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Kritik

Von Fäden durchwebt

Hamburg

In den schmalen Lyrikregalen der Buchhandlungen grüßen uns alte Bekannte: Goethe, Heine, Brecht, Rilke, Celan, vielleicht stakst auch ein Grünbein durch die Reihen. Die dünnen Werke von Rimbaud und Mallarmé sind einige wenige Buchrücken voneinander entfernt, T.S. Eliot und Pound können sich nur aus weiter Ferne zuwinken. Immer dieselben eigentlich. Ein Giuseppe Ungaretti aber? Findet sich nur manchmal. Der Literaturnobelpreisträger Salvatore Quasimodo? Zeigt sich noch seltener, dabei erschien doch erst 2010 ein Band mit seinen Gedichten in deutscher Übertragung. Eugenio Montale, der 1975 ebenfalls mit dem Preis ausgezeichnet wurde? Ja, der wird sich vielleicht – um nicht zu sagen: hoffentlich – bald häufiger blicken lassen.

Durch die Wiederveröffentlichung des 1987 erstmals erschienenen Bandes »Gedichte 1920-1954« in der von Michael Krüger  herausgegebenen Edition Akzente des Hanser Verlags wird das Frühwerk eines der wichtigsten italienischen Lyriker des 20. Jahrhunderts endlich wieder dem deutschen Publikum zur Verfügung gestellt. Das ist nicht nur deswegen zu begrüßen, weil Montales Gedichte nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt haben. Sondern auch, weil die italienischsprachige Lyrik der klassischen Moderne in Deutschland zu Unrecht unterrepräsentiert ist. Die Lyrik des Ermetismo (Hermetismus), so der unglücklich gewählte Begriff, unter dem die Arbeiten von unter anderem Ungaretti, Quasimodo und Montale zusammengefasst wurden, wird im deutschsprachigen Raum anscheinend kaum gelesen.


Eugenio Montale Source: Wikipedia

Woran liegt das eigentlich? Sowohl bei der schreibenden Leserschaft als auch den internationalen Jurys stand sie hoch im Kurs. Doch selbst die kongenialen Übersetzungen Celans und die sorgfältige Auseinandersetzung Ingeborg Bachmanns mit den Texten Ungarettis konnten wenig daran ändern, dass der Mallarmé-Adept im deutschsprachigen Raum weitestgehend ignoriert wurde. Die prestigeträchtigen Auszeichnungen für Quasimodo und Montale halfen denen scheinbar ebenfalls nicht weiter. Vielleicht ist das einer genereller Übervorsicht geschuldet: Italienisch ist als Zweit- oder Drittsprache weniger verbreitet als Englisch oder Französisch, eine Übersetzung muss also herhalten. Und der muss gezwungenermaßen vertraut werden. Heikel, immer. Im Falle der Celanschen Ungaretti-Übertragungen natürlich umso mehr: Dass der sich nicht um Eins-zu-eins-Übersetzungen bemüht und stattdessen die poetische Essenz des jeweiligen Gedichts ausgequetscht und neu aufgearbeitet hat, verfremdete das Ausgangsmaterial zwangsläufig.

Hanno Helbling leistete sich keine interpretatorischen Kapriolen wie Celan das tat und hielt sich bei seiner Bearbeitung von Montales drei Bänden Ossi di seppia (Tintenfischknochen), Le occasioni (Anlässe) und Finisterre/La bufera e altro (Finisterre/Stürme) nah am Text des Originals. Das bietet sich zugegebenermaßen auch eher an als es bei Ungaretti der Fall sein könnte – denn anders als der hielt sich Montale mit der Rätselhaftigkeit noch bedeckt. Wo Ungaretti mit zwei enigmatischen Zeilen und eleganten Wortspielen die Sprache zum Leuchten bringen konnte, da lädt Montale, nicht unähnlich Quasimodo, zum Versinken in subtilen Narrativen und dichten Momentaufnahmen ein.

So musikalisch sich Montales freie Verse mit ihren dezenten Rhythmen und kraftvollen Klanglichkeit – ein Blick ins Original lohnt sich selbst bei mangelnden Italienisch-Kenntnissen ungemein – lesen mögen, gänzlich opak sind sie keineswegs. Das Schlagwort Hermetismus zumindest verfehlt eigentlich den Sachverhalt. Denn obwohl auch Montales Lyrik sprachmagisch aufgeladen ist, sich in Anspielungen und kühnen Metaphern ergeht: Montale war kein Verfechter von sperrigen ästhetizistischen Turnübungen, sondern ein Meister der Evokation, der Schemen gekonnt zu Szenen verdichten konnte.

