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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
Kritik

Schwarzbuch der Langeweile

Hamburg

Axel Kutsch hat am 16.12.2015 in seinem etwas reißerisch betitelten Kommentar „Zeit der Kettenhunde?“ in der Lyrikzeitung RezensentInnen von Lyrikanthologien mit Kettenhunden verglichen. Er bezog sich auf „einige in den vergangenen Wochen veröffentlichten Kritiken mit Vernichtungspotential“, die sich dem Jahrbuch der Lyrik 2015, das „regelrecht zerfleischt“ worden sei, der Anthologie „Lyrik von jetzt 3 Babelsprech“ sowie der Ausgabe „Götterspeise & Satansbraten“ der Zeitschrift „Das Gedicht“ widmeten. Kutsch, selbst Lyriker und verdienstvoller Herausgeber mehrerer Lyrik-Anthologien (Versnetze 1-8), bezichtigt die RezensentInnen, sie seien „von einer Wollust am Vernichten beflügelt“ gewesen, es werde „genüsslich das Negative ausgerollt“, „das vielleicht weniger Geglückte in den Mittelpunkt“ gerückt, während „den vielen gelungenen Gedichten bestenfalls eine Randnotiz“ gewidmet werde. Und, so Kutschs Fazit: „Seriöse Kritik, die auch das Negative nicht ausschließt, geht anders.“

Ich sehe mich daher genötigt, dieser Rezension, die meine subjektive Lesart widerspiegelt, eine Erklärung voranzustellen: Ich bin kein Kettenhund, bestimmt nicht nur ein Grund dafür, dass ich mir das „regelrechte Zerfleischen“ eines Buchs oder einzelner Gedichte nicht vorstellen kann und mag. Ein Schoßhündchen bin ich allerdings auch nicht. Ich halte fest: Mein „Genuss“ beim Rezensieren hält sich in Grenzen. Weder liegt mir am „Vernichten“, noch verspürte ich jemals „Wollust“ beim Formulieren von Buchbesprechungen oder war hierbei von irgendetwas beflügelt – aus mir wird kein Federvieh mehr. Wenn es schon eine Tiermetapher sein muss, dann bin ich, ja was eigentlich, am ehesten ein Schaf, das sorgsam die Buchweiden abgrast. Ein Schaf allerdings ohne Wolfspelz. So, nun steht es da. Und schon ist sie dahin, die Reputation, weil: Was mag man sich von einem Schaf schon erwarten, außer wärmender Wolle oder einen gut gewürzten Braten zwischen den Zähnen! Vielleicht doch lieber ein bisserl Kettenhund und dann knurrend und mit gefletschten Zähnen auf in den Kampf? Aber in welchen und gegen wen? Ich soll doch nur einem Buch gerecht werden und den daran beteiligten SchriftstellerInnen. Mir ist klar, hier kann ich nur verlieren, obwohl ich gewillt bin, das Gute im „Schwarzbuch der Lyrik“ nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden.

Die Idee zu diesem Buch entsprang der Kritik am Jahrbuch der Lyrik 2015. Eine kurze Zusammenfassung der Ausschreibung: Dem Vorwurf von Heike Kunert, Literaturredakteurin der „Zeit“, dass sich so gut wie kein politisches, zumindest gesellschaftskritisches Gedicht finden ließe, trat die Lyrikzeitung mit der Frage entgegen, ob die HerausgeberInnen des Jahrbuchs (Nora Gomringer, Christoph Buchwald) nicht evt. die politischen Gedichte herausgefiltert hätten, während NG in ihrem Nachwort vorsorglich betont, dass Dinge, die vielleicht vermisst würden, bei den über 7000 Einsendungen eben nicht zu finden gewesen wären. Und so erging der Aufruf an alle, die Gedichte zum Jahrbuch 2015 eingesandt hätten, aber nun nicht vertreten wären, man möge dem Redaktionsteam, bestehend aus Kai Pohl, Katja Horn, Kristin Schulz und Clemens Schittko, ebenjene Texte zusenden, denn: „Es könnte ja immerhin sein, dass wir einige von den Dingen finden, die andere natürlich vermissen.“

Ein spannender Ansatz, denn hier wird unterstellt, dass Wertvolles unter den Jahrbuch-Einsendungen gewesen wäre und nicht berücksichtigt wurde und dass es nur der Neugier und des detektivischen Spürsinns des Schatzsucherquartetts bedürfe, Gedichte nicht nur sicherzustellen, sondern sie gleich auch als Sammelbeweis zu publizieren. Ein Schwarzbuch der Lyrik 2016 also, voll mit Gedichten, die der Verheimlichung entwunden, geballte Relevanz, die dem Verschweigen abgerungen wurde. Doch es ist keine sportliche Auseinandersetzung, die geplant ist. Stattdessen wird aktionistisch ein Kriegsszenario aufgebaut: Subkommando. Fünfzigtausend Anschläge ... Ja, ich tippte schon mal auf Schreibmaschinen, doch heute kennen wir „Zeichen“ und mit der Zunahme an Terrorattacken hat ein Wort wie „Anschläge“ seine Unschuld verloren, wird nicht einfach mit der schriftstellerischen Arbeit in Verbindung gebracht werden können, sondern mit Willkür, Tod und Leid. Ein Wort wie „Zeichen“, das ebenfalls mehrdeutig ist, war den HerausgeberInnen wohl zu harmlos, während mit dem martialischen Begriff „Anschläge“ die Latte angesichts des Produkts doch deutlich zu hoch gehängt wurde.

