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Kritik

Ein ganzes Dorf schreiben oder: Graz googeln und sich vertippen

Hamburg

Esther Dischereit, Schriftstellerin und Professorin am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien, hat mit acht ihrer Studierenden ein großangelegtes Experiment unternommen: in einem begrenzten Zeitraum sollten Menschen eines abgelegenen brandenburgischen Dorfes interviewt und portraitiert werden - ihr Leben, ihre Träume, ihre Befürchtungen und Erinnerungen. Die Ergebnisse dieser Studie mündeten schließlich in das Buch "Havel, Hunde, Katzen, Tulpen. Garz erzählt.", welches unlängst im Mitteldeutschen Verlag in Halle erschienen ist.

Mit diesem Projekt ging Esther Dischereit von Beginn an ein Risiko ein; wie offen würde man ihr und ihren Studierenden gegenübertreten, auch wenn die Bürgermeisterin der 145-Seelen-Gemeinde Garz nordwestlich von Berlin das Unterfangen unterstützte? Weshalb überhaupt ausgerechnet Garz? Letzteres hatte auch mit dem überschaubaren Personal zu tun, mit der Vorstellung einer zuordenbaren Gruppe und mit der zumindest theoretischen Möglichkeit eines gemeinsamen Fotos - "da sollten unbedingt alle drauf sein". Marie Luise Lehner bietet in ihrem Beitrag "Selbstoptimierung", einem stichwortartigen Dialoggebilde, eine einfachere Erklärung an:

"Wien?
Wie sind Sie denn auf Garz gekommen?
Wir haben Graz gegoogelt und haben uns vertippt."

Im Vorwort erläutert Dischereit, dass sie selbst erst nicht einmal genau benennen konnte, was sie mit diesem kollektiven Schreibversuch eigentlich bezwecken wollte:

"Und wieviel Gegenwart würde preisgegeben werden? Wie viel Vergangenheit? Was erfahre ich eigentlich, wenn ich die besuchen gehe - die Menschen in Garz?"

Etwa fünfzig Personen, also rund ein Drittel der Dorfgemeinschaft, ließ sich auf das Experiment ein und wurde Teil des explizit geäußerten Anliegens "Wir schreiben das Dorf GARZ". Eine knappe Woche waren die neun Autorinnen und Autoren aus Wien in der ostdeutschen Provinz zu Gast, wurden warm mit ihren Interviewpartnern oder auch nicht,  verarbeiteten die sprachlichen Rohstoffe in der Folgezeit zu kleinen Dokumentationen, Essays, zu ansatzweise poetischen oder gar dramatisierten Texten und kehrten nach einem halben Jahr ins Dorf zurück, um die Ergebnisse dort vorzustellen und etwaige Missverständnisse korrigieren zu können.

"Wir schreiben das Dorf GARZ" - das klingt nach einem unerfüllbaren Anspruch, an dem eigentlich noch der allerletzte Bewohner hätte teilnehmen müssen. Bei dem Projekt ging es aber wohl vor allem auch darum festzustellen, welche Interaktion Selbstauskunft und Aufschreiben respektive literarische Ausgestaltung im Rahmen einer Gruppenarbeit einzugehen imstande sind: "Wie hält der Schreibende Distanz und begibt sich gleichzeitig in eine Nähe", fragt Dischereit in ihrem Vorwort.

Herausgekommen ist bei diesem Versuch einer Annäherung leider zum nicht geringen Teil ein Sammelsurium an Alltäglichkeiten, die in ihrer Fülle (der Band hat rund 200 Seiten) doch in eine gewisse Langatmigkeit münden - eine merkwürdige Mischung aus Dorftratsch, latenter Geschichtsklitterung und halb begrabenen oder nicht zu Ende erzählten Erinnerungen. Das liegt natürlich nicht in erster Linie an den Schreibenden. Denn obwohl sich ganz offenbar nicht selten ein recht herzliches und offenes Verhältnis zwischen ihnen und den Garzerinnen und Garzern einstellte, so haben doch deren Existenzen in aller Regel eben nichts Außergewöhnliches; und auch das Vermögen, aus dem eigenen Leben eine auch für Außenstehende interessante Erzählung zu machen, reicht natürlich nicht über das Durchschnittliche hinaus: immer wieder geht es um Familie, um Schule und Beruf, um die Freuden und Einschränkungen des Dorflebens, um Rückblicke auf die Zeit kurz nach dem Krieg und während der DDR-Jahre, und die Narrative gleichen sich oft wie ein Ei dem anderen, auch wenn sich die Schreibenden viel Mühe gegeben haben, die Interviewergebnisse formal anspruchsvoll und auf unterscheidbare und individuelle Art zu verarbeiten. An einem exemplarischen, fiktional behutsam bearbeiteten Einzelfall kann sich so, wie unzählige Beispiele aus ganz unterschiedlichen literarischen Epochen zeigen, große oder zumindest einfühlsame Literatur entfalten; bei diesem Gruppenversuch jedoch bleibt die Literarizität nicht selten auf der Strecke. Vielleicht liegt das auch an der oft vollkommen kommentarlosen Art der Darstellung; eine explizite Wertung der Aussagen unterbleibt aus nachvollziehbaren Gründen - schließlich soll ja niemand bloßgestellt werden. Literatur muss aber auf Dauer Farbe bekennen, sonst verfehlt sie sich selbst.

