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Kritik

Schlaglichter auf ein Generationendrama

Innerfamiliäre Verstrickungen über drei Generationen in einer Erzählung von Eric Giebel
Hamburg

Eric Giebels Prosadebut, in diesem Frühjahr im Ludwigsburger Pop-Verlag erschienen, nimmt eines jener literarischen Leitmotive auf, an denen sich Autoren zu allen Zeiten abgearbeitet haben: den Blick auf innerfamiliäre Verstrickungen.

Die Erzählung „Im roten Sand“ handelt von Vater-Sohn-Konflikten über drei Generationen hinweg: vom Großvater, Jahrgang 1915, als Soldat im zweiten Weltkrieg den eigenen Anteil an der Kollektivschuld wie auch seine persönliche zerfahrene Familiensituation verleugnend; vom Vater, Jahrgang 1940, dessen uneingestandene Homophilie erst spät zur Trennung von der Mutter führt; und schließlich von Sören, dem Sohn, geboren 1965, der sich als Alibikind fühlt und lange die Gründung einer eigenen Familie hinauszögert sowie seinem zwei Jahre älteren Bruder Jan, der sich schon früh allen gesellschaftlichen Konventionen widersetzt. Die Unfähigkeit, sich einander ehrlich mitzuteilen und statt dessen in überkommenen oder imaginierten Rollenbildern festzukleben, zementiert die Fremdheit zwischen den Generationen wie auch zwischen den Geschwistern. Vor allem Sören will sich jedoch nicht mit dieser Situation abfinden.

In Rückblicken, zumeist aus der Perspektive Sörens, wird die Familiengeschichte anhand einzelner Episoden nachgezeichnet und liefert ein anschauliches, gleichwohl mitunter verstörendes Bild der bundesdeutschen Familienwirklichkeit ab etwa 1970 bis in die Gegenwart. Eingestreut sind Erinnerungen des Großvaters, der bis zum Tod seine Positionen nicht aufzugeben vermag. Diese Kapitel sind bezeichnenderweise mit dem der Psychologie entlehnten Terminus „Übergriff“ betitelt. Daneben finden sich auch Einschübe, die als „Vater-Sohn-Schritte“ bezeichnet werden und jeweils den Versuch einer Annäherung der Generationen enthalten und eine personale Erzählperspektive einnehmen.

Sören, der zumindest bezüglich seiner biografischen Stationen einiges mit dem Autor Eric Giebel gemeinsam zu haben scheint (die Ausbildung zum Schreiner, das Architekturstudium und die Auslandsaufenthalte in Tansania und Honduras wären als Beispiele aufzuführen) versucht, inmitten all dieser Ereignisse, emotionalen Erbschaften und Eindrücke seinen Lebensweg zu finden. Als er schließlich mit vierzig, fünfzehn Jahre später als Vater und Großvater, den Mut findet und selbst eine Familie gründet, hat er es nicht leicht, die Fehler in der Vater-Sohn-Kommunikation zu vermeiden, die bislang seinen Erfahrungshorizont prägten. Die Wiederannäherung an seinen Bruder Jan, der inzwischen zu einigermaßen angepasster Bürgerlichkeit zurückgefunden hat und als IT-Spezialist im Ruhrgebiet arbeitet, führt dabei zur Erkenntnis auch seines eigenen Anteils am Scheitern der Familienbeziehungen, vor allem aber, dass es nie zu spät ist, mit den Lebenden und den Toten ins Reine zu kommen.

Manchmal versucht Sören, mit seinen Kindern zu lachen, in eine bodenlose Albernheit zu fallen, aber es tut ihm weh. 'Paps, du musst Geduld haben!', sagen Mette und Arvid. Sie zeigen ihm nochmals, wie man lacht. (S.96)

Mit diesen Sätzen endet das Buch und lässt den Leser mit einem bewusst offenen Schluss zurück.

Man kann die Erzählung „Im roten Sand“ zweifelsohne als berührend bezeichnen, weil es Giebel gelingt, der Leserschaft die Problemstellung wie die Protagonisten seiner Geschichte überzeugend nahezubringen. Auch die vermeintlichen Nebenfiguren wie Sörens und Jans Mutter sind liebevoll charakterisiert. Dennoch bleibt das ein oder andere Fragezeichen, vor allem, was die Abhandlung einer Familiengeschichte über mehrere Generationen und annähernd achtzig Jahre auf weniger als hundert Seiten angeht. Das wäre an sich kein Problem gewesen, wenn nicht der ganze chronologische Ablauf zur Sprache käme, der dann doch etwas mehr epische Breite erfordern würde.

Grundsätzlich ist es sehr positiv zu bewerten, wenn ein Autor (und auch sein Verleger) der Versuchung widersteht, eine Geschichte auf ein vermeintlich besser verkäufliches Maß aufzublähen und vorne „Roman“ drauf zu drucken; aber in diesem Fall wäre es nicht verkehrt gewesen, tatsächlich ein paar Worte mehr zu machen. So wird der Leser wie auf einer Achterbahnfahrt von einer in die nächste ausschnitthafte Situation katapultiert. Die „gelesene Geschwindigkeit“, die dadurch entsteht, befindet sich in einem seltsamen Missverhältnis zu den quälenden Verhältnissen, die beschrieben werden, und bei den eingeschobenen Reflexionen des Großvaters und den jeweiligen Vater-Sohn-Konstellationen wird oft erst nach und nach klar, wer nun eigentlich spricht.

Letztlich ist der Lektüregewinn besonders im Detail zu finden: die großen Augenblicke des Buches sind vor allem die, in denen Giebel ganz den geschilderten Momentaufnahmen vertraut, die prinzipiell viel mehr über die Konflikte und die Gestimmtheit der handelnden Personen sagen als die Interpretation der äußeren Ereignisse:

Ein Lokal mit einem Musikkasten, in den man Münzen einwerfen kann. Die Nostalgie aus dem Orchestrion. Die Waggons der Güterzüge, die die Kinder zählen. 28 Waggons, 44 Waggons. Der Bruder nimmt die linke, er die rechte Uferseite. Der Vater kommt nicht vor. Niederwerth, die reifen Kirschen, die Kiesel am Südufer, die Hochwassermarken an der Hausfront, der Schweinestall, die Aborttür im Hof, all das ist vaterlos. (S.27)

Das hat genau die poetische Dichte, die neugierig macht auf die weitere Entwicklung der Giebelschen Prosa. Dann muss auch das nächste Mal nicht unbedingt ein Roman dabei herauskommen.

Eric Giebel
Im roten Sand
POP-Verlag
2016 · 96 Seiten · 13,45 Euro
ISBN:
978-3-86356-127-7

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