Als Ergebnis des Aufrufs liegen 60 Gedichte vor, die in fünf Kapitel gruppiert wurden, die Überschriften aus dem Bereich der Musik tragen: heavy metal, rock’n’roll, doom shanties, blues und chansons, wobei die Zuordnungen nur zum Teil mit den Stilrichtungen der Musik zu tun haben. Vorangestellt ist als „präludium“ ein Remix der Gedichttitel des Jahrsbuchs der Lyrik 2015, ein Spiel mit angeeigneten Worten, als Ansatz interessant, über die Länge einer Quartseite doch eher belanglos. Auffallend, dass ein Fünftel der 60 Gedichte vom HerausgeberInnenteam stammt: 4 von Katja Horn, 3 von Kai Pohl, 3 von Clemens Schittko, 2 von Kristin Schulz. Das hat ein „G’schmäckle“ und der Verdacht steigt hoch, dass vier DichterInnen, die nicht im Jahrbuch 2015 vertreten sind, sich eine Plattform schafften, ein Verdacht, der schwer wiegt, den ich weder entkräften noch beweisen kann und der mich trotzdem nicht loslässt. Ein „Gschmäckle“, ja, das noch nichts über die Qualität der Gedichte dieses Teams sagt, aber bei der Lektüre präsent ist. Eine Art „Aufstand für Einwegprotestler“ (© Martin Piekar)? Oder, um es mit einer Zeile Klaus Pohls zu sagen: „der stil hemmt die kraft für den wurf“.

Nein, ich habe Axel Kutschs mahnende Worte nicht vergessen! Es gibt einige gelungene Gedichte, zum Beispiel das „Schellacksonett“ von Bertram Reinecke, im Kapitel „chansons“ zu finden:

Ich habe dir ein Angebot zu machen
Wir rufen uns die alten Zeiten wach
Als man noch frei und rein von Liebe sprach
Mußt dich nicht schämen, laß die andern lachen!
Komm sei schon stolz und spiel die alten Sachen
Spann dir im Bauch die Uhrwerkfeder straff
Wir gönnen uns noch einmal die Piaf.
Reiß gähnend auf den schwarzen Riesenrachen!
Schwing mich im Kreis mit deiner Zahnradzwille!
Leg deinen Messingarm, leg in die Rille
Den Finger mir – ich spiel dir das Chanson.
Nostalgisch wird das Zimmer zum Salon
- Raub meinem greisen Kinderherz die Stille -
Dann fliegt es knisternd durch den Raum davon ...

Gelungen auch das Gedicht „nachbarvaternaziland“ von Lilly Jäckl, das sich mit dem aktuellen Antisemitismus in Ungarn auseinandersetzt. Martin Piekars „AntIIII“ über Unruheschauplätze (Maidan, Kairo etc.) und Protesthaltungen. Oder Jannis Poptrandovs „FROM GÖRLI 2 AMERIKKKA“ über Fluchten und Ankommen.

Ich scheitere am Gedicht „PNÜNGSE örken“ von Ralf S. Werder:

der Pnöng kommt übern Pnörx
der Pnurf der hat den Pnufft
ein Pnall begellt das Pnampl
sui pnalümpt dahin Pnorken ...

Für mich ist es eine sinnfreie Aneinanderreihung von Worten. Die Entscheidung, ob es sich der Ausschreibung gemäß um ein politisches oder gesellschaftlich relevantes Gedicht handelt, ist müßig. Doch halte ich Unverständlichkeit per se nicht gern für ein derartiges Statement.

Axel Kutsch hat recht, wenn er schreibt: „In jeder Anthologie gibt es ein qualitatives Gefälle“. Ja, es gibt Perlen, die aus dem Schwarzbuch leuchten. Ich zähle dreizehn, knapp mehr als ein Fünftel. Und die anderen Gedichte dieser Sammlung? Zu viele muss ich unter die Rubrik „Mittelmaß“, manche auch unter „misslungen“ einordnen, sie sind weder inhaltlich noch in ihrer poetischen Umsetzung überzeugend, ihr Thema einmal zu groß, dann wieder zu klein, die sprachlichen Mittel dürftig, das Ergebnis leider erstaunlich schlicht. Hier als Beispiel das Gedicht „Krankenhaus“ von Alexander Krohn in seiner ganzen Länge, dem Kapitel „chansons“ zugeordnet:

Man pißt
in den Hals
einer Ente

und trinkt
aus dem Schnabel
einer Tasse.

