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Kritik

Beim Ausräumen der Gedichte

Elke Erb versammelt in „Sonnenklar“ Lyrik aus viereinhalb Jahrzehnten
Hamburg

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Man hat schon gar keine Lust mehr, eine Reise zu machen, außer zu Fuß oder mit dem Rad. Alles, was einen fortbringt, ist hässlich. Die Bahnhöfe, die Züge, von Flughäfen und Flugzeugen, Autos gar, Autobahnen und -Raststätten (wer rastet da?) zu schweigen. Ich möchte am liebsten gleich von der Haustür aus los, ins Freie. Nicht die Ansagen, das Gepiepe, die vor jeder Station ertönende Melodie, das Grau von Sitzen, Tischen, Boden, Wänden. Bahnsteige, Bänke, Lampen alles grau. Eine Welt ohne Farben, als wären wir schon tot.

Keinerlei Schönheit. Es rettet, sitzt man endlich im Zug, nur der Blick aus dem Fenster. Jetzt, im April, die Bäume wieder mit ersten grellgrünen Blättern, Blütenzapfen, weiß verwischt, bebende Trauben über schwarzen rissigen Stämmen. Manchmal nur die Silhouette grün, im Kern, zum Stamm hin, noch kahl. Struppige Vogelnester. Blütenmatten, gelb, weiß, blaulila. Funktionslos gewordene Bahnhofshäuschen, windschiefe Laternen zwischen Güterzuggleisen, geheimnisvolle Zeichen, rot-weiß-schwarz, schwarz-weiß, Weichenlampen, Schlusslichter.

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Elke Erb ist viel unterwegs in „Sonnenklar“, ihrem neuen Gedichtband, der Texte aus den letzten Jahren mit älteren, aus früheren Jahrzehnten mischt. Das lyrische Ich fährt S- und Regionalbahn, D-Zug, geht zu Fuß und durchquert Berlin auf dem Rad, es schaut aus dem Fenster, fertigt Reise-, Wahrnehmungsprotokolle, zitiert da die Reiselektüren hinein, Georg Forster, über das revolutionäre Paris.

Sonntag, 26. 4. Sonntag vor dem langen Maiwochenende, normaler Sonntag ohne weiteren Feiertag, ohne Ausflugszwang. Sitze in der Küche am Fenster, lese, Erb-Elemente um mich, Erb. Kanne mit Tee. Tickende Uhr. Grünende Kastanie mit bereits aufgesetzten, noch hölzern braunen Blütenständen. Leichter Wind. Zwischen den Blättern sichtbar die gelbe Hausrückwand des Seitenflügels, ein Stück grauer Himmel (der Morgen war sonnig, aber jetzt: Vorgewitterstimmung). Auf der Fensterbank: die hoch aufgeschossene Bohne mit ihren langen weißen Blütenblättern mit Augen, dunkel-violett-braun. Ich sehe schon die Bohnen. Daneben Tomatenpflanzen, die ersten schon mit gelben spitzen schnabelschnapperartigen Blüten. Eine Distel, trocknend. Nüsse in einer Schale. Zwei große flaschengrüne Vasen. Der Wasserkrug zum Gießen, auf einem Flohmarkt in Paris gekauft. Auf dem Ast der Kastanie, der auf das Fenster zuläuft, eine Taube, sich putzend. Zigaretten. Feuerzeug. Bücher. Alte Feuilletons. Der Tisch steht längs zum Fenster, das wie das Fenster im Sommerhaus meiner Kindheit ist, altes Holz, abblätternde weiße Farbe, morsche Wasserschenkel. Die Illusion hier drinnen perfekt, draußen wäre der Garten, und ich könnte gleich, durchs Fenster, aus dem Haus heraus und in die Wiesen gehen.

