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Komm! Ins Offene haus für poesie
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Kritik

Krieg!

Hamburg

Erich Mühsam ist ein Autor, dessen Gedichte, Pamphlete und Prosastücke mich eher unmerklich begleitet haben. Kaum jemanden traf ich, der sich offensiv auf ihn bezog. Dennoch kam es vor, dass sie an die Oberfläche drangen. Das einzige Mal, dass ich eine Mauer besprühte, war Anfang 1990 gewesen, die erste Euphorie des demokratischen Aufbruchs in der DDR war verpufft,  und in die Sprechchöre, die in Leipzig noch zu hören waren, mischten sich mehr und mehr nationalistische Töne, aus dem Ruf „Wir sind das Volk!“ war „Wir sind ein Volk“ geworden.

Also sprühten wir folgende Verse Mühsams an eine Mauer im Leipziger Musikviertel: „Dann fallen Grenzen, bricht die Macht/ und alle Welt ist Vaterland. Und alle Welt ist frei.“ Sie entstammten einem Gedicht aus der Sammlung Bürgergarten, und wir fanden darin unsere Utopien formuliert, wohl wissend, dass sie auf eine ferne postnationalistische Zukunft verweisen.

Gleichwohl hofften wir, dass diese Zukunft jetzt anbrechen würde. Wir, das waren in den frühen Morgenstunden eines Februartages, die auf eine Nacht folgten, die wir im Club  der Schauspielschule zugebracht hatten, ein palästinensischer, ein griechischer Kommilitone und ich. Wir hatten eine Gruppe gegründet: die LIB, Linke Internationale Bewegung, und diese Sprühaktion sollte unsere einzige bleiben.

Jetzt, zweiundzwanzig Jahre später, lese ich in den Tagebüchern Mühsams aus den Jahren 1912 bis 1914, die als Band 3 der Ausgabe im Verbrecher-Verlag erschienen sind. Diese Ausgabe ist eine publizistische Glanzleistung und ein politik-, literatur- und ein kulturgeschichtliches Ereignis. Und in diesem Band  wird deutlich, welche dramatische Bedeutung der Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf das europäische Geistesleben und auf die europäische Alltäglichkeit hatte. Der Bruch findet sich in Mühsams Tagebüchern eindringlich dokumentiert. Der in den Texten dokumentierte Vorkrieg endet mit einem Eintrag vom 21. November 1912, der nach den Freuden, aber auch Entbehrungen des Münchner Bohèmelebens noch sehr hoffnungsvoll klingt:

Ich habe mit Dr. Coßmann von den „Süddeutschen Monatsheften“ gesprochen, der sich bereit erklärt habe, von mir Beiträge zu bringen, sogar Lyrik. Ich werde ihm einiges schicken. - Jedenfalls nett von Wahl.

Sogar Lyrik!  Die Problemlage des Publizisten Mühsam Ende 1912 schien sich also nicht wesentlich von der eines Lyrikers heute zu unterscheiden. Immer drücken ihn Geldsorgen, und der wohlhabende Vater hält ihn kurz. Bei allem liefert der Text einen Einblick in das Leben der Münchner Bohème: man war immer auf der Suche nach Publikationsmöglichkeiten, Geldquellen, und erotischen Abenteuern, bildete  eine mehr oder weniger funktionierende Gemeinschaft aus Künstlern und Lebenskünstlern, führte Auseinandersetzung mit der Zensur und dem Konservativismus des deutschen Kaiserreiches, lebte letztlich eine antibürgerliche und vor allem antinationale Utopie.

Nach dem zitierten Eintrag allerdings brechen die Tagebücher unversehens ab.

Als Mühsam sie in der Nacht vom Dritten auf den Vierten August 1914 fortsetzt, finden wir uns unversehens am Anfang der größten Zerstörung, die Europa bis dato kannte. Das Land befindet sich im nationalen Taumel, und selbst die Sozialdemokraten hatten im Reichstag der Bewilligung von Kriegskrediten zugestimmt (bis auf den Abgeordneten Karl Liebknecht, aber davon schienen die nationalen Zeitungen nichts berichtet zu haben). Für den Pazifisten und Anarchisten Mühsam war diese Situation unerträglich und bedrohlich, zumal die Polizei Jagd machte auf jene Kräfte, die sich diesem Taumel entgegenstellten. Mühsam schreibt:

Und es ist Krieg. Alles Fürchterliche ist entfesselt. Seit einer Woche ist die Welt verwandelt. Seit 3 Tagen rasen die Götter. Wie furchtbar sind diese Zeiten! Wie schrecklich nah ist uns allen der Tod!

Selbst vor Schriftstellerkollegen machte der Taumel nicht halt.

Der George-Kreis soll von wildem Patriotismus ergriffen sein. - Das fehlt uns gerade noch, dass Unseresgleichen sich offen der Gegenpartei zuwenden. Ich sehe eine trübe Epoche voraus. 11.8.1914

Der Leser dieses Tagebuchs wird Zeuge, wie Europa zerfällt. Aber nach Hessels Pariser Romanze ist es dieser Tage der zweite Text, der mich an diesen europäischen Abgrund führt, der mich teilhaben ließ an der Zerstörung einer gelebten Utopie. Das Tröstliche aber ist, dass die Utopien, zu deren Zerstörung die nationalistische Wut sich anschickte, in den Texten überlebt haben. Und nicht zuletzt deshalb gebührt dem Verbrecherverlag dank, der dieses großartige Dokument zugänglich macht. Und zwar nicht nur als Buch. Sukzessive werden die Texte auch im Internet veröffentlicht. Allerdings ist es auch ein einmaliges Erlebnis, die in schwarzes Leinen gebundenen Bücher mit der roten Schrift in Händen zu halten. Besonderer Dank gilt natürlich den Herausgebern der Edition, Chris Hirte und Conrad Piens.

Mühsam ist 1878 geboren und zählte zu den ersten Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Er wurde am 10. Juli 1934 im Konzentrationslager Oranienburg ermordet. Seine Frau Zenzl Mühsam konnte sich und einige seiner Texte vor den Nazis zwar retten, verbrachte aber viele Jahre im sowjetischen GULAG. Der libertäre Gedanke, der die beiden angetrieben hatte und den sie auch lebten, war den totalitären Regimen des vergangenen Jahrhunderts gleichermaßen verhasst.

Erich Mühsam · Chris Hirte (Hg.) · Conrad Piens (Hg.)
Tagebücher
Band 3 1912 - 1914
Verbrecher
2012 · 432 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-940426796

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