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Kritik

Vers und Ferse

Eine Zeile
Hamburg

Mit Nee die Ideen. Pataphysische Fermaten legt der Verlag Matthes und Seitz in diesem Herbst neben der umfangreichen Tagebucharbeit Leben und Werk einen zweiten Band mit Texten des Schweizer Lyrikers, Prosaautors und Slawisten Felix Philipp Ingold vor. Dass Ingold Slawist ist, scheint mir in diesem Zusammenhang besonders erwähnenswert, denn er bedient sich in vorliegendem Buch einer Form, die im deutschen Sprachraum weit weniger Verbreitung gefunden hat, als anderswo. (Natürlich hat Goethe mindestens einen Einzeiler geschrieben und es wäre verwunderlich, wenn nicht, auch wenn er ihn nicht in dieser typisch Goethe’schen etwas altväterlichen Diktion geschrieben hätte).  Man kann ihn im Internet nachlesen, denn er gilt natürlich als Beispielhaft.

Der Einzeiler (oder das Monostichon) ist eine besondere lyrische Form. Wie der Name sagt, besteht sie aus einem einzigen Vers, der das ganze Gedicht bildet.

Paradoxer Weise kann man aber an diesem Minimalismus einiges festmachen, was ein Gedicht überhaupt bestimmt. Abgesehen vom Endreim finden sich nämlich im Einzeiler fast alle formalen Funktionen des Verses versammelt. Rhythmus und Binnenreim. Der Vers selbst zeigt sich als lebensfähige Einheit. Deshalb scheint es mir auch wenig verwunderlich, warum der Einzeiler im deutschsprachigen Raum so wenig praktiziert wird, denn die deutsche Dichtung ist seit jeher stark in Sinnzumutung befangen (natürlich bestätigen hier Ausnahmen die Regel). Aber noch bei Morgenstern finden sich die Ausbrüche aus dem Diskursiven als Parodie. Ob Aufklärer oder Mystiker, dem Deutschen scheint, greift es zur kleinen und kleinsten Form, der Aphorismus, also die Prosa, viel eher zu entsprechen.

Mit Geballtes Schweigen veröffentlichte Ingold bereits 1999 eine Sammlung von zeitgenössischen russischen Einzeilern, die von ihm ins Deutsche übertragen wurden. Es mag sein, dass daher die Motivation kam, eine eigene Sammlung zu erarbeiten. Und bei allem Minimalismus der Texte im Einzelnen ist hier ein durchkomponiertes Großwerk entstanden. Allein im Satz des Buches tritt eine unglaubliche Sorgfalt der Gestaltung zu Tage.

Jedes einzelne Gedicht des Bandes nimmt trotz variierender Länge eine einzige Zeile ein. Das führt dazu, dass einige Verse im Querformat gedruckt worden sind. Aufgrund des Durchscheinens der Lettern durch die Seiten ergibt sich im Buch eine filigrane Gitterstruktur. Deutlich wird hier bereits die grafische Qualität, die im Gedicht liegt, und in welcher das Gedicht sich vom Prosatext unterscheidet. Lyrik ist an sich schon Bild. Und Klang. (Das ist eine Gegebenheit, auf der im Prinzip das gesamte Schaffen von Autoren wie Carlfriedrich Claus óder Valeri Scherstjanoi gründet, und sie findet sich in Nee die Ideen auf eindrucksvolle Art belegt.)

Vielleicht noch etwas zum Nebentitel Pataphysischr Fermaten. Hier spielt Ingold auf den Autor Alfred Jarry an, dessen König Ubu zu den Gründungstexten des Absurden Theaters gehört. Pataphysik bezeichnet dabei eine absurde Form der Theoriebildung. Beides, Pataphysik und Fermaten, also die Dehnung des Klangwerts bis zum Doppelten findet sich im Titel Nee die Ideen aufgehoben, in der Dehnung des Vokals E. Also schon im Titel des Buches kündigt sich jenes Spiel mit der Ernsthaftigkeit an, dass im Buch selbst Einzeiler für Einzeiler dekliniert wird.

Um die Spanne deutlich zu machen, hier zwei Beispiele, die aber nur Beispiele für Beispiellosigkeit der Texte  sein können:

Die besten Hiebe kommen hinterher. Wie Sinn.

Statt sei! Wird Eis gewesen sein.

Ein Nachwort der Komparatistin Sabine Mainberger, der die Überschrift der Rezension zu verdanken ist und der man die Lust anmerkt, die die Texte erzeugen, schließt den Band auf das Beste ab.

Felix Philipp Ingold
Nee die Ideen
Pataphysische Fermaten
Mit einem Nachwort von Sabine Mainberger
Matthes & Seitz
2014 · 224 Seiten · 22,90 Euro
ISBN:
978-3-88221-040-8

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