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Kritik

Der Mund der Wahrheit

Hamburg

In der Vorhalle der römischen Kirche Santa Maria in Cosmedin befindet sich die „Bocca della Verità”, der Mund der Wahrheit. Diese schlecht erhaltene Reliefscheibe aus phrygischem Marmor hat einen Durchmesser von ca. 175 Zentimetern und zeigt das Gesicht eines älteren Mannes, eines bis heute nicht eindeutig identifizierten Gottes: Zwei Augen, Nase, Mund, umrauscht von wallendem Haar und Zottelbart. Im antiken Rom diente die Scheibe möglicherweise als Kanaldeckel. Bekannter jedoch ist ihre spätere Verwendung als Lügendetektor. Den Überlieferungen nach mussten Angeklagte zur Prüfung ihrer Schuld eine Hand in den Mund legen. Waren sie unschuldig, geschah ihnen nichts. Wurden sie hingegen für schuldig befunden, wurde ihnen hinter dem Mund die Hand abgehackt („abgebissen“).

Diese „Bocca della Verità” hat etliche KünstlerInnen zu Werken inspiriert, etwa Friederike Mayröcker zu einem Hörspiel gleichen Namens, und sie ist nun auf dem Umschlag von Esther Ackermanns Debüt abgebildet, auch eines ihrer Gedichte trägt diesen Titel. Wer einmal die aufgeregten Touristenmassen erlebt hat, die sich um den „Mund der Wahrheit“ drängen, um Beweisfotos ihres Mutes und ihrer heilen Hände zu machen, wird möglicherweise entscheiden, sich statt dessen mit einem guten Buch zurückzuziehen, wird lieber mit der Hand in einer „Bocca della Verità“ blättern und in aller Stille mit Worten kommunizieren, als Teil jenes Touristenspektakels zu werden.

Das Motiv, das sich durch alle sieben Kapitel des ersten Buchs von Esther Ackermann zieht, ist jenes der Hand. Oben genannter Legende und ihrer Gewalttätigkeit am nächsten kommt das Gedicht „Huckepack wohnen“, das in Korrespondenz zum Kunstwerk „Huckepack“ von Christina von Bitter entstand, ein Text, in dem die Lyrikerin die Drohungen einer überholten schwarzen Pädagogik aufgreift, die noch Jahre später in Albträumen wiederkehren:

Ein Haus bewohnen
Mit drei Fenstern
Es hütet zwischen den Beinen
Den ältesten Alptraum
Hände übers Bett hinaus
Werden abgebissen

Ja, die Hände gehörten einst des Nachts ins Bett und sonst nirgendwohin, aber im Bett nie, niemals zwischen die Beine, dem Sitz der umschwiegenen Genitalien, der verbotenen Lust, der Sexualität. Und dass sich dieser Kindheitsalptraum gerade hier einnistet, ist ein feiner Kurzschluss der Verdichtung.

Hände sind in den Gedichten meist gute, schuldfreie Hände. Es sind kleine Hände, an deren Gelenk neben der Uhr ein Ballon festgebunden wird, und große, dem Sterben nahe Hände, die dem Sohn, der Tochter eine Uhr in die Hand legen; eine Kinderhand, die das Klavierspiel erlernen soll, aber hingebungsvoll lieber mit dem Fingernagel am weißen Verputz schabt; wir lesen von „schaumschweren Händen“ in der Badewanne; von Leben, die man beim Computerspiel mit dem Joystick in der Hand hält. Und im Gedicht „Sieger“ ist es eine Faust, die nicht geballt, sondern siegreich in die Höhe gestreckt wird:

Falls du verlierst
Gegen den Tod
Was unwahrscheinlich ist

Wirf in der Sternenrunde
Wie immer hoch
Die strahlende Faust

Manchmal sind es Teile der Hand, die benannt werden. So gibt es schreibende Handflächen, „Stöckchen auf dem Handrücken“ während der Klavierübungen, kämmende Finger, die im Tod zur Faust eingekrallt werden, den Daumen, der sich beim Autostopp in die Luft reckt, den Zeigefinger, den der ungläubige Thomas zögerlich in die Wunde legt, oder die Fingerbeere. Auch Hände oder Hand(teil)äquivalente aus dem Tierreich finden Platz im Gedicht, zum Beispiel Klaue, Flughaut und Flosse, Pfoten, Tatzen und Krallen. Und es sind Hände, die selten „seit je geflochten“ sind, was eine schon beim Lesen ganz verkrampft, sondern sich regen, Hände, die eine Supercard oder die Hostie reichen, die abtupfen, einfalten, legen, die basteln, kneten, sprühen, ritzen, retten, bringen und bergen, die schälen, rühren und etwas reichen, Hände, die schreiben.

