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Licht, das zu den Raben geht

Hamburg

Im Altgriechischen, zum Beispiel bei Theognis, findet sich die schöne Wendung „zu den Raben gegangen“, was soviel bedeutet wie: etwas ist verloren und dahin. Unwillkürlich stellt sich diese Assoziation bei der Lektüre von Esther Kinskys Gedichten ein, nicht allein wegen des wiederkehrenden Rabenmotivs, sondern vor allem wegen des still glühenden herbstlichen Abschiedsgefühls, das sich wie ein rabenflügelschwarzer Schatten auf alle Gedichte legt.

Anrufung und Beschwörung — mit diesem beinahe unzeitgemäßen lyrischen Mittel setzt gleich das erste Gedicht des Bandes ein: „unwegsames gelände / der zeit“, eingehüllt von Dunkel: abhanden gekommen und entfallen der Tag. Hier sind bereits sämtliche Motive in nuce vorgestellt, die im weiteren Verlauf immer aufs neue variiert werden. Auf diese Weise entsteht allmählich ein großer Gobelin, in dem die Motive vielfältig und sinnstiftend hineingeknüpft sind, ein Trauerflor für die Kindheit und ein Vlies, das von abenteuerlichem Aufbruch und Heimkehr berichtet.

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Quelle: Wikipedia // Rabenspur

Wie ist nun dieses Gelände beschaffen? Es könnte den Namen Ilyenkor tragen, ungarisch für „zu dieser Zeit“, es ist der Kindheit entwachsen wie die Jahreszeiten, und „alles / liegt jetzt zutage / der schutzlose sumpf rötliches / genist“, alles liegt vor Augen, aus der Erinnerung aufgetaucht, in Sprache gebracht. Außerdem erfahren wir: „in verruf / steht das gelände / auf der anderen seite / des flusses“, das Schweigen, die Leere, der Schatten sind dort zuhause, aber die Kinder können hinüberspringen, von einer Seite zur anderen wechseln, und „kommt der winter legt / das kind hand an / die landschaft / schiebt das geäst / der bäume zurecht“. Eine wunderbare Macht, die dem Kind verliehen ist! Es scheint ein Land zu sein, das verwunschen ist und gleichzeit so real wie eine Sehnsucht.

Tatsächlich sind die Gedichte von märchenhafter Aura und Stimmung umschlossen, was konkret bedeutet: Sie schweben, halten in der Schwebe: das Gedicht als Suchbewegung, ungewisses Mäandern, Vorwärtsschreiten und Zurückweichen, in die Erinnerung, in die trostreiche Landschaft. Der Imperativ lautet: „Ein herz sich erfinden / das an der ferne hängt / diesen muskel / im eigenen dunkel zum / kompass ernennen“. Aufbruch und Heimkehr sind die ältesten Motive in den Epen, hin und wieder zurück, und wer dann mit der Flut kommt, sein Boot an Land zieht, hat etwas mitgebracht, wenn auch nicht für jeden: „seht / dieses blau nicht / von hier sagt er das / ist für die kinder“.

Der Aufbruch beginnt im Geist, es ist das Verlangen nach einem neuen Land, einer unentdeckten Landschaft: er beginnt in den tiefsten Schichten des Bewußtseins: „Träumen / die arbeit am dunkel / dem beträumten / auf die stirn geschrieben etwa / wie ein höhlenlicht“. In der Erwartung steckt das Warten, und die Belohnung ist die unmittelbare sinnliche Begegnung mit den Elementen, das Verfolgen auch nur eines leisesten Gerüchts, „da wo die nacht / den mund auftat um den tag einzulassen da / fange ein anderes land an / ein neues“. Man sieht: körpernah sind diese Gedichte: im Menschenmaß.

Von Flucht kann niemals die Rede sein, keinem eskapistischen Bedürfnis wird Raum gegeben. Nur der Verträumtheit, zart, präzise, melancholisch — fast als würde der Libanese Georges Schehadé mit orientalisch duftender Hand von Ferne herübergrüßen. Federleicht von Schwermut, hingetuscht, ein Pinselstrich, der ins Geäder schneidet: Man könnte ein Dutzend solcher Metaphern erfinden und würde Esther Kinskys Gedichte dennoch nicht fassen. Aber man kann sicher sagen: Es handelt sich um ein trauerfarbenes Buch, das einen überaus heiter macht. Selten ist Schönheit derart eingefangen worden, fragil und doch von robustem Willen: „Etwas licht / liegt auf den dingen / etwas / licht aus einem unbekannten tag“.

Esther Kinsky
Aufbruch nach Patagonien
Matthes & Seitz Berlin
2012 · 88 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-882215854

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