Aber immer wieder gelingt dann doch diese atmosphärische Dichte, die es braucht, um von Literatur sprechen zu können, etwa wenn Nastasja Penzar über die Hände des Aalfischers schreibt:

"Seit Generationen sind die Hände verkrustet in der Familie. Seine streicht über den aaligen Bauch, gerne und gewohnt fängt der Fisch bald an zu riechen, die Hände halten ihn fest vor dem stramm gefütterten Bauch, ein Stolz, so ein großes Ding in den Händen zu halten, die Augen des Fisches sind glasig, ein Zeichen für Frische, der Fischer wirft ihn zurück, bis morgen früh. Da werden die Toten zum Räuchern geholt."

Oder auch bei Patrick Wolf, bei dem es im Kapitel über die 85-jährige Dorfbewohnerin Marliese Smolinski heißt:

"Ob sie auch beim BDM war? Die Kaffeeluft wird dicker. Marlieses Hände sind unter dem Tisch, als hätten sie dort was zu erledigen. 'Es gibt immer wieder eine andere Zeit, und die bleibt nicht, und die bleibt nicht', fährt Marliese fort, fast wie im Dreivierteltakt."

Literarisch wird es also just da spannend, wo die Schreibenden sich nicht mehr gänzlich zurücknehmen, sondern wenigstens als verdeckte Erzähler und Sprachgestalter auftreten. Mehr davon hätte dem Buch sicherlich gut getan.

Das soll nicht heißen, dass das Garz-Experiment auf der ganzen Linie gescheitert sei; implizit handelt es sich ja nicht nur um ein literarisches Projekt:

"Entweder Vollpension oder später ein Buch: Wir entschieden uns für das Buch. Es sollte sich herausstellen, dass das Kochen und Essen zusammen noch viele weitere Vorteile hatte",

schreibt Dischereit mit Blick auf die Finanzierung des Unternehmens. Im Vordergrund standen vielleicht doch eher der Kommunikationsakt zwischen den Studierenden und den Einwohnern und damit die soziologische Komponente des Projektes. Und doch ist es ja die Leserschaft, die eine Begründung dafür sucht, weshalb sie sich immer wieder durch Absätze wie diesen quälen muss:

"Die ganze Familie war Mitglied in der Feuerwehr und trainierte dafür. 'Wir finden Garz toll. Hier wird viel gefeiert. Es gibt immer große Feste und keine Cliquenwirtschaft.' Beim Sommerfest gab es für die Männer einen Gummistiefel- und für die Frauen einen Nudelholzweitwurf." (Felicia Schätzer).

Die DDR wünscht man sich nicht zurück, aber wer sich ruhig verhielt, habe keine wirklichen Probleme gehabt. Außer diesem erwartbaren Grundtenor erfährt man über politische Ansichten, zumal über aktuelle, nicht wirklich viel mehr als das, was man mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall ohnehin zu wissen glaubt. Auch diese Leerstellen mag man vielleicht als verpasste Chance einer echten Auseinandersetzung empfinden. Aber wo beispielsweise eine psychische Erkrankung (wie in Katharina Menschicks Episode über "Martina") nur bruchstückhaft preisgegeben wird, können die Sprachkunst-Studierenden natürlich auch nur Bruchstücke literarisieren (was Menschick u.a. durch konsequentes Erzählen in der zweiten Person Singular übrigens sehr gut gelingt). Es kann bei einer solchen Ausgangslage auch nicht ums reine Dokumentieren gehen, wie Patrick Wolf in den Anmerkungen über die AutorInnen schreibt:

"Geschichten. Ich glaubte, ihre zu kennen. Ich schrieb meine."

Immer wieder blitzt auch Anekdotisches auf, etwa wenn Luca Manuel Kieser von der Altenpflegerin Uta erzählt, deren Schützling zu ihr sagt: "Wir sind ja nicht nur heute krank, sondern auch am Wochenende" oder von einer im Baum hängenden Tasche, über die eine Katze gepisst habe und die nun, ausgewaschen, zum Trocknen dort hänge. Das lockert die ansonsten mitunter etwas drögen Gespräche auf. Marie Luise Lehner wählt in ihrer Episode "Die Kinder" einen anderen Ansatz als die Wiedergabe eines direkten Gespräches und stellt unter Schlagworten wie "Sport", "Schule" oder auch "So viel Zeit" eine ganze Gruppe und ihre Probleme mit der Einsamkeit in einer Welt der mehrheitlich Alten in den Mittelpunkt. Aber auch hier ergibt sich Launiges:

"Der Junge ist schon auf einem der Motorräder gefahren. 'Aber da wäre er beinahe gegen die Wand gekracht', sagt der Vater. 'Weil das Motorrad sich nicht unter Kontrolle gehalten hat', sagt der Sohn. Der Vater lacht."

Und so ist schlussendlich das Garz-Projekt doch mindestens ein spannender Versuch mit einem literarisch allerdings eher ambivalenten Ergebnis. Wer aber dem Kennenlernen von Menschen grundsätzlich interessiert gegenübersteht, erhält mit dem Buch vor allem einen Eindruck davon, wie schwierig das ist.

Esther Dischereit (Hg.)
Havel, Hunde, Katzen, Tulpen. Garz erzählt
Mitteldeutscher Verlag
2016 · 216 Seiten · 14,95 Euro
ISBN:
978-3-95462-748-6

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