Schon das Eröffnungsgedicht von Ossi di seppia ist modernistisches Manifest wie auch liebevolle Hommage an die Poesie zugleich. Es beginnt mit einer kleinen ironischen Spitze:

Ascoltami, i poeti laureati
si muovono soltanto fra le piante
dai nomi poco usati: bossi ligustri o acanti.

Die preisgekrönten Dichter, weißt du, sie
bewegen sich bloß unter den Gewächsen
mit seltenen Namen: Buchsbaum, Liguster, Akanthus.

Das Ich des Textes begnügt sich aber mit den profaneren (wenngleich literarisch tradierten) Zitronenbäumen und findet dort nicht nur Ruhe, sondern auch seine Inspiration:

Vedi, in questi silenzi in cui le cose
s’abbandonano e sembrano vicine
a tradire il loro ultimo segreto,
talora ci si aspetta
di scoprire uno sbaglio di Natura,
il punto morto del mondo, l’anello che non tiene,
il filo da disbrogliare che finalmente ci metta
nel mezzo di una verità.

In solchen Stillen, siehst du, wo die Dinge
sich gehen lassen, und es scheint, sie geben
bald ihr innerstes Geheimnis preis,
da rückt ein Fehler der Natur heran
zum Greifen nah, der tote Punkt der Welt,
der Ring, der nicht mehr hält,
der Faden, kaum entwirrt, er führt uns endlich
mitten in eine Wahrheit.

Das zeugt nicht nur von Montales Vertrauen in die Möglichkeiten der Sprache, sondern auch von seiner dichterischen Programmatik. Die italienische Landschaft wäre aus seinen Gedichten nicht wegzudenken. Verse, die von Vogelgezwitscher durchdrungen und dem sachten Rauschen der lichtdurchfluteten Baumwipfel erfüllt sind – in denen sich aber immer zugleich noch mehr hinter den Bildern abspielt. Und vor allem inmitten der Kulisse.

Etwas nämlich unterscheidet Montale entschieden von den französischen Vorbildern wie Rimbaud und Mallarmé, auf die er immer wieder anspielt: Er versuchte gar nicht erst, das subjektive Element aus seinem Schreiben herauszuhalten. Im Zentrum steht hingegen so gut wie immer ein Ich. Montale brachte das den Ruf ein, autobiografisch geschrieben zu haben. Von der Hand weisen lässt sich das einerseits nicht, andererseits wäre es aber zu simpel, sein Werk – zumindest sein frühes – darauf zu reduzieren. Erleichtert wurde ihm das von einer Eigenart der italienischen Sprache, in der das Wort io/ich nur im seltensten Falle überhaupt verwendet wird. Es reicht das konjugierte Verb. Soll im übertragenen Sinne heißen: Das Ich definiert sich über sich über seine Taten. Kann auch heißen: Es konstruiert sich aus den Beziehungen zu der Welt um sich herum.

Voi, mie parole, tradite invano il morso
secreto, il vento che nel cuore soffia.

Ihr, meine Worte, deckt ein wohlgehegtes
Geheimnis auf; das windgeregte Herz.

heißt es an anderer Stelle. Das Ich als Ursprung dessen, was es überhaupt zum Ich macht. Das Verhältnis von Schriftsteller zu seiner Poesie. Ein intimes Bild, das Allgemeingültigkeit für sich beansprucht. Wie es Montales Gedichte eben meistens tun: Sie schaffen Nähe, laden aber nicht zum Privatissimum. In ihnen tritt Montale selbst in einen Dialog mit der Sprache und verliert sich nicht in ihr. Er schafft mit seinen Worten zwar Räume, Offenheit und Projektionsflächen, ergeht sich aber nicht in Willkür.

Jedes Gedicht trägt sein Geheimnis in sich und ist gleichzeitig von Fäden durchwebt, die, sobald sie entwirrt sind, mitten in eine Wahrheit führen. Im Kern ist Montales Dichtung nichts weiter als eine beharrlich wiederholte Liebeserklärung an eine Sprache, die immer schon Hoffnung in sich trägt.

Eugenio Montale
Gedichte
1920-1954 Zweisprachige Ausgabe
Übersetzung:
Hanno Helbling
Hanser
2012 · 496 Seiten · 27,90 Euro
ISBN:
978-3-446242548

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