Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
triedere ausgabe 18
x
triedere ausgabe 18
Kritik

Was wir verloren haben.

Zum Jahrestag der Ermordung Erich Mühsams durch …
Hamburg

Wer hat Mühsam ermordet? Ganz sicher die Wachen, die ihm in der Haft zugeteilt wurden. Was aber stand hinter dem Hass, der sie zu dieser Tat führte? Die Mörder waren Nationalsozialisten, Deutsche, in ihrem Hass geformt in der Weimarer Republik.

Noch heute macht das Wort Anarchismus die Menschen aggressiv. Sie verbinden damit Terror und Gewalt. Im Fall Mühsam aber wird mehr als deutlich, dass es nicht der Anarchist war, von dem Terror und Gewalt ausgingen.

Wie viel von dem Hass, an dem Mühsam starb, ist heute noch vorhanden?

Zenzl Mühsam schreibt in einem Brief:

Laut wahrhaftigem Bericht ist der Todestag von Erich 9. auf den 10. Juli. Der Rottenführer Eradt sagte am Montagmorgen zu Erich: „Wie lange gedenken Sie noch, auf der Erde herumzuwandeln?“ Hierauf Erich: „Noch sehr lange.“ Dann sagte  dieser Rottenführer Eradt: „Wir raten Ihnen, sich innerhalb von drei Tagen aufzuhängen, sonst helfen wir Ihnen nach.“ (Brief an Milly Wittkop und Rudolf Rocker)

Am 10. Juli 1934 wurde Erich Mühsam im Konzentrationslager Oranienburg ermordet. Er wurde erschlagen, und um den Mord zu vertuschen, wurde seine Leiche aufgehängt; es sollte nach Selbstmord aussehen. Diese Vertuschung erfolgte aber so dilettantisch, dass sofort ersichtlich war, wie es sich wirklich zutrug.

Die Mörder waren sich also sicher, dass die deutsche Justiz dieser Sache nicht auf den Grund gehen würde, dass ihnen keine Strafe droht. Und es ist wohl auch kein Wunder gewesen, dass Mühsam zu den Ersten gehörte, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, vereinte er doch so ziemlich alles, was den Hass des Nationalsozialistischen Pöbels auf sich zog: er war Jude, Bohemien, Anarchist und Pazifist. 

Aber woher kam der Hass auch der einfachen Uniformierten auf den pazifistischen Anarchisten? Mühsam wird während seiner Haftzeit fortwährend gequält. Dabei berichten Zeitgenossen, dass es sich bei ihm selbst um einen der friedlichsten und freundlichsten Menschen handelte. Vielleicht blitzte gerade in dieser Freundlichkeit die Gefahr auf, die sich aus der Verbindung von Anarchismus und Pazifismus ergibt. Die Gefahr, dass die technokratischen und kalten Strukturen der Gesellschaft sichtbar werden, was für die Träger dieser Gesellschaft schwer zum Aushalten ist. Vielleicht macht sie diese Konfrontation die Träger und Ausführenden in den Strukturen besonders aggressiv. Und es ist der Bote, der den Hass auf sich zieht, wenn er schlechte Nachricht überbringt.

Mühsam war schrecklich zugerichtet. Ich hatte es schwer, mein Entsetzen vor ihm zu verbergen. Er saß auf einem Stuhl, hatte keine Brille auf –, die Zähne waren ihm eingeschlagen, und sein Bart war von den Unmenschen so zugestutzt, dass der jüdische Typ zur Karikatur gewandelt war.
(Zenzl Mühsam: Erich Mühsams Leidensweg)

Das Jahr 1934 war beileibe nicht der Beginn der Auslöschung des deutschen Anarchismus, der unter anderen in Landauer, Mühsam, Toller oder Ret Marut seine Protagonisten hatte. Ausnahmslos sind sie ermordet und vertrieben worden. Marut taucht als Schriftsteller ohne Geschichte und Identität wieder auf und als B. Traven schreibt er wohl die besten Abenteuerromane, die je in deutscher Sprache geschrieben wurden.

In seinem Nachwort zum jüngst im Verbrecher Verlag erschienenen Erich Mühsam Lesebuch Das seid ihr Hunde Wert! schreibt Markus Liske, einer der Herausgeber:

Wer heute durch Mühsams Zeitschriften Kain und Fanal blättert, auch durch Karl Kraus Fackel oder Ret Maruts Ziegelbrenner, der steht verwundert vor den freien Geistern, die sich darin offenbaren, vor ihrer Selbstgewissheit im Querdenken, ihrer literarischen Formulierungskunst und der Unbestechlichkeit ihrer Überzeugungen gegen alle Widerstände.

Das Erich Mühsam Lesebuch verfolgt das Projekt einer künstlerisch und politischen Biografie. Es werden Texte in Auszügen kompiliert. Gedichte und theoretische Schriften, Pamphlete und Analysen. Zum Ende hin werden auch Texte von Zenzl Mühsam mit in das Lesebuch aufgenommen, die kurz nach Mühsams Ermordung über Prag in die Sowjetunion emigrierte, wo sie selbst in Lagerhaft genommen wurde. Ein kommunistischer Mitemigrant hatte sie denunziert. Letztlich aber ist es ihr gelungen, große Teile von Mühsams Werk zu retten. Allen voran das großartige Tagebuch, dessen vollständige Publikation letztlich den Blick auf den Autor erweitert.

Die Gedichte Erich Mühsams gehörten in den vergangenen Jahrzehnten, vor allem die, welche sich gegen den Opportunismus der Sozialdemokratie richteten, zur linksradikalen Folklore. Das Lied vom Lampenputzer, der in Tränen ausbricht, weil die Revolutionäre die Gaslaternen aus dem Pflaster reißen, um Barrikaden zu errichten, hat es sogar in DDR-Schulbücher geschafft. Das hat etwas damit zu tun, dass die Texte einen tagespolitischen Anlass hatten. Werden sie allerdings von ihrem Anlass getrennt,  in einem gesamtgeschichtlichen Kontext gedrängt, verlieren sie ihre Spritzigkeit und werden zum Spiegel des Dogmatismus der radikalen Linken. Vor dieser sind sie genauso zu schützen, wie vor konservativer Diffamierung und vor dem Vergessen.

Als Antidot gegen all jenes hält der Verbrecherverlag eben dieses Lesebuch und, für dringend empfohlene weiterführende Lektüre, die Gesamtausgabe der Tagebücher bereit.

Erich Mühsam · Manja Präkels (Hg.) · Markus Liske (Hg.)
Das seid ihr Hunde wert!
Ein Lesebuch
Verbrecher
2014 · 352 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
9783943167849

Fixpoetry 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge