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Der Mitteldeutsche Verlag hat eine Auswahl des Werks Ernst Stadlers in einer kleinen, aber feinen Ausgabe herausgegeben. Was Gelegenheit gibt für einen Blick in jene fernen Zeiten, als Pathos noch geholfen hat.
Hamburg

Wir leben in vergleichsweise nüchternen Zeiten, zumindest was die literarische, meinetwegen auch die dichterische Sprache angeht. So verschlossen, ja hermetisch Lyrik heute auch sein mag, so formversessen, hymnisch und rhythmisch - im Vergleich zu früheren Zeiten literarischen Schreibens fehlen ihr Klang, Emphase, Pathos. Was aus heutiger Sicht nicht von Nachteil sein muss, denn pathetische Töne klingen am Beginn des 21. Jahrhunderts schal und falsch.

Und das aus gutem Grund, wissen wir doch, dass sich mit dem Pathos oder dem hohen Ton immer wieder auch chauvinistische, sexistische und egozentrische Positionen geziert haben, das Fest des Ichs gegen die Herrschaft des Pöbels, die Verweigerung der Moderne und der Egalität, die Absage an die Demokratie (obwohl auch sie ihre hymnische Sänger hatte), die Betonung der männlichen Suprematie, die Unterwerfung des Weiblichen, die Feier des Krieges und des Untergangs. Wer Pathos will, muss eben auch mit seinen Nebenwirkungen leben. Zumindest historisch.

Aber schon die Neue Sachlichkeit hatte sich von einer allzu auftragenden Literatur gelöst. Sie mag zwar gerade in der Lyrik gelegentlich allzu launig daher gekommen sein, aber wer genau liest oder hinhört, vernimmt wohl auch die Zwischentöne und melancholischen Stimmlagen, die die Lyrik der 1920er und frühen 1930er Jahre sich zutraute.

Mit solchen Texten hat die Gegenwartslyrik, gerade wenn sie avantgardistisch sein will, wenig gemein. Was denn auch die Fallhöhe ausmacht, wenn man aus solchen Lektüren mit einem Mal in das letzte ernstzunehmende pathetische Zeitalter der deutschsprachigen Literatur gerät, den Expressionismus.

Der Mitteldeutsche Verlag hat nun eine von Christian Luckscheiter und Hansgeorg Schmidt-Bergmann betreute Werkauswahl des expressionistischen Dichters – und Literaturwissenschaftlers Ernst Stadler herausgegeben. Ein schmaler, 142 Seiten zählender Band, der gleichwohl Auszüge aus allen Schaffensperioden Stadlers liefert, eingebunden in einen schön gemusterten roten Band, wie es sich für ein Büchlein gehört, das eine Literarische Gesellschaft, in diesem Fall die Karlsruhes herausgibt. Mit anderen Worten, man nimmt den Band gern in die Hand. Man mag ihn lesen.

Und man liest ihn, auch wenn die Welt, in der diese Verse leben, lange versunken ist. Ländlich ist sie noch, noch deutlich weniger städtisch geprägt als heute noch das letzte Dorf. Zur Natur drängt beinahe jedes Bild, was die Texte dann auch freigebig erhöht und veredelt. Da kämpfen noch Götter und Riesen miteinander und es gibt noch Seelen, die im Sturm und Wonne erbeben. Schlösser werden errichtet und man steht noch auf den Zinnen und nicht auf der Aussichtsplattform eines Hochhauses. Die Lippen sind noch glutbebend, und junge Frauen tragen noch holde Mädchenlippen, geraunt wird und die Sonne singt noch. Was alles Begriffe und Wendungen allein aus dem ersten Gedicht des Bandes sind, das den programmatischen Titel „Meine Kunst“ trägt.

