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Kritik

Wenn wir plötzlich Orangensaft trinken, zusammenhanglos

Hamburg

Farhad Showghi erlebt man bei Lesungen höchst konzentriert, ruhig, „bei sich“. Sein neuer, bei kookbooks erschienener Gedichtband In verbrachter Zeit bestätigt diesen Eindruck – wirft aber auch einige neue Fragen zu Ordnung, Komposition und Ausgestaltung von Lyrik auf.

Nach jüngsten Einzelveröffentlichungen in den Zeitschriften STILL und Edit reüssiert Showghi, dessen Gedichte bereits in so unterschiedlichen Häusern wie Urs Engeler, Wallstein und dem Hamburger Rospo Verlag erschienen, nun bei kookbooks. Das ist ein schönes Zusammentreffen, gibt sich doch Gestalter Andreas Töpfer seit einiger Zeit die besondere Mühe, die von Daniela Seel herausgegebenen Bände mit passenden großformatigen Postern auszustatten, die gefaltet gleichzeitig die Funktion des Buchumschlag übernehmen. Schön deshalb, weil Töpfer sich für die Poster-/Umschlaggestaltung von In verbrachter Zeit mit mehreckigen Fliesen, den so genannten Girih-Kacheln, beschäftigt hat, die im islamischen Kulturkreis Bauwerke und Gärten zieren. Jetzt zieren sie also auch Farhard Showghis Buch – und das darf keineswegs als ein vorgreifender Orientalismus verstanden werden, denn gleich im ersten Kapitel von In verbrachter Zeit geht es genau dorthin, wo die Girih-Kacheln Alltag sind: Nach Mahmoudabad, nach Meybod, durch Straßen, die nach Dr. Hossein Fatemi benannt sind, und wo Honigtöpfe, Nüsse, Waben und Granatapfelbäume zu finden sind.

Vielleicht musste Farhad Showghi, der in Prag geboren wurde und seit einigen Jahren im Hamburg lebt, erst Umwege nehmen, um sein Kindheitsland Iran wiederzuentdecken – vielleicht ist das aber auch viel zu psychologisch gedacht. Denn fest steht in diesen Gedichten ohnehin recht wenig, die, gerne mit einer intrikaten Grammatik ausgestattet, ganz profane Alltagsvorgänge wie Schauen, das sich Bewegen, Essen und Trinken beschreiben.

Showghi wählt dafür die Spezialgattung des Prosagedichts. 67 davon finden sich in diesem Band, manche umfassen nur eine Zeile, über eine halbe Seite gehen sie nie hinaus. In ihrer lapidaren, ungebundenen Form wirken diese Prosagedichte erst einmal wie hingeworfen. Auch die Aufteilung in drei Kapitel wirkt willkürlich, liest man das dem Band beigegebene Inhaltsverzeichnis, wird es nicht gerade übersichtlicher, die Gedichtüberschriften (die tatsächlich Gedichtanfänge sind) muten austauschbar an: „Wir würden noch gern“, „Ich habe die Zeit“, „Lass uns nachschauen“.

Ist das fehlendes Konzept? Falsches Understatement? Oder aber gerät derjenige Leser, der hier nach äußerer Ordnung schielt, vielmehr auf den Holzweg? Letzteres ist natürlich der Fall. Denn Farhad Showghis Gedichte stehen nicht allein, und hier liegt vielleicht ein weiterer Grund für die Nähe zur Prosa. Diese Gedichte erzählen eine Geschichte, die tatsächlich am Stück gelesen werden kann. Mit bewundernswerter Langsamkeit, gleichsam in einer maximal entschleunigten Slow-Motion-Sequenz, spinnen sie ein Netz von Sinneseindrücken, Wirklichkeitsausschnitten und ganz nah herangezoomten Alltagsbildern: Vögel. Wäldchen. Verrutschte Wäsche auf der Leine. Kissenbezüge, Doppelfensterscheiben. Und immer wieder das Ich und der Umriss, die Ränder, Schultern, Hände, Finger, selten auch gegenübergestellte Personen – ein Vater, ein Sohn.

Wie schon weiter oben angedeutet, geht es im ersten Kapitel „Ich muss das meinem Vater erzählen“, dem erstaunlicherweise ein Robert-Walser-Zitat aus den Geschwistern Tanner vorangestellt ist, um eine Reise, und der Titel und einzelne Details deuten eine Vater-Sohn-Beziehung an. Diese Reise setzt sich fort, nach Iran, durch die Wüste, in Dörfer, dann zur Stadt und wieder in die Natur, die im Mittelteil einen eigenartigen Schwebezustand annimmt. Im letzten Kapitel schließlich verliert sich die Konkretheit, die titelgebende „verbrachte Zeit“ selbst wird zum Thema. Ganz am Schluss taucht für einen winzig kleinen Moment ein Sohn auf, und damit schließt sich geschickt der Kreis zum ersten Kapitel.

Das Robert-Walser-Zitat kommt nicht von ungefähr: Farhad Showghi, der einen sehr experimentellen Umgang mit Grammatik und Syntax pflegt, beeindruckt tatsächlich mit einem schier unerschöpflichen Sprachschatz, aus dem er diese hypersensiblen und gleichzeitig sehr minimalistischen Prosagedichte formt. Uneitel, aber doch mit großer Detailversessenheit – frei lässt sich weiter zu Robert Walsers Miniaturen Aus dem Bleistiftgebiet assoziieren – hält er in ihnen wunderbar umständlich die noch flüchtigsten Sinneseindrücke fest. Das verlangt freilich einen ebenso konzentrierten wie hingebungsvollen Leser, der bereit ist, dieses immer haarscharf an den Regeln der deutschen Sprache entlang tänzelnde Spiel mitzuspielen. Aber wenn das Werk die Totenmaske der Konzeption ist, wie es Walter Benjamin einmal ausgedrückt hat, schafft es ein Gedichtband wie In verbrachter Zeit, durchaus als Gesamtkunstwerk, Showghis Lyrik so lebendig wie möglich zu halten. Am allerbesten ist es jedoch, diese Gedichte im mündlichen Vortrag zu erleben, was im Prinzip für jede Form der Lyrik gilt, in diesem Fall aber noch einmal ganz besonders empfohlen sei.

Farhad Showghi
In verbrachter Zeit
Mit Umschlagposter gestaltet von Andreas Töpfer
kookbooks
2014 · 96 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
9783937445632

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