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Kritik

Zeit und Geschichte und Wilnaer Identität

Hamburg

Der vorliegende Band bündelt die Beiträge einer Tagung über Vilnius als Ort "jüdischer Topographie zwischen Mythos und Moderne", welche 2014 stattfand, in Erinnerung an die Vernichtung des Wilnaer Ghettos siebzig Jahre zuvor (wobei übrigens sofort auffällt, dass es uns über Gebühr erschwert wird, die Zeitangaben zur Tagung in den Vorworten korrekt zu deuten – erst das Nachwort der Herausgeber ist eindeutig und unkompliziert). Dem Untertitel gemäß gibt es zwei Arten, sich das Buch zu erschließen, wobei die Formulierung "Mythos und Moderne" ein wenig erzwungen erscheint. "… zwischen Tagespolitik und Geschichtsschreibung" trifft den Kern der Sache eventuell eher.

Lesen wir "Vilne Wilna Wilno Vilnius" als Einführung, als Lesebuch zu einem Thema, über das wir (nachgeborene Banausen, die die meisten von uns sind) wahrscheinlich vordem keine Ahnung gehabt haben werden – nämlich über das jüdische Vilnius in Historie und Gegenwart, über Vilinus als zentralen Ort jüdischer und jiddischer Identität und intellektueller Tradition, schließlich über die real- und sozialgeschichtlichen Korrelate dieser Identität und Tradition – dann werden wir bestens bedient. Wir erfahren allerhand über die unterschiedlichen Stränge polnischer, litauischer, russischer, deutscher und eben vor allem aschkenasischer Geschichte, die sich – siehe Untertitel – in der Topographie und der Geschichte der Stadt Vilnius abbilden lässt.

Von besonderem Interesse ist (für mich) in diesem Zusammenhang, wie die Geschichte des "Jerusalem[s] des Ostens" auf uns kommt; wer diese Geschichte(n) schrieb und wer sie kompliliert(e). Das Buch breitet plastisch und plausibel verschiedene Versionen jüdischen Lebens in Vilnius vor mir aus, inklusive der Anfechtungen durch "christlichen" oder "deutschen", "russischen" oder "polnischen" Antisemitismus, Anfechtungen, die im Detail unterschiedlich (und von unterschiedlicher, aber nicht abzuweisender Bedrohlichkeit) gewesen sein mögen, die sich aber wie ein roter Faden durch die Geschichte der Stadt und ihrer Bevölkerung ziehen. Wie sieht das aus, wenn eine Gruppe, die durch ihre Geschichte hin allen anderen Bevölkerungsgruppen hauptsächlich als Folie des "Anderen" dienen musste, über deren Zurückweisung ein je "Eigenes" erst  konstruiert werden kann – wenn so eine Gruppe sich ein "Eigenes" errichtet?  Nicht nur bietet "Vilne Wilna Wilno Vilnius", wenn ich den Band auf diese Weise lese, ein paar Antworten auf solche Frage – er verwendet auch relativ viel Raum darauf, nachzuzeichnen, wie gerade in Vilnius innerjüdische Diskurse über die Richtigkeit dieser ganzen Fragestellung geführt werden konnten – wie Vilnius als intellektuelles Zentrum des jiddischsprachigen Judentums auch ein Zentrum der Auseinandersetzungen von Assimilation versus Tradition versus jüdischer Aufklärung wurde, von (Proto-)Zionismus versus Bund-Bewegung … und in welcher Beziehung diese innerjüdischen Kämpfe um die möglichen Selbstverständnisse einer bedeutenden Bevölkerungsgruppe zu den mehreren relevanten Nationalismen rundum standen. Der Zerstörung des Ghettos und der Frage nach der Dis-/Kontinuität jüdischer, litauischer, Wilnaer Identität in der Zeit nach dem Weltkrieg und der Schoa wird genug Platz eingeräumt, dass wir als Leser nicht auf die Idee kommen, das Ganze als verwegene intellektuelle Nischengeschichte zu lesen, die uns eh nichts angeht.