Ein Gedicht, das Menschliches mit Tierischem verbindet, trägt den Titel „Gesandtschaft“ und ist gewidmet „für R., deren Schatten ich mit Schuhen betrat“, vielleicht eine Groß- oder Urgroßmutter, die anders als die Großmütter des Märchens, etwa jenes von „Rotkäppchen“, über den Tod hinaus etwas Bedrohliches an sich hat:

Bevor ich eintrete
In deinen Wolfsschatten
Strickst du Socken für mich
Mit knurrenden Handgelenken
Gesträubten Nadeln
Wolfsfarbener Wolle

Sie sind noch zehenlos
Bei der Anprobe
Ich krümme die Zehen hoch
Sie sehen aus wie –
Lieber gleich loslaufen als

Botin
Deren Zunge du frisst
Deren Mund du füllst
Mit Gebell Geheul und Gehorsam

Lieber nicht eintreten lieber
Krallenlos zum Himmel
Von wo mich dein Rudel
Mit blinkenden Augen ruft

Neben Märchen und Legenden webt Ackermann Motive aus der Bibel in ihre Gedichte ein, etwa die Geschichte um Jakob und Esau, Weihnachten oder die Osterliturgie, die griechische Götterwelt, zum Beispiel in einem Gedicht über die Nymphe Echo, aber auch den Mythos der Aborigines Australiens im Gedicht „Das Grosse Känguru“.

Inhaltlich spannt die Lyrikerin einen weiten Bogen von der Geburt bis zum Tod und darüber hinaus. Es finden sich einige Betrachtungen aus der Kinderperspektive und jene von Erwachsenen auf Kinder und, öfter, Rückblicke auf die eigene Kindheit und Jugend. Es geht um menschliche Beziehungen, Freude, Glück, Enttäuschungen, in mehreren Gedichten um Krankheit und um das Altern, das Ausgeliefertsein an die eigene Hilflosigkeit. Das 3. Kapitel enthält Liebesgedichte unter dem schönen Titel „In die Hand getaucht nach Liebe“, diskret und sinnlich, eine Liebe zum Du, zur tierischen Kreatur, auch die Liebe zum Schreiben. Im 7. und letzten Kapitel sind Gedichte vereint, die sich mit dem Tod beschäftigen, jenem Nadelöhr zwischen „Du bist tot / Du bist nicht tot“. Dazwischen sind zahlreiche Momentaufnahmen und Miniaturen eingestreut, Gedanken beim Betrachten eines Schwans, eines Storchennests, eines Schwimmenden in einem Pool, eines Kindes, dem man vorliest.

So unterschiedlich die Themen, so heterogen auch die Gedichtformen. Es sind sehr kurze Texte, zum Beispiel gewidmete „Elfchen“ (Gedicht aus 11 Wörtern) und Haikus, neben längeren, bis zu maximal eine Seite langen Gedichten. Oft sind die Gedichte in Strophen unterschiedlicher Länge gegliedert. Ein „Pantun zum Advent“ findet sich genauso wie ein Sonett und diese Vielfalt zeigt die große Lust der Lyrikerin, die keine um sich kreisende Ego-Galaxie ist, sondern sich als stets weiter Lernende begreift, die sich belesen an Themen und Formen ausprobiert und die eigene Dichtkunst langsam und mit Bedacht wachsen und reifen lässt.

Die Frage, wie viel persönliche Wahrheit, wie viel Autobiographie in diesem Buch, im „ich“ und „du“ von Ackermanns Gedichten enthalten ist, ist müßig, weil sie nicht in einem privaten Erlebnis- und Erinnerungsrahmen eingeschlossen bleibt, sondern im Gedicht ihren Weg in die Welt antritt und überzeugen muss, ja überzeugt. Gleichwohl lässt sich annehmen, dass mit dem Tod der Mutter der Tod der eigenen Mutter reflektiert wird, mit dem berührenden Gedicht „Netzwerk“ der ferne Vater und die drei Halbschwestern, die von der Existenz des „ich“ nichts wissen, gemeint sind. Und der christliche Glaube ist wohl ein zutiefst persönlicher gelebter, der ein stabiles Fundament bildet, zuletzt im Gedicht „Dritter Tag“, in dem statt Jesus eine Rose in der Hand eine Art Auferstehung erfährt:

Fernab vom Kopf
In der Manteltasche
Fleischig Weiches
Die Hand zuckt
Wagt noch einmal
Hebt die Rose
Vorgestern aufs Grab
Gelegt
Gefroren
Gedrückt
Geknackt
Eingesteckt
Heute lebendig
Wie die Hand in der Hand.

Esther Ackermann
Die Hand hinein
orte Verlag
2016 · 96 Seiten, 28 CHF
ISBN:
978-3-85830-200-7

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