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Kritik

Knappes Psychogramm

Hamburg

Alle lieben Berlin. Alle finden Berlin wahnsinnig spannend. Alle wollen wissen, was in Berlin los ist. Oder los war. Zumindest jedoch geben Bücher über Berlin ein tolles Geschenk ab, sie sind so schön unpersönlich einerseits und könnten doch den Geschmack der beschenkten Person treffen. Denn schließlich gibt es von so vielen Autorinnen und Autoren so viele Bücher mit Berliner Anekdoten, literarischen Stadtspaziergängen zwischen Zehlendorf und Marzahn, Berliner Porträts (was auch immer die von Buxtehuder oder Castrop-Rauxler Porträts unterscheiden sollten) und Berliner Skizzen und überhaupt Berliner Sonstwas, dass sich immer das richtige und unverfängliche Geschenk finden lässt, aus jeder Epoche, jeder Strömung, jeder noch so abseitigen Nische. Und ist nun für potenzielle Else Laser-Schüler-affine Bekannte »Die kreisende Weltfabrik. Berliner Ansichten und Porträts« vorzumerken? Oder liefert die Sammlung ob ihrer wissenschaftlichen Gründlichkeit vielleicht sogar neue Erkenntnisse selbst für eine geschulte Leserschaft?

»Ich schreibe so selten über Bücher oder Städte, durch die ich spaziere und die mich einladen zu bleiben«, notierte die Betroffene selbst einmal und erklärt damit immerhin, wieso dieser neueste Sammelband lediglich 70 Seiten – nur knapp mehr als die Hälfte der Gesamtanzahl – versammelt, die aus Lasker-Schülers Feder stammen. Beinahe selbstentlarvend seitens der Herausgeberin, die Bemerkung überhaupt aufzunehmen. Ja, nach einem Blick auf die hier versammelten Texte geurteilt scheint Lasker-Schüler tatsächlich herzlich wenig über die sie umgebende Stadt geschrieben zu haben. Aber mit etwas Kulanz kann man ein knappes Statement der Autorin zum Thema Abtreibung ebenso wie einige andere irrelevante Schriftstücke auch gern als genuinen Berliner Text verkaufen. Schließlich sie die Zeilen doch sicherlich an Ort und Stelle verfasst. Nämlich dort, wo sie sowieso gut 40 Jahre lebte. Nach der Logik jedoch wäre aber so gut wie jeder Text eine Berliner Ansicht, jede Beschreibung eines flüchtigen Bekannten ein Berliner Porträt. Und wo bleibt eigentlich die Lyrik? Pardon, natürlich: Berliner Lyrik.

Das gut 30 (!) Seiten starke Nachwort von Herausgeberin Heidrun Loeper lässt in seinem Hang zur biografischen Überakribie offen, warum der eine oder andere Text überhaupt seinen Weg in dieses dünne Büchlein gefunden hat. Zwischen all den inhaltlichen Redundanzen, der Vielzahl an nebensächlichen Informationen (braucht es wirklich jede Hausnummer aus dem Leben Lasker-Schülers? Könnten es nicht stattdessen ein paar Gedanken zu ihrem Schreiben sein?) und zeitlichen Sprüngen, die Loeper in ihrer Abhandlung vollzieht, kristallisiert sich aber schlussendlich doch heraus, was den eigentlichen, wenngleich sehr bescheidenen Mehrwert von »Die kreisende Weltfabrik« ausmacht. Ob diese Texte nämlich nun in Berlin entstanden sind oder nicht, ob sie bekannte Orte und Institutionen (Ku’Damm, Café des Westens, all die Varietés und Cabarets) oder Prominenz (Gottfried Benn, Alfred Kerr, Karl Kraus) herbeizitieren ist nicht so frappierend wie etwas ganz anderes: Dass die teils mit brillantem Witz und scharfer Zunge vorgetragenen Alltagsszenen, die mit Pathos gesättigten Briefe und die fantasiereichen Skizzen nicht in erster Linie die Häuserfassaden abbilden, zwischen denen sie entstanden sein mögen, sondern den agilen Geist einer großen Schriftstellerin.

Dieser Sammelband sollte sich das Berlin-Label folglich keineswegs geben und wäre letztlich eine Enttäuschung für all jene, die sich ernsthaft mit Lasker-Schülers Zeit in Berlin und ihrem Schreiben dort auseinandersetzen möchten. »Die kreisende Weltfabrik« ist nicht mehr als ein knappes literarisches Psychogramm der Schriftstellerin, das sowohl auf ihr lyrisches Werk verzichtet und ihr Leben in Berlin zwar nach außen hin zu beleuchten meint, eigentlich aber nur als zeitliche Orientierungshilfe nutzt. Insofern höchstens ein passendes Geschenk für all diejenigen, die von Lasker-Schüler angefixt werden könnten und es noch nicht wissen. Für alle anderen? Neues gibt es hier kaum zu entdecken, weder über Berlin, noch über Lasker-Schüler, noch über Lasker-Schüler in Berlin.

Else Lasker-Schüler · Heidrun Loeper (Hg.)
Die kreisende Weltfabrik
Berliner Ansichten und Porträts
Nachwort: Heidrun Loeper
: Transit
2012 · 128 Seiten · 14,80 Euro
ISBN:
978-3-887472825

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