Es ist nun in diesem Zusammenhang, dass sich uns eine zweite Lesart des Bandes anbietet – und die ist ungleich problematischer als die erste. Angesichts eines akademischen Sammelbandes mit Texten zur historischen Bevölkerung der Hauptstadt einer noch jungen europäischen Nation, der dann auch noch eröffnet wird durch Grußworte eines leitenden Funktionärs der Konrad-Adenauer-Stiftung, und dessen ausführlicheres Geleitwort von niemandem Geringeren stammt als von Emanuelis Zingeris, einem der Erstunterzeichner der Prager Deklaration – angesichts also einer solchen Kombination können wir nicht ganz umhin, Diskurse zeitgenössischer nationaler Identitäten zwischen den Zeilen mitzulesen.

Wir müssen noch nicht einmal präsent haben, dass diese Prager Deklaration einen zentralen Bestandteil der Bestrebungen darstellt, die "Totalitarismustheorie" als offizielle Doktrin der EU zu verankern, nach der Faschismus und Kommunismus sinngemäß ca. das gleiche sind, und nach der jeder Versuch verfehlt ist, etwas Besseres als möglichst nationalstaatliche, möglichst "freie" Marktwirtschaft haben zu wollen (was in der Praxis z.B. darauf hinausläuft, dass in Deutschland der Etat zur Instandhaltung der KZ-Gedenkstätten schrumpft, weil DDR-Gedenkstätten wie die in Bautzen aus demselben Topf betrieben werden) …

… Wir müssen das nicht präsent haben, aber wenn wir den Gegenwartsbezug, der in dem schieren Umstand der Veröffentlichung sichtbar wird, nicht aktiv ausblenden, ist die Gewichtung des Buchs auf die Frage danach erkennbar, was "authentisch-aschkenasisch" wäre, das Schielen auf mögliche Bausteine einer litauischen oder litauisch-jüdischen Identität in Abgrenzung zu polnischen, russischen, deutschen Nationaldiskursen erkennbar. Man kann nicht behaupten, hier würde innerhalb der Arbeiten irgendetwas schöngeredet oder zurechtgebogen. Aber wenn wir im Vorwort des erwähnten Abgeordneten E. Zingeris lesen –

…führe ich Verhandlungen mit führenden Politikern Deutschlands über ein Denkmal der jiddischen Kultur, als Teil der deutschen Kultur, in Berlin.

– dann sollte uns ein Blick auf das Holocaustmahnmal in Berlin und auf die fröhlich darauf herumtollenden deutschen Nachgeborenen reichen, um die Sinnlosigkeit eines solchen Vorhabens zu erkennen; ausser natürlich, es ginge bloß darum, mittels historischer jüdischer Identitäten bestimmte nationalstaatliche Kontinuitäten und Bündnisse von heute besonders zu festigen.

Diese tagespolitischen Ober- bzw. Untertöne, so problematisch sie sind, ändern an der Plausibilität, Nützlichkeit und Anschaulichkeit der ersten erwähnten Lesart von "Vilne Wilna Wilno Vilnius" zum Glück nichts.

 

Mit Beiträgen von Christoph Dieckmann, Margret Heitmann, Elke-Vera Kotowski, Stephan Kummer, Mindaugas Kvietkauskas, Ruth Leiserowitz, Lara Lempert, Sarunas Liekis, Gertrud Pickhan, Julius H. Schoeps, Gudrun Schroeter, Sandra Studer, Irena Veisaite, Markas Zingeris.

Elke-Vera Kotowski (Hg.) · Julius H. Schoeps (Hg.)
Vilne – Wilna – Wilno – Vilnius · Eine jüdische Topografie zwischen Mythos und Moderne
18 Abbildungen, Klappenbroschur
Hentrich & Hentrich
2017 · 202 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-95565-204-3

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