah, ein Mann,

der keinen Spiegel hatte, und keine Bedeutung.

Und in einer weiteren Variation schließlich der Blick in eine andere Zukunft:

... und der Mutter fielen die Haare aus. Sie sah sich im Spiegel und hinter dem Spiegel stand Schneewittchen, in ihren Zügen die Armut, aber über allem lag die Schönheit. Die Verachtung im Blick.

Auch das Märchen von Rotkäppchen wird von Engelhardt in mehreren Gedichten verwandelt, Rollenverhalten verändert und uminterpretiert. Und jene Geschichte um Frau Holle ist in Engelhardts Version eine heutige geworden. Der Wolf eines anderen Märchens wiederum ist egozentrisch und publicitygeil, deshalb frisst er nur sechs junge Ziegen,

das siebte Geißlein lasse ich leben
damit es meine Geschichte erzählt

..., eine heutige, vielleicht auf Facebook?

"Was wäre wenn ...", könnte als Überschrift über vielen Texten stehen. Zum Beispiel, wenn der Frosch die goldene Kugel schluckte und nicht der schönen Königstochter zurückgäbe? Oder wenn Schneewittchen und Rotkäppchen aus ihren Märchen entkämen und sich begegneten, oder wenn Rapunzel und Hans im Glück aufeinander träfen? Engelhardt spielt einige dieser Varianten durch, voll Fantasie und Einfallsreichtum, ernst und mit tiefgründigem Humor. Das Streifen durch die Texte des Buchs ist pures Lesevergnügen und Entdeckungsreise in Einem. Immer wieder stößt man auf Anspielungen und Zitate. Die bekannten Märchen der Gebrüder Grimm und H. C. Andersens sowie Anne Sexton hat die Autorin als Inspiration selbst genannt. Doch man findet auch Zitate aus bekannten Liedern, Kinderliedern zumeist, der Bibel, und anderen Quellen. Ingeborg Bachmann möchte ich hier explizit erwähnen. In Engelhardts Gedicht "Es war einmal", einer Variation des Froschkönigs, lesen wir:

Als er noch Prinz war
hieß er Hans
Aber das hat nichts zu sagen
so hießen viele damals ...

In Bachmanns Erzählung "Undine geht" heißt es: "Ihr Ungeheuer mit Namen Hans! ... Ja, diese Logik habe ich gelernt, dass einer Hans heißen muss, dass ihr alle so heißt, einer wie der andere, aber doch nur einer ..."

Bei Engelhardt suchen die Zwerge vergeblich nach jenem Hans im Glück, der ihr Schneewittchen wieder zum Leben erweckt, doch sie finden nur einen zufriedenen Hans, der in seiner Einfalt als Erlöser nicht taugt. Und ein anderer Hans, nämlich Hänschen klein, wandert in die Welt hinaus auf der Suche nach Glück und bringt nichts außer einer Narbe und ein bisschen Erfahrung zurück.

Nur der Prinz der sich in einen Frosch verwandelt hatte
blieb sich treu
ein glibberiges Krötentier
dem die Augen aus dem unkengrünen Schädel quollen
weil er die Kugel verschluckt hatte
um die die Prinzessin Tag für Tag weinte

Elke Engelhardt
Bis der Schnee Gewicht hat
Märchenmotive
POP-Verlag
2015 · 192 Seiten · 14,50 Euro
ISBN:
978-3-86356-115-4

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