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Kritik

Vom Salzgeschmack der Liebe

Ein Band mit Dichtungen von Elke Laznia
Hamburg

Die Liebe ist das Salz des Lebens. Manche Menschen brauchen Unmengen davon, um ihr Dasein wirklich genießen zu können, anderen genügt schon eine winzige Prise. Was für den einen noch keinerlei Geschmack hat, ist für den anderen bereits vollkommen versalzen.

Um die Liebe und ihre Aromen geht es auch im zweiten Buch Elke Laznias. In ihrem Debut Kindheitswald schon bewies die Salzburger Autorin ihren ausgeprägten Geschmackssinn für das Poetische, selbst in den Prosastücken, die eigentlich polemisch, also eher deftig angelegt waren. In Salzgehalt nun verfeinert sie ihre Sprache weiter, tischt uns zunächst Texte auf, die zumeist in drei- oder vierzeilige Strophen gegliedert sind. Die Frage, ob es sich dabei um Gedichte handelt oder nicht, beantwortet der Verlag eigentlich bereits auf dem Umschlag: Dort wird Salzgehalt ganz einfach mit „Dichtungen“ untertitelt. Zweifellos haben fast alle Texte dieses Bandes jenen intensiven Eigengeschmack, der die Dichtung von der Prosa scheidet. Dennoch werden die Gourmets unter den Lesern nicht umhin können, sich gelegentlich über die Kombination der sprachlichen Zutaten zu wundern: In wir ziehen heillos heißt es zum Beispiel zunächst:

„Wir ziehen heillos auf den Leib
geschneiderte Missverständnisse an
suchen Menschen, die uns ausbaden oder
die ersetzen was uns andere nicht sind“

In der zweiten Strophe hingegen verliert die Sprache an Aroma:

„Ich weiß mehr über sie als du über mich
um nicht auf den Punkt zu kommen
der beinhart alles konfigurierte beschlösse
wir können nicht neu beginnen (musst du wissen)“

Dieser bittere Beigeschmack, dieses Wissen darum, dass es unmöglich ist, neu zu beginnen, ist auch in vielen anderen Texten zu finden. Die anfangs oft so opulente Süße des Verliebtseins, dessen Ekstasen und sinnliche Entrückungen haben keinen Platz in diesem Buch. Immer, selbst dann noch, wenn ein Paar „mit geflochtenen Fingern“ durch die Nacht geht, als hätte es „nie etwas anderes getan“, bleibt das Ende voraussehbar. Das lyrische Ich dieses Bandes wird sich selber fremd am Anderen. Manchmal auch ist nicht mehr genau zu unterscheiden, ob, wenn die Autorin die zweite Person gewählt hat, wirklich ein Gegenüber gemeint ist oder das Ich, das mit Abstand zu sich selber spricht. Unablässig pulsen Anziehung und Abstoßung dynamisch in Lazinas Sprache, geht es um Nähe und gleich wieder um Distanz.

Die oben erwähnten strophigen Texte nehmen das erste Drittel des Buches ein. Im zweiten Drittel wird die Sprache dann unversehens liquide. Die Sätze fließen in schöner Bewegung ganz ohne Punkt und Komma dahin, vor allem in dem Abschnitt die getrocknete Abschrift, für den die Autorin im letzten Jahr zu Recht den Georg-Trakl-Förderungspreis erhalten hat. Hier geht es um eine spezielle Form der Liebe, um die Liebe zwischen Bruder und Schwester nämlich. Nicht mehr als dreißig bis fünfzig Wörter zählen die einzelnen Textblöcke, und doch gelingt es Laznia anzudeuten, was früher, zu Kinderzeiten der Geschwister, geschehen ist. Da geistert die Mutter als „mageres Nachtgespenst“ durch den Text, Schneerosen blühen leitmotivisch auf, und immer wieder ist das Schweigen zwischen Schwester und Bruder ein Thema:

„du wolltest mit mir essen und trinken an unseren Lippen lächelte der Wein wir wollten einander aufheben Zeit schinden ohne Erinnern uns belügen verbrüdern gegen die alten Geschichten“

Der dritte Abschnitt von salzgehalt kennt Punkte, kennt Kommas, ist aber kaum weniger dicht geraten. Hier finden sich sogenannte Medikationen, zu lesen morgens, mittags, abends, und tatsächlich sprechen diese drei Seiten von so etwas wie Heilung durch die bedingungslose Liebe einer Mutter zu ihren Kindern. Hier gibt es dann doch noch „die Umarmungen und die Küsse unter die Ohren und noch ein Lächeln oder eine Träne“, also all jene Dinge, die nicht erdacht, ergrübelt werden müssen, weil sie ganz einfach geschehen – aus einer Liebe heraus, die maximal den Salzgehalt von Tränen kennt.

Elke Laznia
Salzgehalt. Dichtungen
Mit Zeichnungen von Ludwig Hartinger
Müry Salzmann
2017 · 88 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-99014-146-5

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