Es sind noch männliche Zeiten, in denen sich das Begehren noch ungehemmt und einigermaßen unschuldig auf junge Mädchen richten kann, was derweil – nicht ohne Grund – in den Missbrauchsverdacht umgeschlagen ist. Überhaupt sind Frauen und vor allem junge Mädchen mit die wichtigsten Motivträger in diesem Band. Die Stadt, vor allem die große Stadt ist noch fern. Wo Städte angedeutet werden, gehören sie noch ins kleine Fach und nicht zu den endlosen Konglomeraten, den monströsen Fahrbahnen, die den Grund von Betonschluchten bilden, oder den nie endenden Straßen, an denen entlang sich die Suburbs aufrollen. Städte haben hier Gassen, keine Fußgängerzonen, Schnellstraßen und Malls. Droschen rasseln noch, während heute Motoren aufheulen oder Straßen endlos rauschen wie Brandung. Selbst in dem Zyklus „Aufbruch“ zieht der Held dieser Gedichte noch zu Pferde in die Schlacht – ein Anachronismus bereits, der dann kurze Zeit später endgültig offensichtlich wurde.

Denn Ernst Stadlers Zyklus ist ein Zeugnis des frühen, des hymnischen, eben auch waghalsigen Expressionismus (der zu dieser Zeit noch nach seinem Namen suchen musste). Kurze Zeit später, im selben Monat, in dem sich Stadler noch in einem Brief eine Verbindung französischer und deutscher Interessen in der Elsassfrage erhofft hatte, fuhr der Autor dann mit dem Auto zur Mobilmachung. Im Dezember 1914 fiel Stadler vor Ypern. Keinen Heldentod, sondern den beiläufigen Tod des modernen Krieges, in den ihm noch viele folgen würden.

Allerdings sind Pathos und Schlachtenmythos nicht alles, wenn es um Stadler geht. Im Band fehlt leider eines seiner wohl bekanntesten Gedichte, „Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht“, das aus dem Jahr 1913 stammt und in dem die Emphase des lyrischen Ichs ihren Gegenstand nicht in Natur und anachronistischen Bildern fand, sondern in einem der beeindruckendsten Zeugnisse der industriellen Moderne, die Hohenzollernbrücke, die heute noch direkt dem Kölner Hauptbahnhof vorgelagert ist (wenngleich als Nachkriegsbau). Stadler konnte also auch anders als nur pathetisch sein, was die beiden Herausgeber mit anderen Texten demonstrieren, vor allem allerdings mit Essays, Briefen und Tagebuchnotizen. Was darauf verweist, dass Stadler eben nicht nur ein Lyriker von Rang war, sondern auch ein Literaturwissenschaftler.

Dass er sich in diesem Fach nicht zuletzt für den jungen Expressionismus einsetzte und in Georg Heym seinen herausragenden, leider eben früh verstorbenen Repräsentanten sah, wird man ihm persönlich anrechnen wollen. Sein Verständnis für die Mundartlyrik des Elsass, der er einen eigenen, selbständigen Ton weit ab von jeder Heimatseligkeit zuschrieb, ist vielleicht irritierend. Allerdings lag dem 1883 in Colmar geborenen Stadler viel am Elsass, dem er eine besondere, selbständige, vor allem aber vermittelnde Rolle zwischen den beiden Erbfeinden Deutschland und Frankreich zuschrieb. Und angesichts der katastrophischen Jahrzehnte, die auf seinen Tod folgten, wird man sich wünschen, dass seine Überlegungen erfolgreicher gewesen wären.

Dass uns heute auch sein Enthusiasmus ein wenig fremd geworden ist, der sich seine zeittypische Form gesucht hat, mag man ihm nicht nachtragen. Vielleicht, in dem man Form und Format vorsichtig beginnt voneinander zu trennen. Oder in der anachronistischen Sprache das wiederzufinden, was sie einst ausgezeichnet hat.

Ernst Stadler · Christian Luckscheiter (Hg.) · Hansgeorg Schmidt-Bergmann (Hg.)
»Denn der Zukunft dient alle wahre Kunst!«
Lyrik, Prosa, Essays, Briefe, Tagebuchaufzeichnungen
Im Auftrag der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe
Mitteldeutscher Verlag
2016 · 144 Seiten · 14,95 Euro
ISBN:
978-3-95462-664-9

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