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Erinnerung ist Leiberinnerung. „… in den Fußgelenken und Zehen, auch am Schlüsselbein seitlich unter dem Knie.“ Die Sinne produzieren Phantomempfindungen. Jetzt ist gestern, Kindheit. Bei Erb steckt das Kind in jeder Zelle, ganz unkindlich ist ihr das klar. Schreibt sie das auf. Kindheit ist Leben. Lebendigsein. Das Kind, das sie war, das, immer noch, in ihr ist, schenkt der Erwachsenen Gegenwart. Aufmerksamkeit, Gewahrwerden. Ausdruck. Freude.

Erfreute Freude. Denn es ist Freude, die von sich weiß. „Ich bin heut’ so vergnügt“, trällert das  Kind. Aber es denkt nicht darüber nach, warum. Es denkt nicht daran, dass es schon morgen, in einer Stunde anders sein wird. Das Trällern gehört zum Vergnügtsein dazu, ist selbstvergessener Nonsense (wie jede Freude). Die Erwachsene trällert auch, aber belauscht sich dabei, „(Freut sich erfreut)“, ist weder Kind noch Erwachsene, ist „nicht, die sitzt und liest, / eine ganz andere Person // ist das, die sich da freut, sehr / andere Person // (am Herzen)“,  schreibt das auf – als wer? Noch die andere Person? Die Erwachsene, die sitzt und liest?

Weder noch.

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Schreib du
selbst, lass dich
nicht ziehen nur
den vorgesetzten Weg

ja, verflucht, und schreib jetzt keine Rezension à la Erb!

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Kühle. Mittagskühle. Auch das gibt es. Der Morgen war sonnig. Hell. Ich war laufen. Jetzt schöne nachmittägliche Verdunkelung. Andere Stimmung. Lebendiges, bedrohliches, etwas Herannahendes (Wind, Regen, Gewitter) ankündigendes Licht, bedrückend, zugleich erregend, belebend. Ich stehe auf, schließe eins der Fenster, verrichte eine der Zwischendurcharbeiten, die das Schreiben, nicht das Denken unterbrechen, das Denken, im Gegenteil, voranbringen, ziehe einen Pullover an, einen Arbeitspullover (zu groß, ausgeleierte Bündchen), setze mich wieder an den Tisch, immer noch barfuß, ich muss barfuß schreiben, den Winter austreiben, denke, etwas ist anders in diesem Band „Sonnenklar“ als beim „Hündle …“, gehe zum Regal, hole das ältere Bändchen (erfreue mich wieder am Regal wie stets in den letzten Wochen, der Büchergriff jetzt so einfach, seitdem sie nicht mehr gestapelt am Boden die Wände hinauf, sondern nebeneinander, Rücken an Rücken, unbändige Arbeitsfreude, Nachschlagelust).

Die Dinge in den erregenden Verhältnissen,

das sind die Worte.

Ich habe den Verhältnissen gekündigt,

sie waren falsch,

nur deshalb waren sie erregend.

Wieder ergriffen vom Auftakttext im „Hündle …“

Dann: Skepsis.
Sind Worte Dinge? Können Worte je Dinge sein, egal, in welchen Verhältnissen?
Satzumbau: Die Worte sind die Dinge in den erregenden Verhältnissen. In den erregenden Verhältnissen sind die Dinge die Worte. Die Dinge in den erregenden Verhältnissen sind die Worte.
Mein Vorbehalt gegen die Lyrik, wieder mal: Rhythmus, Metrum, Reim lulln das Denken ein. Das auch das Problem bei Rilke.

Und hier, im neuen Band, bei Erb, bisschen zu viel Gelull. (Höre meinen Onkel sagen, „ein bisschen“, das sei verräterisch, nämlich eigentlich Abmilderung, Versteckspiel.) Also, noch mal, auch wenn’s ein bisschen arg schwerfällt: In dem neuen, dickeren Band finde ich zu viel Gelull. Wortspiel, das klingelt, ohne zu klingen, zum Klingen zu bringen, die eigenen Gedanken, die der Leser, Träume zu wecken, aus dem Geträume zu schrecken, sich selbst, die Leser, mich.

Elke Erb
Sonnenklar
Engeler Verlag
2015 · 96 Seiten · 9,00 Euro

Fixpoetry 2015
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