Texte dieser Art gibt es einige und es würde mich interessieren, warum sie als „Gedicht“ ins Schwarzbuch der Lyrik Aufnahme fanden. Gab es zu wenig Auswahl? Relevanz ist ein heikles Wort. Aber Gedicht? Politisch? Oder gesellschaftskritisch?

Vielleicht ist es auch eine Frage der Anzahl. Niemals sind alle Beiträge einer Anthologie hochwertig, schwächere Beiträge sind überall zu finden, ob nun im Jahrbuch der Lyrik 2015 mit seinen 149 Gedichten oder den Versnetze-Sammlungen mit jeweils mehreren hundert. Bei nur 60, quasi handverlesenen Gedichten, die als Beweis für eine unverdiente Nichtberücksichtigung für das Jahrbuch der Lyrik 2015 publiziert werden, erwarte ich poetische Dichte, lyrisches Können oder zumindest Potential. Doch statt revolutionärem Furor macht sich Langweiligkeit breit, statt politischer/kritischer Aussage zu oft Gedankenlyrik und Nabelbeschau. Nein, geschwärzt müsste hier auch im Nachhinein von niemandem etwas werden. Schwarz sind für mich an diesem Schwarzbuch allein die Buchstaben und die schwarz gefärbten Seiten mit den Kapitelüberschriften.

Die Frage nach den Kriterien für die Auswahl steht im Raum. Nur für einige Gedichte lässt sich sagen, dass sie unbedingt ins Jahrbuch der Lyrik 2015 aufgenommen hätten werden sollen, eine Entscheidung, die trotz allem immer allein im Ermessen der HerausgeberInnen liegt. Bei zu vielen anderen Texten ist leider zu konstatieren: Es hat seine Gründe gehabt, warum sie für das Jahrbuch nicht in Betracht gezogen wurden, wenn, ja wenn diese Gedichte einst überhaupt als Angebot geschickt wurden. Denn ich bin in der Beurteilung natürlich auch von den Ausschreibungsbedingungen ausgegangen, die das HerausgeberInnenteam formulierte, und daher zwei Irrtümern aufgesessen:

Im interessanten Interview, das Kristian Kühn vorab mit Kai Pohl führte, das bereits bei signaturen zu lesen war und nun unter dem Titel „Subkommando Ergänzungsband“ im Schwarzbuch abgedruckt ist, distanziert sich Pohl von der eigenen Ausschreibung. Wir werden sicher nicht ausschließlich „politische Texte“ aussuchen, sagt er und führt weiter aus: Ein „Gegenbuch“ soll es nicht werden, eher ein Ergänzungsband, ein ernstgemeinter Scherz vielleicht. Aha. Ich sehe den ernst gemachten Scherz, nicht Fisch, nicht Fleisch, und nichts zum Lachen. Und wie aus dem entbehrlichen, seitenlang im „nachspiel“ abgedruckten Mailverkehr zwischen der Redaktion und den EinsenderInnen schlussendlich klar wird, war es fürs Mitmachen völlig unerheblich, wer was einsendete, weil ohnehin nicht mehr nachprüfbar war, wer ein Jahr zuvor tatsächlich Gedichte zum Jahrbuch der Lyrik 2015 geschickt hat. Einerlei also alles, Hauptsache ein Buch und ein bisschen Lärm. Was wohl Axel Kutsch über dieses Werk zu sagen wüsste?

 

Anmerkung der Redaktion:
Mit einer Titelgrafik von Joerg Waehner und einem Motto von Christine Sohn. Mit Klappentexten von Marina Büttner und Christoph Bruckner sowie einem Einbandzitat von André Hatting. Weitere Zitate von Theo Breuer, Peter Engel, David Hoffmann, Eric Ahrens, Herbert Hindringer, Lukas Palamar, Sofie Lichtenstein und Markus Prem. Grußworte von Hans Magnus Enzensberger, Cindy aus Marzahn, Marcel Reich-Ranicki, Michael Braun und Johann Wolfgang von Goethe. Gedichte von Gerd Adloff, Michael Arenz, Christoph Bruckner, Ann Cotten, Gerald Fiebig, Lütfiye Güzel, Jonis Hartmann, Katrin Heinau, Katja Horn, Lilly Jäckl, Angelika Janz, Alexander Krohn, Jan Kuhlbrodt, Gregor Kunz, Robert Mießner, Pega Mund, Niklas L. Niskate, Hermann Jan Ooster, Bert Papenfuß, Martin Piekar, Kai Pohl, Jannis Poptrandov, Bertram Reinecke, Clemens Schittko, Sigune Schnabel, Jürgen Schneider, Kristin Schulz, Christine Sohn, Michael Spyra, Lutz Steinbrück, Brigitte Struzyk, Su Tiqqun, HEL Toussaint, Tom de Toys, Joerg Waehner, A. J. Weigoni, Ralf S. Werder, Sebastian Wippermann. (Quelle: distillery)

Epidemie der Künste (Hg.)
Fünfzigtausend Anschläge
Schwarzbuch der Lyrik 2016
Redaktion: Katja Horn, Kai Pohl, Clemens Schittko, Kristin Schulz
distillery
2016 · 132 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-941330-40-5

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