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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
Kritik

Bruchstellen und Verzögerungen

Hamburg

Überblick erhält, wer Abstand gewinnt, lautet der letzte Satz des Romans La Laguna der österreichischen Autorin Erika Kronabitter. Es ist gleichzeitig das Fazit ihrer Figur Elena, die elf Jahre nach dem Tod des Vaters versucht, die undurchsichtige Familiengeschichte ihrer Eltern Hanna und Beppo zu entwirren und Näheres über Beppos Tod auf Teneriffa zu erfahren.

Anhand dieser laut Klappentext autobiographisch inspirierten Handlung erzählt die Autorin nicht nur anschaulich über gesellschaftliche Verhältnisse in Österreich zwischen den fünfziger und neunziger Jahren, sondern baut durch Beppos Freund Larek einen weiteren Handlungsstrang mit Krimielementen ein. Das Ganze ist nicht chronologisch erzählt und enthält wechselnde Orte sowie unterschiedliche Perspektiven. Dadurch gelingt Erika Kronabitter ein spannender Roman, der dem Leser Stück für Stück die ganze Geschichte eröffnet.

Es war kurz vor zwölf, als Elena von der Schule nach Hause kam. Die Tür war eingedrückt, besser gesagt, der Innenteil der Wohnungstüre. Eine lange Buchstelle zog sich an der inneren Türplatte von oben nach unten, in der Mitte züngelten die Risse wie Blitze nach allen Seiten.

Zu diesem Zeitpunkt ist Elena sieben Jahre alt und versteht noch nicht, weshalb ihre Mutter einen anderen Mann geheiratet hat, obwohl sie Beppo immer noch liebt. Das verstehst du nicht!, antwortet Hanna auf alle Fragen. Aber wie sollte Elena auch verstehen, dass die Beziehung zwischen Beppo und Hanna von Beginn an keine guten Aussichten hatte. Nicht nur, weil Beppo, dieser Schmähführer, dieser Leichthin -Mensch ihr verheimlicht hat, dass er bereits verheiratet ist, sondern auch, weil er, der immerhin Elektroingenieur ist, alles, was er anfängt in den Sand setzt und es nie schafft, die Familie zu ernähren.

Beppo war irgendwie anders, ein anderer Mensch, ein Träumer, ein Traumtänzer, ein verlorenes Blatt im Sturm, der irgendwie seinen Platz an der Sonne nicht gefunden hatte.

In seiner kleinen Firma für Elektroinstallationen lässt er sich aus Gutmütigkeit von den Angestellten bestehlen und betrügen, bis er pleite ist. Und Hanna kämpft, gibt die Kinder - Elena hat noch eine jüngere Schwester Mona -  zu den Großmüttern, hetzt zu ihrer Arbeitsstelle, glaubt, dass alles gut werde, bis sich auch hier Bruchstellen auftun.

„Unsere Liebe ist stark“, sagte er, und sie sagte es auch, sagte es immer wieder, wiederholte es mehrmals am Tag und nachts, wenn sie aufwachte.
Zaubersprüche, die das Leben verändern sollten. Die Sorgen drückten auf Hannas Liebe. Sie küsste ihn. Sie sah die Kinder, Elena, die schon vier Jahre alt war und Mona, jetzt drei. Die Kinder sind die Frucht meiner Sünde, dachte sie. Die Küsse waren eine Spur weniger innig, weniger intensiv, und manchmal legte sich Wehmut in die Umarmung.

Hinzu kommt, dass sich Beppos erste Frau (sie wird nur die Andere genannt) nicht scheiden lässt, und Hanna die Vorwürfe ihrer Familie – Beppo sei ein Versager, Lügner usw. – allmählich übernimmt.

Dies alles wird mit Unterbrechungen erzählt, in denen Elena, eine Meeresbiologin, zu Wort kommt und der Leser von ihren Schwierigkeiten erfährt, die Spur ihres Vaters auf Teneriffa zu verfolgen. Teneriffa 1997 Angst vor dem Fliegen heißen die Kapitel, die den Roman durchziehen und in denen Elenas Flug nach Teneriffa beschrieben wird. Elena hat extreme Flugangst und beschäftigt sich dennoch oder vielleicht gerade deshalb mit einem Flugzeugabsturz aus dem Jahr 1977 auf Los Rodos, bei dem 583 Menschen starben, und dessen Verlauf der Leser wie die ganze übrige Handlung nach und nach erfährt.

Stilistisch erhalten alle Personen ihre eigene Stimme. Dabei gelingt es Erika Kronabitter sehr gut, deren Stimmungen, Hilflosigkeit, ja, deren Verzweiflung auch sprachlich darzustellen. Unvollständige Sätze geben Gedankensprünge wieder, zeigen, wie sich die Protagonisten selbst ständig etwas vormachen.

Die Liebe war ein Daunenkissen. Er drückte seinen Kopf hinein und seine Lippen auf ihren Mund. Nichts denken. Nichts hören. Nichts sagen.

Und er sagt immer noch nichts, als Hanna ihm von ihrer Schwangerschaft erzählt.

Er legte seinen Kopf ins Kissen, ihre Lippen auf seinem Mund, wir bekommen ein Kind…wie sollte er es, wie sollte er nur…ein Kind…jubelte etwas in ihm, fragte gleichzeitig, warum Frauen immer gleich…er musste es ihr… ihrer Mutter…musste seiner Mutter…

Der Autorin ist es wichtig, ihren Protagonisten gerecht zu werden. So erzählt sie nicht durchgängig aus der personalen Perspektive, sondern lässt auch ab und zu Hanna, Beppo und Elena in der Ich-Form zu Wort kommen. Besonders an diesen Stellen werden die Figuren durch ihre Vorstellungen charakterisiert und es wird deutlich, welche Sehnsüchte ihr Verhalten bestimmt.

So sagt Benno von sich:

Ich bin ein Sonnenkind. Zumindest fühle ich mich so. Wer oder was bestimmt, dass sich jemand als Sonnenkind empfindet, als Sonntagskind oder als Verlierer? Auch wenn manches in meinem Leben nicht so gelaufen ist, wie ich es mir erträumt habe. Die innere Sonne verlässt mich nicht, ist immer da und wärmt meinen Blick. Im Grunde ist das Leben schön. Das einzige Leben, das wir haben.

Und Hanna:

Du kannst dich auf mich verlassen, mein Kind. Ich verspreche es dir. Kämpfen wie eine Löwin, ja, das werde ich tun, ich werde alles auf mich nehmen. Ich werde selbst, alles, alles, alles. Es wird alles, irgendwie wird schon alles. Alles. Alles. Alles. Gutgehen.

Erika Kronabitter hat einen berührenden und zugleich spannenden Roman geschrieben. Ich habe mit großer Sympathie für die Figuren deren Irrungen und Wirrungen verfolgt. Elena kommt bei ihrer Suche nur mühsam voran, nicht alle ihre Fragen werden beantwortet. Nicht alles geht gut, aber manchmal doch mehr, als der Leser anfangs denkt. Mehr wird nicht verraten.

Erika Kronabitter
La Laguna
Verlag Wortreich
2016 · 232 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-903091-00-9

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