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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
Kritik

Der ultimative Doppelklick

Hamburg

Nicht mehr lange, und wir werden sein wie die kleinen Kinder, die glücklich und selbstzufrieden ihre Autos durch die Disneyland-Attraktion Autotopia steuern. Sie glauben, selbst bestimmen zu können, wohin es geht, doch in Wahrheit werden ihre Fahrzeuge mittels einer unsichtbar in den Boden eingelassenen Schiene immer wieder zurück zur Fahrbahnmitte gelenkt.

In seinem neuen Wälzer „Smarte neue Welt“ überträgt Evgeny Morozov (geboren 1984 in Weißrussland) dieses eindrückliche Bild gefahrenminimierter Freiheitsillusion auf unsere durchdigitalisierte Welt. Letztendlich, so argumentiert er, sind all die „Nudges“, die uns tagtäglich erreichen – Amazon-Vorschläge, Twitter-Trends, individualisierte Werbung am Rand unsere Lieblingswebsites, der hierarchisierte Facebook-Newsfeed unserer Freunde – nichts anderes als genau diese unsichtbare Schiene, die uns, ohne dass wir es merken, unseres freien Willens beraubt.

Seine Beweisführung ist so eloquent wie verführerisch, aber durchaus auch mit Vorsicht zu genießen – bzw. mit derselben Skepsis, die er den sogenannten „Internetzentristen“ und deren Handlangern im Silicon Valley angedeihen lässt. Mit der Behauptung, es gäbe nicht „das Internet“ (das er konsequent in Anführungszeichen setzt), nimmt Morozov sowohl den Über-Geeks als auch den Technik-Hassern dieser Welt den Wind aus den Segeln und geriert sich gleichermaßen als außerhalb dieser Dialektik stehend. Der Vorschlag hingegen, aufzuhören, „dem Internet“ eine quasi mythische Qualität zuzuschreiben und stattdessen die Terminologie zu präzisieren (Peer-to-Peer-Netzwerke, Suchmaschinen …) erscheint logisch und praktikabel.

Auf 600 Seiten dekonstruiert Morozov nicht nur „das Internet“, sondern schüttelt Kapitel für Kapitel die Black Boxes Facebook, Twitter, Google und Konsorten, bis wir nicht mehr umhin können einzusehen, wie sehr wir schon lange von unsichtbaren Mächten gelenkt und gehirngewaschen werden. Aber ist seine Botschaft wirklich so offensichtlich, dass wir das Buch nach zwanzig Seiten weglegen könnten?

Zugegeben, in „Smarte neue Welt“ finden sich viele Redundanzen. Und manch einer mag sich nach der Hälfte fragen, ob das dreißigste Beispiel wirklich notgetan hätte, um zu beweisen, wir sehr wir unsere moralische Integrität und Entscheidungsfähigkeit einbüßen, wenn wir uns faul zurücklehnen und von undurchsichtigen Unternehmen mit mundgerechten Informationshäppchen füttern lassen.

Einzeln betrachtet jedoch macht es durchaus Sinn, all die digitalen Aktionen, die wir so selbstverständlich ausführen wie den Griff zur Zigarette oder zur Zahnbürste, tatsächlich einmal zu durchdenken, den Weg zurückzuverfolgen, den die Informationen nehmen. Und das tut Morozov, trotz aller Großspurigkeit, umfassend und meisterhaft.

Nehmen wir die „Doppelklickmentalität“ -  gewohnt, mit ein paar Klicks innerhalb von Sekunden die gewünschte Information zu erhalten, hinterfragen wir selten, wie diese in unseren Browser gelangt. Als Beispiel führt Morozov das Projekt „Truth Goggles“ an, mit dem man Artikel per „PoltiFact“ nach „Wahrheit“ überprüfen lassen kann – doch welches ideologische Grundgerüst hinter dieser „Wahrheit“ steckt, bleibt in der Black Box der Algorithmen verborgen.

Meme (wie beispielsweise „Hunde mit Augenbrauen“ oder „Filmstars ohne Zähne“), die automatische Vervollständigung von Suchanfragen, Trend-Signale – all das entsteht nicht einfach, sondern unterliegt genau wie die gute alte Werbung der Manipulation durch die PR-Industrie und wird verstärkt durch entsprechende Filter bei Google, Facebook, YouTube, Twitter & Co. Die digitale Befreiung von „Gatekeepern“, so Morozov, ist ein Irrglaube; stattdessen hat das Internet neue Vermittler hervorgebracht, die sich hinter der vermeintlichen Neutralität der Algorithmen verstecken und somit schwer anzutasten sind.

