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Kritik

Pirate Parrot Charms

Hamburg

Im neuen Band von Eugene Ostashevsky geht es ziemlich her. Die Sprache selbst führt Regie, scheint's, wenn der Russisch-Amerikanische Lyriker Ostashevsky ins Dichten gerät. Es gibt zwar diesen Titel Der Pirat der von Pi den Wert nicht kennt, aber es geht weniger um diesen nämlichen Piraten als um ihn in Verbindung mit seinem Dialogpartner und alter ego, dem Papageien. Was hier auf Deutsch schon nicht hinhaut: pirate und parrot können vice-versa exakt gleichlautend ausgesprochen werden und solcherart ständig die Positionen tauschen. Was Pirat und Papagei lautlich nicht eine Sekunde können. Hier liegt das gesamte Dilemma, denn Ostashevsky ist derart lautmalerisch/ sprachsinnig-aus-Spiel, dass er nicht zu übersetzen ist. Auch nicht von den genialen Uljana Wolf und Monika Rinck. Sie kommen dem Originalton nicht wirklich durchgehend nah. Sie versuchen es, wie hier geschehen, sowohl brav als auch abgefahren (wie zuletzt Rinck in hypno-homullus und Wolf mit O Cadoiro, beide als roughbook 2016 erschienen), aber zur gleichen Zeit. Auch wenn sich Ostashevsky ständig wandelt, so vermisst man etwas die Konsequenz in der Übertragung. Viele Entscheidungen sind äußerst eigenwillig und man befragt automatisch den Mehrwert von "University of Pennsylvania" zu "Universität Mainz" oder "Little Orphan Annie" zu "Udo Jürgens". Stellenweise gibt es eher bemühte Konstruktionen, die nicht ganz abheben wollen, nicht frei erscheinen:

"[...]
A boatman, who was boating said, "Here's a bird with
a golden throat, I like the singing of her." [...]"

"Ein Bootsmann, der da eben Boot fuhr, sagte:
"Oh, was für ein Vögelchen mit güldener Kehle, es erquickt mich sein holder
Gesang." [...]"

Auch:

"It's a pirate party, it's a pirate party, so shake your booty
It's a pirate party, it's a pirate party, leave duty in Djibouti [...]"

"Hier ist Piratenparty, hier ist Piratenparty, so shake your Schatzi
Hier ist Piratenparty, hier ist Piratenparty, posen für die Paparazzi [...]"

Vielleicht ist das aber auch die bewusste Kapitulation vor dem Sprachmonster Ostashevsky, der es auch in Einzeilern schafft, brillante Silbendreher in absurde, jedoch nicht unverständliche Neuschöpfungen zu entlassen. Vermutlich ist es gerade hier nicht möglich zu übertragen, und gerade deswegen evident, was Ostashevsky eigentlich sagen will: Sprache und Papagei, Plappern und Nachsprechen sind Therme, die alles in Frage stellen, den gesamten Sinn, die Logik des Sprechens an sich, eine Wittgensteinsche Sicht, die aber nicht grundsätzlich abwertet und ins Bedeutungslose relativiert wird, sondern gleichzeitig spielerisches Aufmachen möglich macht. Es möglich macht, die Grenzen zwischen Sprechen und Bedeutung willkürlich zu verschieben und das Lesen dessen (also nachweisbar Unsinn) genauso viel Plaisir wie Poesiegefühle verschaffen darf. So ist auch das Übersetzen mitunter papageienhaft (eine reine "Äußerung aus Leidenschaft" wie es in einer eingeschobenen Textquelle über die tierische Seele im Text selbst heißt). All dies passt eben auf wundersame Weise ins Konzept, könnte man denken. Die bisweilen trashige Übersetzung kommt den Text nicht unbedingt nahe, wohl aber seinen Aussagen über das a priori Sprechen und das damit einhergehende Ausgrenzen und piratische Navigieren durch endlose (Wahrnehmungs-) Ozeane mit einer Erbeutung von Bedeutungen. Ostashevskys englisches Original ist linksseitig, einsam, verspielt, wie seine Protagonisten, der Pirat und der Papagei, die als Moritatenbewohner, auf eine einsame Insel verschlagen, über das Leben, die Logik und vielerlei Zeug räsonieren, singen, rappen, klagen, existenziellen Slapstick verhandeln. Es erinnert an spielerische, exemplarische Philosophie-Dialoge à la Diderot, nur dass der Text drastisch oszilliert zwischen Gedichtformen, Prosa, Piktogrammen und Collageroman oder Kinderlied. Die rechte Seite (Wolf und Rinck) nähert sich auf anderer Ebene. Sie beleuchten im eckigen, gelehrigen Deutschen die absurdistisch-philosophische Ebene der Dialoge. Das typisch surreale Moment, das vor etwa hundert Jahren im russischen Konstruktivismus und den ihn begleitenden Erscheinungsformen Einzug auch in die Literatur gehalten hat, besonders in den unsterblichen Texten des rätselhaft zwangssatirischen Daniil Charms, als dessen Anwalt Ostashevsky unter anderem zu gelten hat, kommt zur Gänze betörend hervor. Hence, Daniil is alive and well and living in... könnte man sagen. Das ist das Schöne. Die gesamte Gelehrsamkeit Ostashevskys mit unzähligen Verweisen, Anspielungen, Verspielungen und enzyklopädischem Formenreichtum baut die Brücke zu einer der interessantesten sprachlichen Strömungen der Literaturgeschichte, hält sie aufrecht und führt sie ins Morgen ("DJ Spinoza" ist eine seiner früheren Schöpfungen). Mit dem Kookbooks-Piratenbuch ist seine gesamte Herangehensweise, seine Komplexität, seine Verschmitztheit zu haben. Das Buch sprüht.

"[...]
"Was für ein schönes Lied", sagt der Pirat. "Leider kenn ich nicht alle
                Schiffsnamen drin."
"Egal", sagt der Papagei, "die gucken wir später nach."
"Wann später?", fragte der Pirat.
"Wenn dieses Buch vorbei ist", sagte der Papagei.
Der Pirat versank tief in Gedanken.
"Wird es uns noch geben, wenn das Buch vorbei ist?", fragte er plötzlich.
"Wenn es ein gutes Buch ist", sagte der Papagei."

Eugene Ostashevsky
Der Pirat, der von Pi den Wert nicht kennt · Gedichte · zweisprachig
Aus dem amerikanischen Englisch von Monika Rinck und Uljana Wolf. Umschlag-Poster, gestaltet von Andreas Töpfer.
kookbooks
2017 · 120 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
9783937445830

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