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Kritik

Dante und die Raumfahrt

In „Keplers Dämon“ vereint Elmar Schenkel Imagination und Wissenschaft
Hamburg

Der Leipziger Anglist Elmar Schenkel hat sich über seine akademische Arbeit hinaus längst einen Namen als Essayist gemacht. Nun hat er ein Buch veröffentlicht, in dem es nicht nur um die Zusammenhänge von Literatur und Wissenschaft geht, sondern selbst die Grenzen zwischen akademischer Studie und literarischem Essay verwischt werden. Solche Bücher machen besonders Spaß, denn sie zeugen von einem ganzheitlichen Interesse an der Welt und davon, sie mit ganzheitlichen oder zumindest interdisziplinären Fragestellungen begreifen zu wollen. Dass Schenkel jedoch nicht zu einer lückenlosen Darstellung des gesamten Diskursfeldes kommen kann, muss dem Leser klar sein. Vielmehr setzt er spotlights auf ausgesuchte Episoden der seit der Antike bestehenden Wechselbeziehung zwischen literarischen Werken und technischen Entwicklungen. Und er erzählt von den Träumen derjenigen, die an dem einen, an dem anderen oder gar an beidem feilten ... wie etwa Johannes Kepler, sozusagen der Titelheld dieser Essaysammlung. „

Kepler beschrieb 1609 einen Traum über die Reise zum Mond. Diese Traumgeschichte besprenkelte er über die nächsten Jahre hin mit vielen Fußnoten wissenschaftlicher, autobiographischer und verspielter Art. Man könnte diesen Text als das erste Werk der Science-Fiction bezeichnen, denn hier wird erstmals eine fast mittelalterliche Traumvision mit der neuen kopernikanischen Wissenschaft verbunden.

Ausgehend von diesem frühneuzeitlichen Fall künstlerisch-wissenschaftlicher Verflechtungen unternimmt Schenkel „Expeditionen“ von Dante und Galilei über Edison und Tesla bis hin zu Jules Verne, Douglas Adams und selbstverständlich Stanisław Lem. Dabei sind nicht nur die literarischen Visionen interessant, die der Wissenschaft schon früh manchen Anstoß zum Weiterdenken gaben, wie eben jene von der Reise zum Mond, sondern auch die umgekehrten Wege, wie etwa Galileis Anmerkungen zur Dichtung von Tasso und Ariost. Tasso sei „manieristisch-verstiegen“, Ariost daher vorzuziehen. Schenkel weist in diesem Zusammenhang auf Galileis Ideal „einer wissenschaftlichen Sprache hin, die einfach, klar und anschaulich sein soll.“ Ein Ideal, dem Schenkel folgt. Von akademisch-exklusivem Vokabular hält er sich fern, um den Leser unterhaltsam und dennoch immer fundiert in die großen Ideengebäude seiner Essays zu führen.

Bemerkenswert gelingt das vor allem in einem Kapitel, in dem Schenkel mithilfe des Schweizer Physikers Bruno Binggeli den weiten Bogen von Dantes Commedia zur modernen Kosmologie schlägt.

Demnach ist erst die moderne Kosmologie, die von einem Urknall ausgeht, in der Lage, Dantes Komödie zu verstehen. Der Big Bang ist bei Dante das primum mobile, das erste Bewegende, das die Spähren in Bewegung hält. [...] So wie Dante (mit Hilfe von Beatrice) das Licht beschreibt, das in die Welt dringt, so können wir uns den Urknall als ebendes [sic] Lichtes im Universum vorstellen. Die Spähren den Engel, die sich zwischen der göttlichen und planetarischen Welt erstrecken, wären vergleichbar mit der sogenannten Phasenumwandlung der kosmischen Grundlagen nach der ersten Millionstelsekunde. Es ist die Zeit, in der seltsame Eigenschaften entstehen, ohne die unser Universum nicht zu denken wäre.

Dass Schenkel nicht die Grenzen der Literaturen und Wissenschaften überschreitet, sondern auch die der Epochen, macht Keplers Dämon zu einem Panorama menschlichen Ideenreichtums. Dass Schenkel darüber hinaus immer wieder auf gegenwärtige Zusammenhänge zu sprechen kommt, hebt seine Essays aus der Kategorie bloß historischer Studien heraus, hin zu so etwas wie einer „angewandten Geisteswissenschaft“. So mag sich der Leser vielleicht fragen, was das alles mit ihm zu tun hat. Die Antwort bekommt er spätestens dann, wenn Schenkel vom „Geist in der Maschine“, E.T.A. Hoffmann, Edgar Allan Poe und Wolfgang von Kempelens sogenanntem „Schachtürken“ schreibt und dabei die aktuellen Entwicklungen einer sich durch Robotik verändernden Gesellschaft mitdenkt.

Das Mechanische ist etwas Gemachtes, das wissen wir alle im rationalen Sinne, aber es ist ebenso eine Abspaltung, ein Fremdes, das aus uns hervorgegangen ist. An mechanischen Figuren werden wir uns selber fremd, wir erkennen, dass wir nicht ganz und nicht immer wir selbst sind, sondern auch etwas anderes sind, ferngesteuert und unfrei.

Elmar Schenkel
Keplers Dämon
Begegnungen zwischen Literatur, Traum und Wissenschaft
S. Fischer Verlage
2016 · 400 Seiten · 24,99 Euro
ISBN:
978-3-10-073567-6

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