Die Schlagwörter „Offenheit“ und „Transparenz“, die dem Internet oftmals – und laut Morozov fälschlicherweise – als inhärente Qualitäten zugeschrieben werden, bilden dazu keinen Widerspruch. Im Gegenteil. Transparenz gilt schließlich nicht für die zugrunde liegenden Strukturen; transparent werden soll lediglich das „quantifizierte Selbst“, das seine eingenommenen Kalorien per FoodScanner zählt, sein aktuelles Gewicht automatisch allen Twitter-Followern verkündet und seine Mülltrennungsgewohnheiten per BinCam preisgibt. All dies in der Hoffnung, durch eine lückenlose Erfassung des eigenen Lebens in Zahlen ein „wahres Kernselbst“ zu enthüllen, dass es von allen anderen unterscheidet. Daran, dass der allgemeine Enthüllungswahn diejenigen, die nicht mitmachen (wollen), immer suspekter erscheinen lässt, denken die wenigsten. Doch es gibt eben keinen universellen Benchmark, anhand dessen sich menschliche Handlungen „objektiv“ bewerten lassen: „Etwas durch einen rein technischen Befehl zu einem Nudge zu machen, setzt hinsichtlich der Ziele und Mittel einen gesellschaftlichen Konsens voraus, der eventuell noch gar nicht besteht.“

Hinzu kommt, dass sich nicht alle Sphären des Lebens (Politik, Kunst, Lernen) auf „Offenheit“ und „Transparenz“ zuschneiden, geschweige denn „gamifizieren“ lassen. Wir müssen einsehen, so Morozov in seiner typisch polemischen Art, „dass Politiker keine Luftmatratzen oder Haartrockner sind, die sich anhand einer Fünfsterneskala bewerten lassen“. In ähnlicher Weise mag Crowdfunding zur Finanzierung von Kunstprojekten als Zusatzangebot fungieren, darf jedoch die traditionell kuratierte Kunstförderung nicht ersetzen. „Bedeutende Kunst soll häufig schockieren und provozieren. Sie ist nicht dazu gedacht, ,Gefällt-mir‘-Klicks auf Facebook zu sammeln oder über Kickstarter Geld aufzutreiben.“ Zugegeben: He has a point there.

Seine dystopischen Schlussfolgerungen sind natürlich übertrieben: eine komplett der Logik des Marktes unterworfene Politik, immer populistischere (sprich: langweiligere) Kunst, auf schnelles Output hin ausgerichtete Lehre, die jede Fähigkeit zur Analyse komplexer Zusammenhänge unterbindet. Aber nun gut. Welcher populäre Sachbuchautor selektiert nicht seine Beispiele, spitzt seine Argumentationen nicht effektgerecht zu? Immerhin versieht Morozov alles, was er seinen Leser_innen da um die Ohren haut, mit einem Augenzwinkern. „Radikalen Selbstzweifel“ empfiehlt er in seinem letzten Satz als Methode des Widerstands gegen den technologisch unterfütterten Solutionismus. Das klingt zunächst ironisch, da er selbst diese Eigenschaft, so er sie denn besitzt, auf den letzten 600 Seiten gut zu verbergen wusste.

Doch schließlich geht es in „Smarte neue Welt“ ganz wesentlich darum, das verführerisch Angerichtete, das mundgerecht Portionierte nicht einfach so zu schlucken. Wir müssen wieder mehr eigene Entscheidungen treffen, so sein Credo. Und wenn wir entscheiden, uns steuern zu lassen, dann müssen wir es bewusst tun. „Das Unperfekte, das Doppeldeutige, das Undurchsichtige, die Unordnung und die Möglichkeit, sich zu irren, zu sündigen, das Falsche zu tun: All das macht die menschliche Freiheit aus.“ Vielleicht sollten wir mit diesem Buch also genau das tun, wozu uns sein Autor rät: Den Weg der Informationen zurückzuverfolgen. Also: Woher kommt Morozov? Wohin will er? Welche Erfahrungen und Theorien haben ihn dazu gebracht, die Positionen zu vertreten, die er in „Smarte neue Welt“ vertritt? Wenn wir uns nach dem Lesen diese Fragen stellen, hat der Autor sein Ziel zumindest ein Stück weit erreicht.

Evgeny Morozov
Smarte neue Welt
Digitale Technik und die Freiheit des Menschen
Übersetzung:
Henning Dedekind und Ursel Schäfer
Blessing
2013 · 656 Seiten · 24,99 Euro
ISBN:
978-3-89667-476-0

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